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Bücher

Vive la France - Zwischen zwei Buchdeckeln (I)

Nicht nur wegen der Präsidentschaftswahl steht Frankreich in diesem Jahr im Fokus. Im Herbst wird die Grande Nation Gastland der Frankfurter Buchmesse sein. Ein erster Blick auf ihre literarischen Neuerscheinungen.

Isabelle Autissier: Herz auf Eis

Soweit sie sich erinnern, haben Robinson und all die anderen Schiffbrüchigen nicht so viel Zeit damit verbracht, das Essen zu beschaffen.

Isabelle Autissier ist in ihrer Heimat vornehmlich als Seglerin bekannt. Sie war die erste Frau, die im Rahmen einer Regatta 1991 allein die Welt umrundete. Dass Sportler und Abenteurer ihre Erfolge in Buchform versilbern, kommt oft vor. Nicht jedoch, dass dann auch große Literatur folgt. Autissiers Roman "Herz auf Eis", in Frankreich 2015 erschienen und für den Prix Goncourt nominiert, ist eine packende Abenteuergeschichte um ein Paar, das eine Auszeit vom Alltag nimmt und zu einer Segelreise aufbricht. Louise und Ludovic geraten in einen Sturm und es verschlägt sie auf eine abgelegene Insel im Südatlantik.

Die Ausgangssituation ist nicht neu, Daniel Defoes Klassiker "Robinson Cruose" ist einer der berühmtesten Romane der Literaturgeschichte. Doch der 1956 in Paris geborenen Französin Autissier gelingt Erstaunliches: Sie beschreibt den existenzialistischen Überlebenskampf Louises und Ludovics mit einer Dringlichkeit und Detailkenntnis, die den Eindruck erweckt, sie würde die Geschichte zum ersten Mal erzählen. Es geht um die Kunst der Essensbeschaffung und des Überlebens in rauer Natur - und natürlich um das Leid der Protagonisten, in der Isolation zu leben. Am Ende des Romans spricht Autissier dann auch noch ganz andere Fragen an: So ist "Herz auf Eis" nicht nur ein großartiges Buch vom Überleben in der Einsamkeit, sondern auch eines über das Leben in der Masse.

Isabelle Autissier: Herz auf Eis, übersetzt von Kirsten Gleinig, Mare Verlag, 224 Seiten, ISBN 978-3-86648-256-2.

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Jérôme Ferrari: Ein Gott ein Tier

Alles ist da, und alles ist verloren. Du wusstest nicht, dass man sein Zuhause verlieren kann, wie man ein Ding verliert. Zwischen Dir und dem, was deine Bleibe war, gibt es eine feine, unüberwindliche Scheibe, hinter der man dich ins Exil gesandt hat…

Auch der namenlos bleibende Protagonist in Jérôme Ferraris Roman "Ein Gott ein Tier" kehrt nach langer Zeit der Abwesenheit in die Heimat zurück. Auch er kann sich nicht mehr einfinden in das Hier und Jetzt des Alltags. Er war Söldner in französischen Diensten im Nahen Osten und hat als einziger überlebt, seine Kameraden sind bei Selbstmordattentaten ums Leben gekommen. Der Roman, nur 100 Seiten stark, ist in einer hochkonzentrierten Prosa geschrieben, die an antike Gesänge erinnert. Erzählt wird die Geschichte des Söldners durchweg in der zweiten Person.

Auch hier wird dem Protagonisten eine Frau zur Seite gestellt: Magali, eine ehemalige Jugendfreundin. Auch sie befindet sich in einer existenzialistischen Krise. Magali arbeitet als Headhunterin für einen internationalen Konzern. Das Wiedersehen der beiden nach so langer Zeit gerät zu einem Desaster. Dieser tief pessimistische Roman vereint gleich zwei große Krisen der Gegenwart: die neuen Kriege in Nah- und Fernost nach dem 11.September 2001 und die Folgen der Weltwirtschaftskrise von 2008. "Ein Gott ein Tier" erschien in Frankreich schon 2009. Jetzt liegt dieses schmale, eindrucksvolle Buch auf Deutsch vor und hat nichts von seiner drängenden Aktualität verloren.

Jérôme Ferrari: Ein Gott ein Tier, übersetzt von Christian Ruzicska, Secession Verlag, 110 Seiten, ISBN 978-3-906910-02-4.

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Patrick Deville: Viva

Die rationalistische Kultur Europas hat Pleite gemacht, und ich bin nach Mexiko gekommen, um nach den Fundamenten einer magischen Kultur zu suchen, deren Kräfte vielleicht immer noch aus dem indianischen Boden hervorsprudeln.

