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Amerika

"Viva Mexiko?" - Der Freiheitskampf geht weiter

Lateinamerika feiert dieses Jahr seine 200-jährige Unabhängigkeit von Spanien. Kein Land lässt sich das Fest so viel kosten wie Mexiko. Zum Feuerwerk kamen enorme Sicherheitsvorkehrungen.

Mexiko: Kostüm-Parade zum Unabhängigkeitstag (Foto: AP)

Kostüm-Parade zum Unabhängigkeitstag

"Viva México! – Es lebe Mexiko!" Jeden 16. September schallt dieser Ruf durch das Land. Dieses Jahr so laut wie nie. Allein in Mexiko-Stadt kam der Ruf, genau um Mitternacht, aus 60.000 Kehlen, begleitet von acht Tonnen Feuerwerk, einer extra für diesen Anlass gedichteten Hymne, einer gigantischen Parade mit historischen Motiven und Maya-Pyramiden, dazu gab es drei Exta-Feiertage.

Mexiko feiert das 200-jährige Jubiläum des "Grito de Dolores", sozusagen der Urschrei dieser Tradition. Damals, am 16. September 1810, ließ der Priester Miguel Higaldo in seinem Heimatdorf die Glocken läuten, trieb die Marktleute zusammen und rief zum Aufstand gegen die spanischen Kolonialherren auf: "Es lebe die Jungfrau von Guadalupe! Es lebe Mexiko!". Damit begann der mexikanische Freiheitskampf. Doch bald wendete sich das Blatt, Hidalgo geriet in einen Hinterhalt und wurde im Juli 1811 hingerichtet – und damit zum Märtyrer. Mexiko erlangt die Unabhängigkeit erst 1821. Und auch 200 Jahre später befindet sich Mexiko eher im Krieg, als in Feststimmung. In den letzten vier Jahren hat der blutige Drogenkrieg in Mexiko fast 30.000 Tote gefordert.

Eine heftige Debatte

A member of Mexico's military holds an eagle during commemorations for the 1847 battle of the Ninos Heroes, or Heroic Children, a group of cadets who died defending the military academy in Mexico City during the Mexican-American War, during bicentennial celebrations in Mexico City, Monday Sept. 13, 2010. Mexico celebrates the 200th anniversary of its 1810 independence uprising. (Foto: AP)

Wozu die Show? - Das fragt sich nicht nur dieser Soldat

Die konservative Regierung Felipe Calderóns versucht alles, um die Schreckensnachrichten wenigstens diese drei Tage aus den Köpfen zu verdrängen: "Es ist wie der Karneval in Rio, plus eine Olympia-Feier, plus Woodstock, alles an einem Tag", sagte der künstlerische Direktor der Feierlichkeiten Marco Balich. "Für den Preis eines Kriegsflugzeugs kann man den Geburtstag eines Landes feiern." Ein etwas makabrer Vergleich. Die Feierlichkeiten wurden von einem gigantischen Polizeiaufgebot begleitet, Beamte patrouillierten mit Hunden, Hubschrauber kreisten über der Stadt – rund 40 Millionen Dollar (31 Millionen Euro) kostet das Spektakel, das rund zwei Jahre vorbereitet wurde. In manchen Ortschaften des Landes fiel das Fest dagegen aus - aus Angst vor Anschlägen.

Kritik an Drogenkrieg

Zum Tag der nationalen Einheit ist die mexikanische Gesellschaft gespalten: Der militärisch hoch aufgerüstet Krieg gegen die Drogenkartelle ist nicht das Heilmittel, wie es viele erhofft hatten. Besonders deutlich zeigt sich das in Ciudad Juárez: auf gerade mal 1, 5 Millionen Einwohner kamen im letzten Jahr über 2.000 Morde. Gerade dort sehen 70 Prozent der Einwohner den Kampf der Polizei gegen die Drogenbanden als verloren an. Eine Umfrage der spanischen Zeitung El Pais zeigte jedoch auch: über die Hälfte der Bewohner der Region wünscht sich, dass dort der Ausnahmezustand verhängt wird – und nimmt damit auch eine Einschränkung ihrer Bürgerrecht in Kauf. "Angst, Hysterie, Rebellion, all das sind Symptome einer verzweifelten Gesellschaft, die nicht weiß wie sie auf so viel Gewalt reagieren soll“, schreibt María de las Heras, die Autorin der Studie, dazu.

