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Asien

"Vietnamesen wissen, wo die Grenzen sind"

Wer in Vietnam einen Film drehen will, braucht die Genehmigung des Staates - offiziell. Denn jenseits des Staatsfernsehens entstehen unabhängige, selbst produzierte Filme. Portär der Regisseurin Nguyen Trinh Thi.

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Filmszene: Der Tänzer Duc als Flussprinzessin

Ein Moped auf der Landstraße. Im Rückspiegel zieht die Landschaft Zentralvietnams vorbei. In Nguyen Trinh This kurzem Film "Chronicle of a Tape Recorded Over" überlagern sich die Geschichten der Generationen – Geschichten, die sie entlang den Ho-Chi Minh-Pfads gesammelt hat, jenes legendären Schmuggelpfads, der die Truppen des Viet Cong im Süden versorgte und heute eine gut ausgebaute Landstraße entlang des ausgedehnten Landes ist. Es sind persönliche Geschichten, wie jene des Kriegsveteranen, der zu seiner Verlobten zurückkehrt. Fast ungerührt erzählt er, wie sie aus dem Haus tritt – verheiratet mit seinem Kampfgenossen - und bei seinem Anblick zusammenbricht.

Persönliches gegen Zensur

Dokumentarfilmerin Nguyen Trinh Thi

Die Dokumentarfilmerin Nguyen Trinh Thi

Thi zeigt auf auf ihrer Reise Dorftheatertruppen, die patriotische Opern aufführen und Jugendliche, die mit Mopedhelmen auf dem Kopf Breakdance üben. Unzusammenhängend tröpfeln die Geschichten der Protagonisten in diese Szenerie. Der Film bewegt sich irgendwo zwischen Dokumentation und Experimentalfilm. Die Geschichten reihen sich aneinander, manchmal überlagern sich Bilder. Nie lässt sich eine Aussage herauskristallisieren, nie zwischen dokumentarischem und Erlebtem unterscheiden. Eine Form, die nicht nur aus künstlerischen Überlegungen entstanden ist, gibt Thi zu. "Wenn man abstrakte Filme macht, persönliche Filme, dann ist es einfacher, in Vietnam damit durchzukommen."

Thi dreht und schneidet ihre Filme selbst. Seit Videotechnik in erschwinglichen und einfach handhabbaren Techniken jedem zur Verfügung steht, entstehen auch in Vietnam Filme, die an den staatlichen Kontrollen vorbei gedreht werden – was von den Behörden nicht gerne gesehen wird. Zweimal wurde Thi auf ihrer Reise von der Polizei festgenommen und verhört. Am Ende ließ man sie frei und gab das beschlagnahmte Material wieder zurück. "Ich hatte einfach Glück", sagt sie lakonisch.

Ho Chi Minh ist tabu

Nur langsam entstehen im immer noch autoritär gelenkten Vietnam solche künstlerischen Nischen – langsam ertasten sich unabhängige Geister ihre Freiräume. "Jeder Vietnamese weiß, wo die Grenzen sind", sagt Thi. Kritik an der Partei etwa oder am Übervater Ho Chi Minh seien absolute Tabus.

Dokumentarfilm Love Man Love Woman Flash-Galerie

Filmszene: Um weibliche Geister zu rufen führen Männer Frauentänze auf.

Sechs Jahre lebte Thi in den USA, arbeitete als Journalistin und studierte Ethnologie und Dokumentarfilm. Inzwischen lebt sie wieder in Hanoi. Ihr erster Film führte sie zurück nach Vietnam. "Love Man Love Woman", wurde auf zahlreichen Filmfestivals in Amerika und Europa gezeigt. Thi erforscht darin eine überraschende Nische in der traditionellen Gesellschaft. Der Film handelt von Homosexuellen in Nordvietnam. Doch es sind nicht dunkle Parks, versteckte Bars und Travestieclubs, die sie mit ihrer Kamera betritt. Es sind kleine Tempel in der Altstadt von Hanoi und anderen Orten Nordvietnams – Tempel des Mutergöttin-Kultes, einer schamanistischen Religion, die vor allem im Norden praktiziert wird.

"Frauen tanzen nicht so gut"

In Tranceritualen stellen die Gläubigen Kontakt zu den Seelen der Verstorbenen her. Die Zeremonie wird angeführt von einem Medium, das die Geister mit Tänzen zu sich ruft - Tänze der Landfrauen, in traditionellen Kostümen und Masken. Und genau das ist die Rolle der Homosexuellen – denen die vietnamesische Gesellschaft im Allgemeinen feindlich gegenübersteht. "In dieser Religion werden sie akzeptiert", sagt Thi. "Wir dienen den Geistern besser als die Frauen", erklärt einer von ihnen im Film. "Echte Frauen tanzen nicht so gut wie wir. Ich bin das Medium eines weiblichen Geistes."

Dokumentarfilm Love Man Love Woman

Die Dong Co hadern mit ihrer Sexualität

Dong Co heißen diese spirituellen Travestiekünstler in Vietnam. In This Film hadern mit ihrer Homosexualität. Sie sind gleichzeitig stolz auf ihre religiöse Rolle und schämen sich ihrer Existenz außerhalb der Tempel – nennen ihre Veranlagung Fluch oder Krankheit. Thi zeigt sie beim Tratsch über Männergeschichten, beim Schminken für die Zeremonie, und beim verabreden. Auch in Vietnam hat das Internet das Leben von Schwulen und Lesben stark verändert. Kontakte und Informationen sind heute viel leichter zugänglich. Eine westlich geprägte Schwulenszene entsteht in den Städten. Thi zeigt die Dong Co, wie sie über das Handy Kontakt zu ihren Liebschaften außerhalb des Tempels halten. Und sich neugierig und gleichzeitig ein wenig missbilligend Geschichten aus jener neuen schwulen Welt da draußen erzählen. Keinesfalls wollen sie mit den "Playboys", da draussen verwechselt werden.

Kleine Nischen

Öffentlich kann Thi den Film in Vietnam noch immer nicht zeigen. Lediglich in kleinen Zirkeln oder unter dem diplomatischen Schutz westlicher Kulturinstitute kann man in Hanoi solche unabhängigen Filme bisher sehen. Gemeinsam mit dem deutschen Goethe-Institut hat Thi vor kurzem begonnen, junge interessierte Filmmacher an Kamera und Schnittprogrammen auszubilden. Das Milieu, das sie mit ihren Filmen erreichen will, muss sie sich erst noch schaffen.

Autor: Mathias Bölinger
Redaktion: Nicola Reyk

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