Zwar steht auf dem Buchdeckel von Patrick Devilles Buch "Viva" die Bezeichnung "Roman", doch könnte das den Leser auf eine falsche Fährte locken. Man kann "Viva" ebenso als Literatur- und Kulturgeschichte mit besonderer Berücksichtigung der mexikanisch-europäischen Beziehungen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts interpretieren. Oder als politische Geschichte der Linken unter besonderer Berücksichtigung des Aspektes der Selbstzerfleischung.

Patrick Devilles Buch ist ein prall geschriebener und bis oben gefüllter Zauberkasten mit Hunderten von Namen, Dutzenden Hauptdarstellern (Leo Trotzki und der amerikanische Schriftsteller Malcolm Lowry und dessen Roman "Unter dem Vulkan" sind die hervorstechendsten), diversen Schauplätzen und allerlei Zeitsprüngen. Der Franzose Deville ist ein Meister der kühnen Assoziation und phantasievollen Verknüpfung. Ein paar kulturgeschichtliche Kenntnisse sollte der Leser aber schon mitbringen bei der Lektüre. Dann erschließt sich "Viva" als grandioses Buch über den Zusammenhang von Literatur und Zeitgeschichte, Politik und Psychologie. Sehr unterhaltsam darüberhinaus und ungeheuer inspirierend, entfaltet der Autor einen weiten kulturgeschichtlichen Kosmos - Chapeau!

Patrick Deville: Viva, übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller, Bilger Verlag, 256 Seiten, ISBN 978-3-03762-062-5.

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Vincent Almendros: Ein Sommer

Diesen Sommer hatte er mich auf sein Segelboot eingeladen, um ein paar Tage auf dem Meer zu verbringen.

Almendros' Erzählung "Ein Sommer" wurde 2015 in Frankreich mit dem Prix Françoise Sagan ausgezeichnet, als "schönster Roman des Frühlings". Das war eindeutig ein Fehlurteil. Offenbar haben die Jurymitglieder den Titel des schmalen Bandes nicht wörtlich genommen. Denn "Ein Sommer" ist ein Buch über den Sommer. Flirrende Hitze, laufender Schweiß und erfrischendes Meerwasser, kühlender Schatten und Eis - all das prägt den Text von der ersten bis zur letzten Seite.

Der 1978 in Avignon geborene Almendros hat eine kurze, präzise Erzählung mit klassischer Ausgangssituation verfasst: Zwei Paare auf einem Segelboot, die vor einer der schönsten Buchten der Welt kreuzen, Ziel ist die italienische Mittelmeer-Insel Capri. Was sich zwischen den beiden Brüdern und ihren Partnerinnen abspielt, scheint zunächst vorausschaubar. Doch Almendros ist ein zu geschickter Autor, als dass er den Leser nur auf vorhersehbare Pfade schickt. Das Ende bietet eine dicke Überraschung. Doch vor allem gelingt es dem 1978 geborenen Franzosen meisterlich, ein atmosphärisch dichtes sommerliches Tableau vor den Augen des Lesers entstehen zu lassen. Der kann die Hitze auf dem träge dahin schippernden Boot förmlich auf der eigenen Haut spüren. Wie gesagt: ein Sommerbuch.

Vincent Almendros: Ein Sommer, übersetzt von Till Bardoux, Wagenbach Verlag, 96 Seiten, ISBN 978-3-8031-1324-5.

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Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand

Die Familie bringt bloß Gebrochene hervor, Aufständische, Kranke und Unglückliche, die sie instinktsicher ihres Egos beraubt.

Eine der erstaunlichsten Wiederentdeckungen des Jahres  aus unserem Nachbarland - und ein Glücksfall für die deutschen Leser. Octave Mirbeau (1848 - 1917) ist sicherlich kein Unbekannter, sein Roman "Tagebuch einer Kammerzofe" wurde von Jean Renoir und Luis Buñuel verfilmt. Doch vom übrigen Werk des in der Normandie geborenen, damals sehr bekannten Kunstkritikers, Journalisten, Dramatikers und Romanautors liegt in Deutsch heute nur noch sehr wenig in den Buchläden vor.

"Diese verdammte Hand" bietet einen grandiosen Einstieg in Mirbeaus Oeuvre. Das Buch beginnt praktisch immer wieder neu: Ein Erzähler trifft einen alten Freund, der wiederum von einem Freund erzählt. Der gebärdet sich - in Anlehnung an Vincent van Gogh - als Maler zwischen Genie und Wahnsinn. Mit seltener Eindringlichkeit nimmt Mirbeau den Leser mit auf eine Reise in die Psyche einer von Zweifeln angefressenen Künstlerseele. "Diese verdammte Hand" ist ein furioser Kurzroman über verzweifelte Seelen, ein grandioses Buch für Romantiker und Heimatvertriebene.

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand, übersetzt von Eva Scharenberg, 184 Seiten, Weidle Verlag, ISBN 978-3- 9388-0384-4.

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