The Metropolitan cathedral is lit by fireworks during bicentennial celebrations in Mexico City's main Zocalo plaza, Wednesday Sept. 15, 2010. (Foto: AP)

Friede, Freude, Blumenkranz? - Mexiko versucht den Drogenkrieg wenigstens für die Festtage zu vergessen.

Dabei ist es die Zivilbevölkerung, die zwischen die Fronten gerät. Am 5. September eröffnete das Militär, nahe eines Militärpostens im Staat Nuevo León, das Feuer auf ein Fahrzeug, in dem Zivilisten saßen. Bei diesem Vorfall starben ein 15-jähriger Junge und sein Vater. Die Tat verursachte im ganzen Land eine Welle der Empörung und ist nicht der einzige Fall von "Kollateralschäden", wie es die Regierung bezeichnet hat.

Gewalt und Misstrauen

"Straffreiheit bei Verletzung der Menschenrechte kommt in Mexiko regelmäßig vor", sagt Alma Noser, Koordinatorin von Amnesty International Mexiko in der Schweiz. Die kriminellen Banden repräsentierten "einen Staat im Staat". Wahlen werden manipuliert, Behörden bestochen, Mexiko gilt als eines der korruptesten Länder Lateinamerikas. Und so werde immer wieder festgestellt, dass in die grausamsten Massakern auch staatliche Beamte involviert sind. Rassismus ist weit verbreitet, die Rechte der indigenen Bevölkerung werden oft mit Füßen getreten. "Mexiko ist nach wie vor ein "sehr geteiltes Land, in höchstem Maße polarisiert, die Politiker scheinen den meisten wenig glaubwürdig und es gibt ein sehr hohes Konfliktpotenzial".

Arm und Reich

Navy marines guard a roadblock at the entrance to the residential compound where the alleged drug kingpin Sergio Villareal Barragan, alias El Grande, was arrested in Puebla, Mexico, Sunday Sept. 12, 2010. Mexican marines captured Villarreal, a presumed leader of the embattled Beltran Leyva cartel who appears on a list of the country's most-wanted fugitives, in a raid Sunday, the government said. (Foto: AP)

Militärisch hochgerüstet - Mexikos Drogenkrieg

Dazu kommen die enormen Unterschiede zwischen Arm und Reich, besonders betroffen ist dabei wieder die indigene Bevölkerung. Kein Wunder, dass für sie am 16. September wenig Grund zum Feiern besteht – die Befreiung von den Spaniern war für sie nur ein Wechsel des Unterdrückers. Und die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise haben mittlerweile auch die mexikanische Bevölkerung erreicht. Viele geben der Regierung die Schuld: 57 Prozent finden, dass es Mexiko heute schlechter geht als vor Calderóns Amtsübernahme 2006, so das Ergebnis einer Umfrage des Instituts "Demotécnica". Die enormen Ausgaben für die Bicentenario-Feiern sehen viele daher als "Verschwendung". Alma Noser von Amnesty International: „Die mexikanische Regierung gibt Millionen von Pesos für gigantische Feste aus und lädt Leute aus der ganzen Welt ein, aus Politik, Wirtschaft, Unterhaltung. Und im Rest des Landes fehlt das Geld“. Reformvorschläge hätte die Schweizerin genug: neue Arbeitsplätzen, die Abschaffung der Sonderjustiz für Militärs - ein Grund für die hohe Straflosigkeit im Land. Und um in Mexiko Feste zu feiern, brauche es kein Feuerwerk: "Volksfeste sind Teil der mexikanischen Kultur und haben mit offiziell organisierten, pompösen Festen wenig zu tun."



Autor: Enrique López Magallón
Redaktion: Claudia Herrera-Pahl/ Anne Herrberg

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