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Vivaldi to go

Conny Paul3. August 2014

Vivaldis "Vier Jahreszeiten" als App? Mehr als das: Es ist eine Gegenüberstellung des Originals mit einer "Recomposed-Version" des britischen Musikers Max Richter. Musikredakteur Conny Paul hat die App getestet.

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Screenshot App mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten"
Bild: DG

Eine App für den stolzen Preis von knapp 10 Euro sollte auch einen erkennbaren Gegenwert bieten, denke ich mir beim Öffnen des gerade installierten Programms für unterwegs. Die Startseite wirkt logisch strukturiert und leitet den Blick auf die Bereiche "Antonio Vivaldis Original", "Max Richters Recomposed" und "Die Story".

Neugierig öffne ich das "Original" und staune über zuckende Punkte in einer Grafik und über den Klang des 1. Satzes Allegro aus dem ersten Konzert "Frühling". So kennt man das Original und ich freue mich darüber, dass die Deutsche Grammophon eine wirklich herausragende Aufnahme mit Trevor Pinnock und dem von ihm gegründeten Ensemble The English Concert mit dem Solisten Simon Standage für die App beigesteuert hat. Dieser Wohlklang wird allerdings durch die aufflackernden Punkt leicht gestört. Ich muss erst verstehen, was ich da sehe. Schnell erkenne ich, dass diese Punkte die Musiker und die Instrumentengruppen darstellen: Violine 1 und 2, Viola, Basso continuo, Cembalo und Solo Violine. Der Clou: Drückt man mit dem Finger auf einen Punkt, hört man das zugeordnete Instrument fast ganz alleine. Eine nette Idee, die zum Ausprobieren animiert.

Das Orignal als Grundlage

Mehr als bloß ein Gimmick ist die Option, die Partitur synchron zur Musik lesen zu können. Sehr hilfreich für das Verstehen der Musik sind die beiden Menüs "Sonett" und "Kommentar". Die Sonette sollen aus der Feder Vivaldis stammen. Beim 1. Satz Allegro non molto aus dem "Sommer" ist beispielsweise zu lesen: "Unter der erbarmungslosen Sommersonne ermatten Mensch und Herde." Und tatsächlich: Der Text beschreibt die Musik sehr treffend. Im Kommentar steht an dieser Stelle: "Das erste Ritornell beginnt mit langsamen, abgehackt niedersinkenden Achteln, worauf kleine, quasi ersterbende Seufzer aufwärts steigen." Das Sonett beschreibt die Geschichte, die die Musik erzählt und der Kommentar erklärt, mit welchen kompositorischen Mitteln Vivaldi gearbeitet hat. Damit wird die Sache rund.

Screenshot App mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten"
Bild: DG

Richters Kosmos

Zurück auf die Startseite und rein in den Bereich "Max Richters Recomposed". Da sind sie wieder, die zuckenden Punkte im Hauptbild. Anders als im Bereich "Original" gibt es zusätzlich ein Konzertvideo mit dem Geiger Daniel Hope, Max Richter und dem Orchester l´arte del mondo aus drei verschiedenen Kameraperspektiven. Ich tippe auf das Bild, das Daniel Hope zeigt und kann ihn nun groß im Hauptbild beim Spielen betrachten. Das gleiche mache ich mit dem Bild, das alle Musiker zeigt. In der Mitte erkenne ich den Komponisten Max Richter am Moog-Synthesizer. Mir fällt auf, dass ich nicht weiß, was ich gerade höre und öffne die Partitur. Ich bin im 1. Satz Allegro non molto aus dem Konzert "Winter" - allerdings aus der Feder von Max Richter, der sehr kreativ aber auch behutsam mit der musikalischen Vorlage Vivaldis umgeht. Nur wo sind die Unterschiede? Alles klingt doch sehr wie das Original.

Screenshot App mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten"
Bild: DG

Die Geschichte

Ich gehe wieder auf die Startseite und öffne den Bereich "Die Story". Die Geschichte zur App beginnt mit einer Einführung zum Original. Ich erfahre zum Beispiel, dass die Komposition "Vier Jahreszeiten" als erste wirkliche Programmmusik der abendländischen Musikgeschichte gilt. Am Textanfang klicke ich auf ein Video mit dem Titel "Genug ist genug!" Hier ordnet die britische Autorin und Rundfunkjournalistin Suzy Klein das Original ein - sie spricht Englisch und die deutsche Übersetzung läuft simultan in Untertiteln. Auch die nächsten Kapitel enthalten sehr viel Info: über die Entstehungsgeschichte der "Vier Jahreszeiten", über Vivaldis Gesamtwerk. Alles gespickt mit Videos und Hörbeispielen - eine richtige Webdoku zum Mitnehmen.

Aber eigentlich interessiere ich mich ja für die Gegenüberstellung der Originalkomposition mit der von Max Richter. Noch aber arbeite ich mich durch das umfangreiche Angebot. Bis ich endlich auf das Kapitel stoße, das ich suche: Eine Reise durch Max Richters "Recomposed - Vivaldis Vier Jahreszeiten". Die inzwischen mir sehr vertraute Vivaldi-Expertin Suzy Klein lächelt mich wieder an und spricht im Video über Musik und Technologie. Daneben wirft Komponist Richter die Frage auf, was wohl Vivaldi zu seinem Werk sagen würde. Er glaubt, dass Vivaldi an "Recomposed" seinen Spaß gehabt hätte, da er ja selbst fremde Werke bearbeitet hat. Das erheitert mich. Ich lese weiter und freue mich auf die versprochene Gegenüberstellung. Inzwischen fühle ich mich bestens darauf vorbereitet.

Die Gegenüberstellung

Endlich geht's ans Eingemachte: Das nächste Kapitel heißt "Frühling" und bietet die Möglichkeit, taktweise das Original mit dem Recomposed zu vergleichen. Davor starte ich das Video mit Max Richter. Hier erklärt er seine Vorgehensweise beim Re-komponieren der Ouvertüre zum "Frühling". Die größte Herausforderung hätte darin bestanden, eine konsistente und kraftvolle Neubearbeitung zu erschaffen. Und natürlich wollte er auch den ursprünglichen Geist dieses großen Werkes bewahren.

Jetzt aber möchte ich vergleichen. Ich starte das Hörbeispiel mit den Takten 0 bis 6. Eindeutig das Original mit dem berühmten Ritornell der Ouvertüre. Im Video beschreibt Richter, dass er dieses berühmte Riff nur ein einziges Mal kurz zitiert und in eine elektronische Klangwolke mit der Funktion eines "Martinis vor dem Essen" bettet. Ich starte den kurzen Ausschnitt der Richterschen Ouvertüre und erkenne sofort die elektronische Klangwolke, die ohne Orchester an mir vorbeizieht. Das Mini-Zitat des Originals kann ich allerdings nur erahnen. Eines wird mir damit klar: Max Richter hat Vivaldi nicht einfach neu zusammengestellt oder einen Remix angefertigt - er hat ihn tatsächlich "re-komponiert".

Ein Volltreffer. Ich freue mich auf die auf die nächsten Gegenüberstellungen, es gibt ja noch drei Jahreszeiten. Wenn diese mit den Hörbeispielen und Kommentaren genauso nachvollziehbar sind, haben sich die 9 Euro und 99 Cent für die App "Recomposed - Vivaldis Vier Jahreszeiten" gelohnt.

Screenshot App mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten"
Bild: DG
Screenshot App mit Vivaldis "Vier Jahreszeiten"
Bild: DG