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Asien

Vietnams Ersthelfer auf zwei Rädern

Drängeln, Hupen, Chaos: Der Straßenverkehr in der Hauptstadt Hanoi ist hektisch und gefährlich. Um bei Unfällen schneller an Ort und Stelle zu sein, wurden viele Motorrad-Taxifahrer in Erster Hilfe ausgebildet.

Gelassen beobachtet Nguyen Huy Can den Verkehr in der brechend vollen Innenstadt von Hanoi. Dutzende Motorräder flitzen vorbei. An der Kreuzung gibt es keine Ampeln: Wer abbiegen will, hupt laut. Es gibt deutlich mehr Motorräder als Autos, und auf manchen sitzen dicht gedrängt vier Leute; manchmal sind es ganze Familien, oder der Fahrer hat ein frisch geschlachtetes Schwein auf dem Sozius. Die Hauptstadt Vietnams ist berüchtigt für ihr Verkehrsgewimmel. Touristen trauen sich oft nicht, die Straße zu überqueren - aus Furcht, überfahren zu werden. Unbegründet ist diese Angst nicht: Unfälle passieren täglich.

Can steht neben seinem staubigen Motorrad. Er beobachtet den Verkehr und schüttelt den Kopf. Vietnamesische Verkehrsregeln seien völlig unzureichend, die Infrastruktur sei miserabel, sagt er. "Schauen Sie sich nur diese Straße an: kein Hinweis darauf, wie und wo man abbiegen soll. Die Leute biegen einfach rechts oder links ab - wann immer sie Lust dazu haben! So läuft das in Europa oder Amerika doch nicht."

Hupen und Drängeln

Der 60-Jährige ist einer von etwa 200 Motorrad-Sanitätern in der Stadt mit einer Ausbildung und Ausrüstung in Erster Hilfe. In einem Pilotprojekt des Roten Kreuzes Hanoi haben die Motorradtaxifahrer vor wenigen Jahren gelernt, bei Unfällen im Straßenverkehr Erste Hilfe zu leisten, lange bevor die Krankenwagen eintreffen. In zwei anderen vietnamesischen Städten gibt es ähnliche Projekte.

Can hat seitdem immer einen kleinen Erste-Hilfe-Kasten dabei. Sein Training habe sich schon bewährt, erzählt der Motorradtaxifahrer: Ganz in der Nähe sei einmal eine Frau von einem Motorrad angefahren worden. Bevor sich der Krankenwagen durch die schmalen Gassen kämpfen konnte, erinnert sich Can, hätten er und ein Kollege die Wunden des Unfallopfers verbunden und die Frau auf Anzeichen einer Lähmung oder einer anderen schweren Verletzung untersucht. "Sie konnte nicht aufstehen. Wir mussten schauen, ob sie sich einen Arm oder ein Bein gebrochen hatte", sagt Can. Durch die Ausbildung hätten sie gewusst, was zu tun war.

Pilotprojekte auch in anderen Ländern

In den vergangenen Jahren sind ähnliche Pilotprojekte auch in Thailand und in der Dominikanischen Republik angestoßen worden. Das Ziel war es, die Anzahl der Verkehrstoten zu reduzieren.

Motorradfahrer in einer Straße Hanois Foto: Hoang Dinh Nam (AFP)

Straße in der Innenstadt von Hanoi: In Vietnam fahren die Menschen mehr Motorrad als Auto

Straßenverkehrssicherheit ist ein weltweites Problem: Etwa 1,3 Millionen Menschen sterben jedes Jahr im Straßenverkehr - 90 Prozent der Fälle geschehen laut Studien der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in ärmeren Ländern. Dennoch haben internationale Geldgeber das Thema Straßenverkehrssicherheit in Entwicklungsländern erst seit etwa zehn Jahren auf dem Schirm.

Die Gefahren im Straßenverkehr seien die größte Herausforderung für das vietnamesische Gesundheitssystem, so Pham Viet Cuong, Koordinator am Forschungszentrum für Strategien zur Verletzungsvermeidung in Hanoi im Gespräch mit der DW. "Viele Menschen werden durch die Unfälle arbeitsunfähig, das beeinträchtigt über lange Zeit ihre Gesundheit und betrifft auch die Familien."

Seit den 1990er Jahren hat die Motorraddichte in Vietnam erheblich zugenommen: Laut der Vereinten Nationen besitzt gut jeder dritte der fast 90 Millionen Vietnamesen ein Motorrad.

Motorrad-Sanitäter unverzichtbar

Ein erstes vergleichbares Sanitäter-Projekt war 2006 von der US-Nichtregierungsorganisation "The Asia Injury Prevention Foundation" (AIP-Foundation) gestartet worden, musste aber aus Mangel an finanzieller Unterstützung bald wieder aufgeben. Es sei schwer, für Straßenverkehrssicherheitsprojekte Gelder aufzutreiben, meint Mirjam Sidik von der AIP-Foundation. Verkehrssicherheit stehe nicht so sehr im Fokus wie andere Gesundheitsrisiken. "Jeder kennt Malaria und HIV/AIDS, und ich sage nicht, dass man dafür nicht spenden sollte", meint Sidik. "Aber was können die Folgen von Verkehrsunfällen sein? Viele Menschen haben keine Ahnung."

Doan Dai Duong vom Roten Kreuz Hanoi wünscht sich, dass die Regierung die Ausbildung von noch mehr Motorradhelfern finanziert. Um das Projekt am Leben zu erhalten, muss sich die Regierung einbringen, meint er: "Man kann sich nicht nur auf eine einzige Organisation stützen, das Rote Kreuz kann das nicht alleine."

Helmpflicht senkt Kopfverletzungen

Seit 2007 gibt es immerhin eine Helmpflicht für Motorradfahrer. Seitdem sei die Zahl der Kopfverletzungen bei Verkehrsunfällen zurückgegangen, sagt Mirjam Sidik. Untersuchungen haben allerdings gezeigt, dass Eltern in den Städten ihre Kinder nicht dazu anhalten, einen Helm zu tragen, und dass viele Helme von schlechter Qualität sind.

Auch wenn die Stadt gerade eine U-Bahn für fünf Milliarden US-Dollar baut, die 2015 den Betrieb aufnehmen soll: Der Verkehr in Hanoi wird in den nächsten Jahren noch schlimmer werden, prognostizieren Experten. Dazu kommt noch das rasante Wachstum der vietnamesischen Mittelschicht, die schneller neue Autos kauft, als die Stadt Straßen bauen kann. Derzeit sind zu den Motorrädern auch eine Million Autos auf den Straßen Vietnams unterwegs.

Mehr Autos bedeuten auch mehr Staus, denn ein Auto braucht etwa viermal so viel Platz wie ein Motorrad. Die Investition in Ausbildungsprogramme für Motorrad-Sanitäter, so das Fazit der Gesundheitsexperten, würde immerhin dafür sorgen, dass Verkehrsopfern schneller geholfen wird.

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