″Virtual Normality″: Sind Netzkünstlerinnen die neuen Feministinnen? | Kunst | DW | 11.01.2018
  1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kunst

"Virtual Normality": Sind Netzkünstlerinnen die neuen Feministinnen?

Sie sind jung, weiblich, provokativ - und das im Netz. Das Museum der bildenden Künste Leipzig widmet Leah Schrager, Arvida Byström und elf weiteren jetzt eine Ausstellung: "Virtual Normality" - Netzkünstlerinnen 2.0".

Es wurde viel diskutiert über Sexualität und festgefahrene Rollenklischees im Jahr 2017: Etwa nachdem Amerikas neuer Präsident seinen sexistischen "Locker Room Talk" verteidigte oder als die Weinstein-Affäre die Filmbranche aufrüttelte und schließlich die globale #metoo-Debatte lostrat.

Das Internet und die Sozialen Medien spielten dabei eine große Rolle. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich auch Netzkünstler und ganz speziell Netzkünstlerinnen in die Debatten einklinkten. Gleich zu Anfang dieses Jahres 2018 widmet das Museum für bildende Künste in Leipzig ihnen erstmals eine größere Ausstellung in Deutschland.

Zwischen Provokation und Selbstinszenierung

Museum für Bildende Künste in Leipzig Ausstellung Virtual Normality Netzkünstlerinnen 2.0 (Leah Schrager)

"Infinity Selfie" von Leah Schrager

Die 13 Künstlerinnen haben vor allem eins gemeinsam: Sie wollen mit ihrer Kunst überkommene Rollenklischees hinterfragen und den Diskurs über Schönheitsideale neu entfachen. "Die Frauen stehen ganz klar in einer feministischen Tradition, meint Kunsthistorikerin Anika Meier, die die Ausstellung gemeinsam mit der Journalistin Sabrina Steineck kuratiert. "Die Künstlerinnen erschaffen Rollen und Charaktere, um den Menschen Stereotypen vor Augen zu führen." Neu seien dabei weder die Themen noch die Herangehensweise, sondern das Medium: "Durch das Internet können sie sich ihr Publikum selbst schaffen und natürlich eine viel größere Reichweite generieren."

An Reichweite mangelt es keiner der ausstellenden Künstlerinnen. Leah Schrager etwa hat auf einem ihrer Instagram-Accounts gewaltige 1,3 Millionen Follower. Auf ihren Selbstporträts gibt sich die Amerikanerin bewusst sexy, spielt mit Erotik und dem männlichen Blick: "Sie will zeigen, dass eine Frau das einfach machen kann und dass das auch normal ist, ohne dass man ihr vorwirft, das sei keine Kunst oder habe mit Feminismus nichts zu tun", so Anika Meier im Interview mit der Deutschen Welle.

Warum ein paar Haare für einen Shitstorm sorgten

Schragers Kollegin Arvida Byström bringt es zwar "nur" auf knapp 250.000 Follower, spätestens seit dem letzten Jahr dürfte sie aber auch außerhalb der Instagram-Community bekannt sein: Für einen Adidas-Spot posierte die Schwedin mit unrasierten Beinen. Der Clip zog einen gewaltigen Shitstorm nach sich, Byström erhielt sogar Vergewaltigungsdrohungen. "Wenn Frauen heutzutage etwas im Internet posten, fühlt sich jeder dazu eingeladen, das zu kommentieren", stellt Kuratorin Meier fest. "Und wenn es den Menschen nicht gefällt, reagieren sie extrem oder mit Hass."

Arvida Byström hat sich von den Drohungen nicht einschüchtern lassen und postet weiterhin Fotos, auf denen ihr Schamhaar oder ihre Achselhaare hervorblitzen.

Generell seien Haare, Pickel oder sogar Menstruationsblut Motive, die diese Künstlerinnen ganz bewusst einsetzten, so Anika Meier. Und zwar solange, bis "irgendwann nicht mehr mit Hass reagiert wird".

Viele der ausgestellten Künstlerinnen geben sich dabei betont weiblich, setzen auf knallige Farben wie rosa, rot und pink. Trotz möglichen optischen Ähnlichkeiten wollen sie sich aber ganz klar von jenen Frauen abgrenzen, die ihre Beauty-Tipps auf Youtube präsentieren. "Sie sind 'digital natives', sie sind mit dem Internet und seinen Möglichkeiten aufgewachsen und bedienen sich auch der Ästhetik, die sie aus dem Web kennen, etwa von Tumblr", erklärt Kuratorin Anika Meier. 

Ihre Vorbilder fänden sie dementsprechend ebenfalls im Internet, wo sie sich mit Gleichgesinnten und Altersgenossinnen vernetzten. Ihre feministischen Ideale unterscheiden sich allerdings nicht von denen ihrer Wegbereiterinnen: Selbstbestimmung und die Freiheit, sich so geben zu können, wie es ihnen gefällt. 

Die Redaktion empfiehlt

WWW-Links