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Kultur

VIP Art Fair – die erste virtuelle Kunstmesse

Ob Bogota, Rotterdam oder Berlin – jede Stadt, die etwas auf sich hält, hat mittlerweile eine Kunstmesse. Die VIP Art Fair aber verfolgt ein neues Konzept: Sie ist die erste Messe, die nur im Internet stattfindet.

Screenshot VIP Art Fair (http://vipartfair.com)

Simulierter Besucher

Thomas Zander sitzt vor seinem Computer und klickt sich durch seine virtuelle Ausstellung. Der Kölner Galerist trägt keinen schicken Anzug, er hat auch keinen Champagner kalt gestellt, um mit Sammlern anzustoßen. Diesmal ist alles anders. Der virtuelle Marktplatz verzichtet auf Glamour, auf klirrende Gläser, auf Small Talk – und auf Originale. Die acht Fotografien des amerikanischen Künstlers Trevor Paglen hängen als Pixeldatei an der digitalen Galeriewand. "Wir haben bewusst einen Künstler ausgesucht, der in das Medium reinpasst. Fotografie lässt sich einfach besser über das Internet vermitteln als Malerei", sagt Zander, während er von Bild zu Bild scrollt. "Wenn ein Werk besonders interessant ist, dann kann man Hintergrundinformationen herunterladen."

VIP = view in private

VIP – das heißt hier nicht "very important person", sondern "view in private" oder "view in pyjama", wie Insider unken. Denn: Niemand muss das Haus verlassen. Wer mehr über eine der Fotografien an Zanders Stand wissen will, der kann mit dem Galeristen via Chat oder Skype Kontakt aufnehmen. Um in Ruhe verhandeln zu können – sprich: ohne dass andere zuhören oder mitlesen können – gibt es die sogenannten "private rooms", in die die Galeristen die Kunden einladen können. Dort ist man dann ungestört und kann bei der Gelegenheit auch gleich noch das digitale Archiv der Galerie präsentieren. Doch das Ganze hat auch seinen Preis: 100 Dollar müssen Sammler an den ersten zwei Vernissagetagen zahlen, um auf der VIP Art Fair Kunst zu kaufen, danach sind es nur noch 20 Dollar. Wer nur mal gucken will, der kann sich als Besucher anmelden, das ist kostenlos.

Screenshot der Seite (http://vipartfair.com )

Die Galerie von Thomas Zander auf der VIP Art Fair



Im Unterschied zu herkömmlichen Kunstmessen verändern die Galerien ihren Auftritt alle zwei Tage. Es werden neue Bilddateien "gehängt", die alten kommen ins Depot. Das Besondere: Details lassen sich vergrößern, Lieblingswerke speichern, über einen "Share"-Button können Besucher ihre Begeisterung auf sozialen Netzwerken wie Facebook oder Twitter mit anderen teilen. Ein simulierter Ausstellungsbesucher erscheint vor jedem Bild, um die Proportionen zu zeigen. "Es gibt Bilder, die sind bis zu fünf Meter groß. Wenn keine Figur davor steht, kann man nicht wissen, wie groß das Werk ist", so Thomas Zander, der einer von nur vier Ausstellern aus Deutschland ist, die an der VIP Art Fair teilnehmen.

Screenshot Logo Vip Art Fair (http://vipartfair.com)

Logo der VIP Art Fair

Schon allein die Qualität der Gründungsgalerien spricht für den Glauben an ein gutes Geschäft. David Zwirner, Larry Gagosian, Max Hetzler – sie sind die Global Player des Kunstmarkts. Sie bieten Werke von Neo Rauch, Damien Hirst oder auch Louise Bourgois an. Wäre der Club der 139 Teilnehmer nicht so exklusiv gewesen, dann hätte Thomas Zander, der das Thema Kunst und Internet kritisch sieht, wahrscheinlich gar nicht mitgemacht. "Viele Leute kaufen nach Namen und nicht nach dem Sehen. Bei Auktionen blättern viele Leute nur noch die Auktionskataloge und bieten dann telefonisch, ohne das Werk je gesehen zu haben." Galeristen, die auf Beratung setzen und Know How vermitteln wollen, sitzen derweil in leeren Räumen und warten vergeblich auf Besucher. Deshalb fließt viel Geld in Messen. Das virtuelle Ausstellen von Kunst kann dazu nur eine Ergänzung sein, ersetzen wird es die Messen sicherlich nicht. Kosten entstehen auch hier: Für die Teilnahme an der VIP Art Fair müssen die Galeristen – je nach "Standgröße" – zwischen 5000 und 20.000 Dollar zahlen.

Originale als Bilddatei

Rund 50 der mehr als 8000 Kunstwerke kosten über eine Million Dollar. Wer gibt so viel Geld aus, ohne das Werk je im Original gesehen und seine Aura gespürt zu haben? Barbara Engelbach, stellvertretende Direktorin des Museum Ludwig in Köln, kann da nur den Kopf schütteln. Für die Sammlung würde sie niemals Werke online kaufen. "Wir haben eine große Verantwortung und die können wir nur erfüllen, wenn wir die Werke auch im Original vor uns haben."

DAMIEN HIRST: Sensation, 2003, Courtesy L & M Arts, New York, Los Angeles (Foto: VIP Art Fair)

Damien Hirst: Sensation (2003)

Gerade bei Gemälden, wo es auf Pinselduktus und Farbnuancen ankommt, ist die Kuratorin skeptisch, ob sich Sammler mit einer Online-Reproduktion begnügen. Trotzdem hält sie die Messe für einen lohnenswerten Informationspool. "Es kann interessant sein für ein Publikum, das zwar kunstinteressiert ist, sich aber nicht auf eine Messe wagen würde. Hier kann man anonym von zu Hause aus durch die Galerien stromern und findet darüber hinaus viele Informationen über Künstler und Kunstwerke."

Technische Störungen

Der Ausgang des Experiments ist offen. Die ersten Tage verliefen eher enttäuschend. Statt mit Kunden zu chatten, verbrachten die Galeristen viel Zeit in der Warteschleife der Hotline, weil die Technik nicht funktionierte. Auch Besucher mit einem Aktivierungscode gaben bei der Registrierung entnervt auf, weil die Seite nicht reagierte oder mehrfach einfach zusammenbrach. Kein Wunder, dass sich die Klicks auf der Seite der Galerie Zander in Grenzen hielten. Verkäufe konnten keine verbucht werden. Die Server seien durch die international starke Nachfrage überlastet, heißt es vom Veranstalter. Das sorgt nicht gerade für ein Gefühl von Sicherheit. Wer will sein Geld schon einer überlasteten Datenbank anvertrauen.

Autorin: Sabine Oelze
Redaktion: Petra Lambeck

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