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Wissen & Umwelt

Visionen einer CO2-freien Stadt

Städte stoßen 75 Prozent aller weltweiten CO2-Emissionen aus. Ehrgeizige Neubauprojekte in Abu Dhabi, China und den USA wetteifern nun um den Titel der ersten CO2-freien Stadt. Sie kommen aber kaum voran.

Die Stadt der Zukunft soll eine Stadt der kurzen Wege sein, vieles soll zu Fuß oder mit dem Rad erreichbar sein. Klein muss eine CO2-freie Stadt deshalb aber nicht zwangsläufig sein, denn jedes Viertel hat seinen eigenen Versorgungskern und ist an den öffentlichen Nahverkehr angebunden. Die Bewohner sollen das Auto stehen lassen oder ganz darauf verzichten. Die ideale Stadt geht sparsam mit allen Ressourcen um und bezieht ihre Energie aus nicht-fossilen Quellen.

Die Studie ''CO2-freie Stadt - Wunsch und Wirklichkeit'' vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) zeigt an Beispielen aus aller Welt, wie sich Pilot-Siedlungen unterschiedlicher Größe der Herausforderung stellen.

Baustelle Masdar City

Im arabischen Emirat Abu Dhabi wurde vor sechs Jahren mit viel Geld und wissenschaftlichem Know-how Masdar City (Artikelbild) gegründet - eine ökologische Musterstadt. Dort ist der ganze Verkehr auf eine andere Ebene ausgelagert, um die Fußgänger nicht zu behindern. Mit verschiedenen Solarzell-Typen testen die Architekten Photovoltaik unter Wüstenbedingungen.

Ein Windturm saugt frische Luft hoch oben ein und schickt eine frische Brise nach unten durch die Straßen. Einheimische Pflanzen sorgen für behagliches Grün. Sie kommen auch ohne viel Wasser aus. Allerdings ist von Masdar City bisher nicht viel zu sehen: Die Finanzkrise hat dem Wüstenprojekt einen empfindlichen Dämpfer verpasst. Bislang stehen nur ein paar Gebäude rund um ein Forschungsinstitut.

Anders in Lingang New City. Die Satellitenstadt von Shanghai fülle sich allmählich mit Leben, heißt es in der BSRR-Studie. Von einem runden künstlichen See aus gehen die Straßen sternförmig ab. Einkaufsmöglichkeiten und Dienstleistungen in Wohnnähe, Parks, Fuß- und Radwege und ein dichtes Netz an Bussen und Straßenbahnen sollen das Autofahren unnötig machen. Die Stadtplaner wollen Energie aus Wind, Sonne, Erdwärme und dem Meereswasser gewinnen.

Das Projekt werde von der chinesischen Regierung als Paradebeispiel für ökologisch verträgliches Wachstum unterstützt, so André Müller, einer der Autoren der Studie. Rund 800.000 Menschen sollen eines Tages in Lingang New City wohnen und arbeiten. In Asien werden die Städte in den nächsten Jahren um eine halbe Milliarde Bewohner wachsen, so die Schätzungen - durch Geburten ebenso wie Zuwanderung aus dem ländlichen Raum. Die chinesische Hafenstadt soll aufzeigen, wie man solch enorme Massen umweltschonend unterbringt.

Viele Abstriche in der Realität

"Lingang New City macht aber auch sehr deutlich, wie eine komplette Neuplanung den Bedürfnissen der Wirtschaft und der Bevölkerung angepasst werden kann", sagt Müller. Den Gebäuden wurden ein paar Stockwerke mehr drauf gesetzt. Das Nahverkehrssystem wurde ausgedünnt, denn für den wirtschaftlichen Betrieb fehlen noch die Nutzer. Und der Strom kommt zurzeit hauptsächlich aus Kohle und Kernkraft.

Das Wirtschaftswachstum und die Ansiedelung von Unternehmen und Neubürgern haben Priorität vor dem konsequenten Ausbau der regenerativen Energien. Auch wurde die Idee verworfen, die Autos am Stadtrand parken zu lassen: Zu sehr schreckte das die urbane Mittelschicht ab, für die der eigene Wagen ein Symbol von Freiheit und gesellschaftlichem Status ist.

Civano am Rande der amerikanischen Großstadt Tucson in Arizona hat weder Windräder noch Radwege. Doch ein Öko-Projekt ist das Örtchen dennoch. Die Häuser sind aus Stroh und recycelten Baumaterialien errichtet. Die Hütten der Pueblo-Indianer dienten den Architekten als Vorbild. Die traditionelle, dem Wüstenklima angepasste Bauweise verbraucht nur halb soviel Strom für Kühlung wie sonst in Arizona.

Civano ist für amerikanische Verhältnisse recht dicht bebaut. In den USA ist die Umgebung der Metropolen meist zersiedelt: In den weit ausgedehnten Vororten sind Menschen auf das Auto angewiesen und verbrauchen viel Benzin. Doch die Immobilenkrise bremste den Verkauf der Häuser in der Ökosiedlung mit Design-Charakter. Darüber hinaus führte ein Managementwechsel zusätzlich zu Abstrichen bei der gestalterischen und ökologischen Qualität, so die Studie.

Der Lyoner Stadtteil Confluence (Foto: picture alliance)

Im Lyoner Stadtteil Confluence verbrauchen Bewohner Strom dann, wenn er im Überfluss vorhanden ist

Die Modernisierung im Bestand ist viel schwieriger

So faszinierend neue Städte sind, die auf dem Reißbrett entstehen - noch schwieriger ist der ökologische Umbau bestehender Metropolen. Schließlich leben in einem historisch gewachsenen Ort bereits Abertausende - und nicht alle heißen die Stadtentwicklungspläne willkommen. Im demografisch schrumpfenden Europa gehe es ohnehin vor allem um die Bestandsmodernisierung. Mit Solarzellen hier und begrünten Dächern dort ließe sich in der Summe relativ viel bewirken, heißt es in der Studie.

Wichtig seien allerdings Förderprogramme für die Immobilienbesitzer und ein stadtplanerisches Konzept. Musterprojekte geben der Wirtschaft Gelegenheit, neue Technologien im Alltag zu testen. Etwa in Lyon: Im alten Industrie- und Hafengebiet Confluence können die Bewohner bald Elektroautos mieten und mit intelligenten Stromnetzen ihren Verbrauch nach Tages-, Wochen- und Jahreszeit optimieren.

Der japanische Elektronikkonzern Toshiba installierte dazu ein sogenanntes Smart Grid in "Kooperation mit der Stadt und den Bürgern", erzählt Müller. Für den Erfolg des intelligenten Netzes sei es nämlich notwendig gewesen, die Betroffenen behutsam mit der neuen Technologie vertraut zu machen. Vielen Menschen sei der umfassende Zugriff der Netzbetreiber auf persönliche Verbrauchsdaten unangenehm gewesen.