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Wissen & Umwelt

Vitamintabletten nützen nichts

Hersteller preisen Pillen mit Antioxidantien an. Damit ließen sich Alterungsprozesse in Zellen stoppen. Der Nutzen ist fraglich, denn Zellen können sich selbst gut gegen oxidativen Stress schützen.

Sogenannter oxidativer Stress in Zellen gilt als eine der Ursachen für viele alternsbedingte Krankheiten wie Demenz, Herz-Kreislauf-Erkrankungen oder Krebs. Zu oxidativem Stress kommt es, wenn bestimmte reaktionsfreudige Oxidantien in eine Zelle eindringen. Das sind Moleküle, die ein oder mehrere Sauerstoffatome zuviel haben, und diese gerne abgeben möchten. Dann reagiert das freie Sauerstoffatom mit einem Eiweißmolekül in der Zelle. Durch diese Oxidation kann das Eiweiß verändert und geschädigt werden. Das ist dann schlecht für die Zelle.

Oxidantien entstehen in der Zelle durch die Zellatmung. Aber auch Umweltgifte, wie zum Beispiel Zigarettenrauch, bringen Oxidantien in den Körper. Es gibt fast ein Dutzend davon. Am bekanntesten sind zum Beispiel Ozon (O3) oder freie Radikale. Diese kommen als Spurengase in der Umgebungsluft vor. Auch Wasserstoff-Peroxid (H2O2), das in flüssiger Form häufig in der Kosmetik, als Desinfektions- oder Bleichmittel genutzt wird gehört dazu.

Vitamine bauen Oxidantien ab

Der Biochemiker Tobias Dick leitet am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg eine Arbeitsgruppe, die sich mit den Wirkungen von oxidativem Stress auf Zellen beschäftigt (Foto: DW/ Fabian Schmidt)

Tobias Dick: "Zellen entsorgen Oxidantien selbst"

Bisher glaubten Wissenschaftler deshalb, dass man sich durch die Einnahme sogenannter Anti-Oxidantien schützen könne. Diese reagieren mit den Oxidantien und sollen sie so unschädlich machen. Bekannte Anti-Oxidantien sind zum Beispiel die Vitamine C und E oder Betacarotin (Provitamin A).

Ärzte sind sich einig, dass die Aufnahme solcher Stoffe im Rahmen einer ausgewogenen Ernährung sinnvoll ist. Anti-Oxidantien in Pillenform können aber nicht als Nahrungsergänzung gegen Alterungsprozesse helfen. "Wir haben sehr gute Langzeitstudien, bei denen kein positiver Effekt zu sehen war", sagt Isabell Keller von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung. "Erkrankungen konnten dadurch nicht zurückgedrängt werden. Im Gegenteil: Man hat leider gemerkt, dass ein größeres Risiko zum Beispiel für die Krebsentstehung aufgetreten ist."

Einen Hinweis darauf, warum das so ist, hat jetzt ein Heidelberger Biochemiker gefunden: Wahrscheinlich brauchen viele Zellen gar keine Unterstützung. Sie kommen auch alleine gut mit dem oxidativen Stress klar.

Hefezellen, in denen oxidiertes Glutathion isoliert wurde und grün leuchtet (Foto: Tobias Dick, Deutsches Krebsforschungszentrum)

Die grün leuchtenden Bereiche zeigen das weggesperrte oxidierte Glutathion in Hefezellen

Zell-Kerker für Oxidationsprodukte

Tobias Dick vom Deutschen Krebsforschungszentrum konnte zeigen, wie das funktioniert: Zellen schützen sich mit einem eigenen Anti-Oxidanz namens Glutathion. Reagiert es mit den eindringenden Oxidantien, isoliert die Zelle das entstandene Oxidationsprodukt und schließt es in einer Art Sicherheitsbereich weg. Später kann die Zelle es wieder langsam abbauen.

"Bisher sind wir davon ausgegangen: Je mehr Glutathion in der Zelle oxidiert ist, desto mehr oxidativen Stress zeigt es an", sagt Dick. Das sei ein Fehler gewesen: "Wir haben jetzt festgestellt, dass diese Korrelation nicht stimmt." Es habe sich gezeigt, so der Biochemiker, dass Zellen viel resistenter und robuster gegenüber oxidativem Stress seien, als man es bisher für möglich gehalten hat.

Den Sicherheitsbereich konnte der Forscher dadurch ausfindig machen, dass er einen Transporter entdeckt hat, der dafür zuständig ist, das oxidierte Glutathion wegzuschaffen. Dick hofft nun, dass es gelingt, den entdeckten Transportprozess pharmakologisch zu beeinflussen. Dadurch könnte man Zellen gegen oxidativen Stress resistenter machen oder auch weniger resistent – falls das zum Beispiel im Rahmen einer Krebstherapie gewünscht wäre.

Obst und Gemüse bringen mehr

Isabell Keller, Ernährungswissenschaftlerin an der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) in Bonn (Foto: Fabian Schmidt)

Isabell Keller: "Fünf mal täglich Obst oder Gemüse essen!"

Anti-Oxidantien benötigt der Körper dennoch auch weiterhin, allerdings bekommt er davon schon genug durch eine gesunde Ernährung. "Die positive Wirkung von Obst und Gemüse ist eindeutig nachgewiesen", so die Ernährungswissenschaftlerin Keller. Neben Vitaminen enthalten die Früchte aller Art auch andere gesunde Stoffe wie zum Beispiel Flavonoide. Das sind farbgebende Substanzen, die in Beeren, Äpfeln, Orangen oder Mohrrüben enthalten sind. Wer sich pflanzenreich ernährt, kann so gut Krankheiten vorbeugen.

Keller empfiehlt fünf Mal am Tag etwas Obst und Gemüse zu essen: für einen Erwachsenen wären das etwa 400 Gram Gemüse und 250 Gram Obst. "Das lässt sich gut erreichen, wenn man schon zum Frühstück etwas Obst isst, beim Mittag- und Abendessen an den Salat denkt, und jetzt im Winter auch mal einen Salat aus Bohnen, Blumenkohl oder Brokkoli macht," sagt Keller. Und auch zwischendurch eigne sich Gemüse-Rohkost und Obst sehr gut zum naschen: "Dann braucht man auch keine Nahrungsergänzungsmittel."

Auswahl an Gemüse und Obst (Foto: Robert Kneschke - Fotolia.com)

Obst und Gemüse enthalten genug Antioxidantien und dazu noch weitere Vitamine und Mineralien

Dennoch gibt es einige Ausnahmen, bei denen Nahrungsergänzungsmittel durchaus sinnvoll sind. Diese sind dann aber keine Anti-Oxidantien. Über jodiertes und fluoriertes Speisesalz kann man einem Mangel dieser beiden wichtigen Mineralien vorbeugen. Auch gebe es ausgewählte Vitamine, die keine Anti-Oxidantien sind, und die bestimmte Menschen als Nahrungsergänzung brauchen. "Schwangeren und Frauen, die schwanger werden möchten, empfehlen wir die Einnahme von Folsäure", sagt Keller.

Dieser Stoff könne das Risiko eines offenen Rückens beim Embryo und Säugling ganz deutlich senken. Die Vitamine K und D seien für Säuglinge in den ersten Lebensjahren wichtig. Das letztere kann aber auch für erwachsene Personen geeignet sein, die nur sehr wenig Sonnenlicht an ihre Haut lassen, weil Vitamin D durch Sonnenlichteinstrahlung in der Haut gebildet wird und bei zu wenig Sonnenlicht ein Mangel entstehen kann.

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