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Ungarn

Viktor Orban und der zweischwänzige Hund

In Ungarn nehmen Satiriker die migrationsfeindliche Politik von Premier Viktor Orban aufs Korn. Mit viel Witz kritisieren sie den Regierungschef und dessen Regierungsprogramm. Von Dan Nolan, Budapest.

Umgerechnet 64,7 Millionen Euro ließ Ungarns Ministerpräsident Viktor Orban aus der Staatskasse springen: für seine Kampagne gegen die Migrationsquoten der EU, die am Ende trotzdem scheiterte. Doch der beste Slogan stammte nicht aus dem ungarischen Regierungslager, sondern von dem Satiriker Gergő Kovács: "Wir brauchen gar keinen Zaun zu bauen - geben Sie einfach unsere Gehälter an der Grenze bekannt." Kovács ist Gründer der "Ungarische Partei des zweischwänzigen Hundes" (MKKP). Parodie ist deren Programm.

Furcht einflößende Parolen der Regierung, wie "Brüssel will illegale Einwanderer im Umfang einer ganzen Stadt nach Ungarn schicken", verulkte die MKKP auf eigenen Plakaten: "Wussten Sie schon, dass eine Million Ungarn nach Europa ziehen wollen?", war dort zu lesen. "Wussten Sie, dass ein durchschnittlicher Ungar zu Lebenszeiten eher ein Ufo als einen Migranten zu sehen bekommt?", stand ebenso auf einem Plakat von Kovács' Partei, wie der Slogan "Wussten Sie, dass Ihnen ein Baum auf den Kopf fallen könnte?"

Messbarer Erfolg

Tatsächlich scheint die MKKP mit ihren Plakaten das Ergebnis des Referendums beeinflusst zu haben, das dann Anfang Oktober zuungunsten der Regierung ausging. Die satirische Kampagne ermutigte die Ungarn, gleichzeitig für "Ja" und für "Nein" zu stimmen. Bei der Auszählung kamen diese ungültigen Stimmen auf über sechs Prozent - weit mehr als die bei Volksabstimmungen in Ungarn sonst üblichen 0,5 bis 2 Prozent. In einem Wahllokal in Budapest zählte man sogar knapp 40 Prozent ungültiger Stimmzettel.

"Humor ist eine viel bessere Waffe gegen Politiker als Hass", sagt Kovács. "Wenn die Leute sie auslachen, dann sind Politiker machtlos." Für eine anstehende Nachwahl in Budapest will die MKKP einen eigenen Kandidaten aufstellen: "Unser Kandidat wird versprechen, niemals in seinem Wahlbezirk aufzutauchen. Die Leute dort mögen Politiker nicht, deshalb ist das eine gute Taktik. Stattdessen wird er viele Versprechungen für einen anderen Distrikt machen - nämlich für denjenigen, in dem er lebt", sagt Kovács.

Ungarn Werbetafel der Spaßpartei MKKP (Getty Images/AFP/A. Kisbenedek)

MKKP-Plakat: "Wussten Sie, dass ein Ungar eher ein Ufo als einen Migranten zu sehen bekommt?"

Der MKKP entwickelte sich aus einem Straßenkunstprojekt, das 2004 für "Sport-Zigaretten" warb. Ein anderer, der seitdem vielen Gags, war das Wahlversprechen "Wir lösen Ungarns Schuldenkrise, indem wir so tun als könnten wir kein Englisch".

Vielfalt in Grau

Nach wie vor sind MKKP-Passivisten - so nennen sie sich selbst - auch als Straßenkünstler unterwegs. Etwa, um Gehwege zu bemalen. "Wir wollen die Gehwege neu streichen", so Kovács. "Aber das wollen wir in vier Graustufen tun. Denn es scheint, die Leute mögen diese Farben, und wir wollen sie nicht wütend machen."

Logo der Spaßpartei MKKP (MKKP)

MKKP-Logo: "Partei des zweischwänzigen Hundes"

Dem Beispiel der MKKP folgen auch andere in Ungarn. So gelang es beispielsweise einem unbekannten Hacker, frei erfundene Zitate in ein Orban-Interview zu schmuggeln, das zu Weihnachten ausgerechnet in der Regionalzeitung "Fejér Megyei Hírlap" im Wahlkreis des Ministerpräsidenten erschien. "Ich wünsche mir, dass immer mehr Menschen zu einer heidnischen Auffassung von Weihnachten zurückkehren", wurde Orban in den Mund gelegt, der sonst stets das Christentum als staatstragend bezeichnet.

Eine weitere Verfälschung bezog sich auf den Fund einer Leiche auf einer Krankenhaustoilette, die dort bereits mehrere Tage gelegen hatte - für viele in Ungarn ein Symptom für den maroden Zustand des Gesundheitswesens. Zu Orbans Ankündigung, auch die Löhne der Krankenschwestern beständig weiter anzuheben, erfand der Anonymus den Zusatz: "Und auch die Zahl der Krankenhaus-Leichen wird steigen." Sechs Mitarbeiter der Zeitung wurden daraufhin entlassen, die Polizei untersucht den Vorfall.

Absurde Situation

Der Karikaturist Marabu hat für die regierungskritische Zeitung "Nepszabadsag" gearbeitet, deren Erscheinen Anfang Oktober - quasi über Nacht - eingestellt wurde, kurz bevor der Verlag an ein Firmengeflecht ging, das der Orban nahestehende Oligarch Lőrinc Mészáros kontrolliert. Satire sei von Pressefreiheit abhängig, so Marabu. "Man kann sich nur über das lustig machen, was die Leute kennen", sagt er. Marabu ist ein Veteran der ungarischen Satireszene. Er war schon während des Kommunismus für seine Karikaturen bekannt. Die aktuelle Entwicklung erinnert ihn an diese Zeit.

Der wachsende Unmut über die Politiker gebe den Witzen wieder Schärfe und verleihe ihnen zugleich eine erlösende Wirkung, glaubt Marabu. "In dem Land hat sich eine äußerst schlechte Stimmung breitgemacht - regelrechter Hass. Es ist traurig", fügt er hinzu. Besonders eine Marabu-Karikatur fängt die Gefühle derjenigen ein, die Orbans Politik und Aussagen zu Flüchtlingen verurteilen: der folgende "Kleine Grenzdialog".

"Halt! Sind Sie Muslim?", schreit ein ungarischer Grenzschützer.

"Nein, Christ", antwortet der Mann.

"Gut, gehen Sie weiter", sagt der Grenzschützer, ruft dann aber: "Halt! Sind Sie christlich?"

"Nein, ich bin es nur dem Wort nach. Ich bin ein sehr oberflächlicher Christ. Solidarität, Nächstenliebe zählt nicht, nichts von dem, was Jesus und der Papst so erzählen."

"Gut, gehen Sie weiter."