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Sprachbar

Vier Buchstaben für das Unbegreifliche

Es gibt wenige Wörter im Deutschen, bei deren Nennung das so mühsam aufgebaute menschliche Zusammenleben beinahe in Sekundenbruchteilen zusammenbricht. Amok, der Inbegriff des Grauens, gehört ohne Zweifel dazu.

Audio anhören 06:27

Vier Buchstaben für das Unbegreifliche – die Folge als MP3

„Amok: in einem Zustand krankhafter Verwirrung – mit einer Waffe – umherlaufen und blindwütig töten.“ So lautet die Definition im Wörterbuch für das Wort „Amok“. Es kommt aus dem malaiischen Sprachraum. Nur wenige malaiische Wörter haben die „Einwanderung“ ins Deutsche geschafft: „Sago“ etwa, die ursprünglich aus einer Palme gewonnene Stärke. Oder das Wort „Kecap“, das in Indonesien für eine Würzsauce steht und hierzulande zum „Ketchup“ wurde. Als die ersten Eroberer und Seefahrer von ihren langen Reisen nach Südostasien und in die Inselwelt Ozeaniens zurückkehrten, brachten sie neben Kokosnüssen und Gewürzen auch Geschichten von Kriegern mit. Die Einwanderung des Wortes begann genau genommen schon im 16. Jahrhundert.

Krieger auf verlorenem Posten

Zum ersten Mal in Europa erwähnt wurde der Begriff im Jahr 1516 in einem Buch über die Völker des Indischen Ozeans. Aus Indien kannte man das Wort „Amuco“. Das waren Krieger, die für ihre Fürsten in aussichtslose Schlachten zogen. Geschichten und Sagen über diese Krieger gibt es aus Malaysia und Indonesien reichlich.

Diese Krieger steigerten sich derart in Raserei, dass sie jeden angriffen und umbrachten, der sich ihnen in den Weg stellte. Das passende Wort hatten sie auch dabei: Amok, was im Malaiischen „wütend“ oder „rasend“ bedeutet. Und Meng-amok bedeutet im Malaiischen: „in blinder Wut angreifen und töten“.

Aus fernen Welten importiert

Ein Gemälde mit einem Porträt von Kapitän James Cook aus dem Jahr 1770

Er gilt als Wortschöpfer des „Amoklaufs“: Kapitän James Cook

Der berühmte Seefahrer James Cook sprach 1772 in einem seiner Reiseberichte erstmals von „Amok laufen“. Er beschrieb, dass sich Männer mit Opium berauschten, das Haus verließen und jeden ermordeten, der sich ihnen in den Weg stellte.

Seinerzeit ging man übrigens davon aus, dass ein Amokläufer von einem bösen Geist besessen war, er also letztendlich nicht schuldfähig sein konnte. Deshalb war es durchaus möglich, dass der Mörder, wenn er sich nicht selbst tötete, später nicht bestraft wurde.

Ein Phänomen der Moderne

Anfang des 20. Jahrhunderts tauchte der Amoklauf dann in der deutschen Alltagssprache auf. Es gab erste Zeitungsberichte über Männer, die plötzlich und unmotiviert eine Waffe nahmen, Menschen wahllos töteten, danach erschöpft zusammenbrachen und sich an nichts erinnern konnten – wenn sie sich nicht vorher im Rausch schon selbst getötet hatten …

Aus dieser Zeit stammt der erste Bericht eines Amoklaufs an einer Schule. Im Jahr 1913 erschoss in Bremen ein Lehrer in der großen Pause fünf Mädchen. Heute wird das Wort „Amoklauf“ vor allem im Zusammenhang mit Tötungen an Schulen verwendet, etwa der Amoklauf von Erfurt 2002 oder von Winnenden 2009. Wissenschaftler sprechen hier allerdings lieber von sogenannten „School Shootings“, da sich die Taten von Amokläufen in der herkömmlichen Bedeutung unterscheiden.

Der alltägliche Amok

Drei Bilder untereinander von der Amokfahrt: das Autos des Amokfahrers hat zwei Menschen überfahren, im Hintergrund sind mit eine Menschenmenge hinter einer Absperrung.

Die Amokfahrt im niederländischen Apeldoorn im Jahr 2009 – ein Anschlag auf die damalige Königin

Gleichzeitig hat sich in der jüngeren Sprache das Wort „Amok“ allgemein für sinnloses und gefährliches Handeln etabliert. Es gibt die „Amokfahrt“, für die es schon genügt, rücksichtslos und betrunken mit dem Auto umher zu rasen; den politischen Amok, der darin besteht, dass sich eine Politikerin oder ein Politiker mit ihren oder seinen Äußerungen selbst schadet. Oder dieser Amok, der in einer Pressemeldung der Deutschen Bahn im Oktober 2014 als Schlagzeile auftauchte: „GDL läuft Amok“.

Hier ging es wahrlich nicht um Massenmörder, sondern um die Gewerkschaft der Lokführer (GDL), die zu einem tagelangen Streik aufgerufen hatte, von dem Zigtausende Bahnfahrerinnen und Bahnfahrer betroffen waren. Auch eine „Amok-Kuh“ gab es schon. Sie erhielt ihren Namen, weil sie aus einem Münchner Schlachthof ausgerissen und in eine Gruppe von Passanten gerannt war.

Ausschließlich Männersache?

Amoktaten sind ein männliches Phänomen. 95 Prozent aller Taten werden von Männern begangen. Psychologen meinen, das sei logisch, gelten doch Gewehre und Waffen jeder Art als Symbol männlicher Machtausübung. Es gibt aber Ausnahmen.

Von ihrem Schlafzimmerfenster aus schoss im Jahr 1979 die 16-jährige Schülerin Brenda Ann Spencer mit einem halbautomatischen Gewehr während mehrerer Stunden immer wieder auf die gegenüberliegende Grundschule. Die Bilanz: Zwei Tote und neun Verletzte. Einem Journalisten sagte sie zur Begründung: „I don‘t like mondays, this livens up the day. – Ich mag keine Montage. Das hier bringt Leben in den Tag.“

Trauriges Ereignis verewigt in einem Song

Dieser Ausdruck der Sinnlosigkeit inspirierte den Sänger Bob Geldof und seine Band „The Boomtown Rats“ zu ihrem größten Hit. Wer den Refrain nächstes Mal mitsingt, sollte an den Ursprung denken: einen Amoklauf.






Arbeitsauftrag
Sucht in eurer Lerngruppe im Internet nach Nachrichtenartikeln, in denen ein Amoklauf, eine Amokfahrt oder ein anderes Ereignis beschrieben wird, das ihr mit dem Begriff „Amok“ in Verbindung bringen würdet. Erstellt eine kurze Zusammenfassung des Ereignisses und welche Konsequenzen daraus gezogen wurden. Diskutiert anschließend in eurer Lerngruppe darüber, ob ihr die ergriffenen Maßnahmen für sinnvoll erachtet oder nicht.

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