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Wirtschaft

Vietnam - ein Land im Aufbruch

Über 750 Wirtschaftsvertreter hatten sich zur Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft in Ho-Chi-Minh-Stadt, dem früheren Saigon getroffen. Manuela Kasper-Claridge über ein Land im Aufbruch.

"Da, schauen Sie mal", der Taxifahrer nimmt eine Hand vom Lenkrand und zeigt stolz auf die linke Straßenseite. Dort glänzt der nagelneue Verkaufsraum für den Kleinwagen Mini, der zur deutschen BMW Gruppe gehört. Vorne steht das Mini Cabriolet, ganz in weiß, passend zu heißen Sonne in HoChiMinhCity.

Der Autoabsatz ist in Vietnam im vergangenen Jahr um 40 Prozent gestiegen. Die Luxusmarke Mercedes verzeichnet sogar ein Plus von 60 Prozent. Allerdings befindet sich der Markt insgesamt noch auf niedrigem Niveau. Rund 150 000 Pkw wurden im vergangenen Jahr in Vietnam verkauft. Das beliebteste Verkehrsmittel ist nach wie vor der Motorroller. Die knatternden Zweiräder sind wendig und bezahlbar. Über sechs Millionen Stück soll es allein in Ho-Chi-Minh-Stadt geben. Wer hier eine Straße als Fußgänger überqueren will, muss starke Nerven haben.

Junge Vietnamesen

In einem privaten Kaffeehaus sitzen zwei junge Stadtplaner. Luu Hoang Kiem und Thu Minh Nhat sind beide 23 Jahre alt und haben gerade ihr Studium beendet. Jetzt suchen sie einen Job. Das ist nicht einfach. Denn Vietnams Bevölkerung ist sehr jung. Jedes Jahr schließen rund eine Million Menschen die Schule ab. "Wir sprechen Englisch, vielleicht finden wir Arbeit bei einem ausländischen Architekturbüro", erzählt Nhat.

Bei ausländischen Unternehmen seien die Arbeitsbedingungen in der Regel besser. Es gebe eine Krankenversicherung, Zuschüsse zum Fahrgeld und einen höheren Lohn. In den staatlichen Dienst wollen die jungen Männer nicht. Dort würden ja nur die Bürokraten sitzen. Die Beiden sind typisch für viele Vietnamesen. Sie wollen in der Stadt leben, ihre Zukunft selbständig planen und so viele Freiheiten wie möglich haben. Die Propagandaplakate der kommunistischen Partei beachten sie nicht.

Engagement ohne Politik

Viele junge Vietnamesen engagieren sich, ohne ausgesprochen politisch zu sein. "Saigon Makeover", heißt das Projekt, an dem die beiden jungen Stadtplaner unentgeltlich mitarbeiten. Es geht um die Verschönerung der Wirtschaftsmetropole. Wochenlang wurde gezeichnet und an Plänen getüftelt, um die Stadt schöner zu machen. Die vietnamesischen Medien berichteten stolz über die private Initiative. Eine Bürgerbeteiligung ohne staatliche Steuerung. Über 150 junge Leute haben Vorschläge eingereicht. Grünflächen sind rar in der Zehn-Millionen-Stadt, und der eine oder andere neue Anstrich könnte auch nicht schaden. Jetzt geht es darum Sponsoren für die Umsetzung der Pläne zu finden.

Die Preußen Asiens

Ausländische Unternehmen sind vom Engagement junger Vietnamesen begeistert. Tobias Gruemmer ist Managing Director von Rhenus Logistics, einem Familienunternehmen, das weltweit rund 24 000 Mitarbeiter beschäftigt. Gruemmer hat bereits neun Jahre in Vietnam gelebt. "Man sagt ja über die Vietnamesen, sie seien die Preußen Asiens", erzählt er im Gespräch mit der DW. "Sie sind sehr fleißig und ordentlich. Woran es ihnen mangelt, ist internationale Erfahrung. Aber da holen gerade die jungen Leute auf."

Gruemmer sieht die Entwicklung Vietnams durchweg optimistisch. "Viele Menschen haben den Sprung in die Mittelschicht geschafft", sagt er. "Die Dynamik in Vietnam ist groß ebenso wie in der gesamten Region Südostasien". Aber, schränkt er ein, "möglicherweise hält die Infrastruktur mit dem Wachstum nicht mit". Da müsse die Regierung noch mehr tun. Grundsätzlich seien die Kommunisten aber sehr wirtschaftsfreundlich. "Es ist ein Kommunismus, der sich kaum in Wirtschaftsbelange einmischt", sagt Gruemmer.

OECD sieht Kraftzentrum

Die OECD, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit, hat gerade Ihren wirtschaftlichen Ausblick für Südostasien veröffentlicht ("Economic Outlook on South East Asia"). Für Vietnam prognostiziert die OECD ein Wachstum von 5,7 Prozent im nächsten Jahr. Besondere Herausforderungen seien der Zugang zu Bildung und das zunehmende Gefälle zwischen Stadt und Land. Stefan Kapferer ist der stellvertretender Generalsekretär der OECD. Auf der Asien-Pazifik-Konferenz der deutschen Wirtschaft (Asia-Pacific Conference of German Business) stellte er die Zahlen für vor. "Südostasien wird das ökonomische Kraftzentrum der Weltwirtschaft", ist er überzeugt. Das liege an der wachsenden Mittelschicht und an den generell guten Wirtschaftsdaten. Die OECD schätzt das durchschnittliche Wirtschaftswachstum für viele Länder Südostasiens auf über sechs Prozent. Vietnam sei Teil der Dynamik.

Die zahlreichen deutschen Wirtschaftsvertreter, die zur Konferenz angereist waren, werden das mit großem Interesse gehört haben. Auch die Teilnahme von Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel an der Konferenz wurde als positives Signal gewertet. Der hatte am Donnerstag noch vor der Konferenzeröffnung ein Ausbildungszentrum von Bosch in der Provinz Dong Nai besucht. 46 junge Vietnamesen werden hier nach deutschem Standard zu Industriemechanikern ausgebildet. Ein Vorzeigeprojekt, dem weitere folgen sollen. Bosch hat bereits 160 Millionen Euro in den Standort Vietnam investiert und ist damit der größte europäische Investor im Land.