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Gastkommentar

Viktor Jerofejew: Die Große misslungene Oktoberrevolution

Lenins Staatsstreich war eine Katastrophe für das russische Volk, der viele weitere Katastrophen folgten. Und sie prägt die Welt bis heute - im Guten wie im Schlechten, meint der berühmte russische Schriftsteller.

In der Tat: Die Große Sozialistische Oktoberrevolution, wie die Kommunisten den Umsturz von 1917 feierlich tauften, war an den Folgen gemessen wirklich groß. Sie erschütterte die ganze Welt oder steuerte (je nachdem, wie man die Dinge betrachtet) die Geschichte wie einen Zug an den Rand des Abgrunds. Jedenfalls war sie wahrscheinlich das wichtigste Ereignis des 20. Jahrhunderts. Es gingen viele folgenschwere Dinge daraus hervor.

Obwohl die Geschichte keine Konjunktive kennt, kann man sagen, dass Hitler ohne die Oktoberrevolution nicht möglich gewesen wäre. Denn bekanntlich verhinderte Stalin Anfang der 1930er- Jahre, dass sich in Deutschland die linken Kräfte vereinigten - die Kommunisten und die Sozialdemokraten.

Der Westen als Nutznießer der Oktoberrevolution

Andererseits kann man sich ohne die Oktoberrevolution schwerlich die rege Entwicklung sozialer Institutionen im Westen vorstellen, den Übergang vom Kapitalismus, wie ihn Marx beschrieben hat, zur sozialen Marktwirtschaft von heute. Im Grunde ist der Nutznießer der Oktoberrevolution gerade die westliche Welt, die gelernt hat, wie man es nicht machen soll, und die es vermochte, dem Totalitarismus eine würdige Alternative entgegenzusetzen.

Wenn wir den Diskurs über den Einfluss der Oktoberrevolution auf die Weltgeschichte fortsetzen, wird klar, dass es ohne jenen Oktober den derzeitigen hasserfüllten Ausbruch des internationalen Terrorismus nicht geben würde. Denn der Terrorismus ist ja auch ein Erbe der gnadenlosen kommunistischen Taktik, vor keinerlei Mittel zurückzuscheuen, um Ziele zu erreichen.

Ein markantes und leider ansteckendes Beispiel ist in dieser Hinsicht Kuba mit seiner illustren terroristischen Ikone Che Guevara. Die Verehrung dieses "professionellen Revolutionärs" in verschiedenen Teilen der Welt zeugt bis zum heutigen Tag davon, dass die Saat der Gewalt im Namen utopischer Ideen in der menschlichen Natur selbst angelegt ist. Die Saat geht auf in den Selbstmordattentätern, denen zu Ehren wir in jedem Flughafen der Welt Uhr, Gürtel, Schuhe, Jacke und Mantel ablegen und schwanken bei der Wahl zwischen eigener Sicherheit und Freiheit unseres Tuns und Denkens.

Für Russland eine ungeheure Tragödie

Für Russland selbst hat die Oktoberrevolution von 1917 nichts Positives gebracht. Während man die englische, französische und jede andere große europäische Revolution, ungeachtet allen Blutvergießens und der grauenhaften Gewalt, als Motoren des sozialen Fortschritts bezeichnen kann, hat sich die Oktoberrevolution für die Völker Russlands als ungeheure Tragödie erwiesen. Die Menschen in der Sowjetunion haben überlebt und sogar bedeutende Erfolge in Wissenschaft und Kultur errungen - trotz der Oktoberrevolution.

In der UdSSR gab es eine schreckliche "Antiselektion" der Bevölkerung, bei der ganze soziale Schichten vernichtet wurden - von den Aristokraten bis zu den selbständigen Bauern. Und dass wir, die Bürger Russlands, bis heute nicht aus dieser Kloake herausgefunden haben, die uns die Oktoberrevolution beschert hat, dass es in Russland immer noch an politischer Kultur mangelt, ganz zu schweigen von politischer Weisheit - auch das ist eine Folge von 1917. Die Russen wurden in die steinzeitliche Höhle versetzt, zu archaischen Vorstellungen von Gut und Böse, bar jeden Mitleids mit "Fremden" und "Anderen".

Die Verteidiger der Revolution von 1917 sagen: Das Analphabetentum wurde abgeschafft, es gab eine erfolgreiche Industrialisierung, wir waren Sieger im Zweiten Weltkrieg. Aber gegen das Analphabetentum hatte man schon vor den Oktober 1917 zu kämpfen begonnen, die Industrialisierung war in Russland Anfang des 20. Jahrhunderts in vollem Gang, und für den Sieg im Krieg hat das Land nach neuesten Daten mit mehr als 40 Millionen Menschenleben bezahlt.

Ein gelungener Staatsstreich

Am bittersten und sinnlosesten ist, dass es eigentlich überhaupt keine Oktoberrevolution gegeben hat. Vielmehr war es ein gelungener Staatsstreich. Und wie bei jedem Staatsstreich hätten die Ereignisse vom Oktober 1917 stattfinden können oder auch nicht, sie hätten sich in Nichts auflösen, in der verpesteten Luft des Ersten Weltkriegs verrauchen können.

Ja, Russland brauchte eine Revolution, und diese ereignete sich im Februar 1917. Die Bolschewiki benutzten deren Schwächen und ertränkten alles in Blut, Terror und Lüge. Dieses Gebräu schrecklichen Unheils ist - mit neuen Nuancen - bis heute spürbar. Terror und Zivilisation, Kultur und Gewalt, Demagogie und Ratio sind schwer zu versöhnen. Die aktuellen Versuche der russischen Machthaber, alles und jedes zu versöhnen, sind ebenfalls auf Demagogie und Atavismus aufgebaut.

In Russland basiert das Leben auf dem Prinzip Hoffnung. Das ist die Voraussetzung für das Überleben - die ewige Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Lasst uns glauben, dass eines Tages, gestützt auf neue Generationen, diese Hoffnung sich trotz allem in Wirklichkeit verwandelt und die Russen in einer normalen Welt aufwachen. Der Kopf wird noch lange schmerzen, aber irgendwann werden wir trotz allem wieder zu uns kommen.

Aus dem Russischen übersetzt von Beate Rausch

Viktor Jerofejew, Jahrgang 1947, ist russischer Schriftsteller. 1979 wurde er aus dem Schriftstellerverband der Sowjetunion ausgeschlossen. International bekannt wurde er 1990 mit dem Roman "Die Moskauer Schönheit", der in 27 Sprachen übersetzt wurde. Er lebt in Moskau und äußert sich regelmäßig kritisch zur Politik Wladimir Putins. 

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