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Sport

"Vielleicht waren sie betrunken"

Brasiliens Fans rätseln: Wie konnte das nur passieren? Im Stadion von Belo Horizonte prallen beim 7:1-Sieg der DFB-Elf emotionale Welten aufeinander: Deutschlands ausgelassener Jubel und tiefe brasilianische Trauer.

Ihm fehlen die Worte. Sidney blickt fassungslos auf das Spielfeld. Seine Augen sind leer, sein Blick traurig. Ganz oben nahe dem Dach des Estádio Mineirão steht er in seinem gelb-grünen Shirt und schüttelt den Kopf. Es ist gerade Halbzeit, doch das Spiel ist eigentlich schon vorbei. 0:5 liegt die Seleção gegen Deutschland zurück und Sidney seufzt leise bevor er doch etwas sagen kann: "Es ist eine Demütigung, ich bin so traurig. Ich kann gerade gar nicht beschreiben, was in mir vorgeht. Das ist alles so unglaublich." Versteinert ist seine Miene während er diese Worte spricht und damit ist er nicht allein hier oben auf der Tribüne.

Denn was in den 45 Minuten zuvor dort unten auf dem Rasen der Arena von Belo Horizonte passiert ist, hat vielen Brasilianern die Sprache verschlagen. Wie Statisten schauten die brasilianischen Stars ihren deutschen Gegenspielern hinterher, als die wie im Training Tor um Tor erzielten. Die brasilianische Abwehr fand schlicht nicht statt. Und die Fans, die vor dem Anpfiff noch mit so viel Hingabe die Nationalhymne geschmettert hatten, verstummten.

"Brasilianisches Abwehr-Tohuwabohu"

Viele sind nach dem Halbzeitpfiff von Schiedsrichter Rodriguez sitzengeblieben, schauen gedankenverloren auf den Platz. Andere diskutieren leidenschaftlich, sind wütend auf ihre Mannschaft, so wie Daniel. "Felipao ist verrückt! Er hat die falschen Spieler aufgestellt", schimpft er und hätte sich lieber Ricardo Goulart auf den Rasen gewünscht, ein junges Talent hier aus Belo Horizonte. Doch der ist nicht einmal im WM-Kader. Dass er allein Brasilien heute gerettet hätte, glaubt aber auch Daniel nicht. Stattdessen hat er seine ganz eigene Theorie, warum Brasilien so schlecht spielt: "Vielleicht haben sie gestern Abend Bier gesoffen und waren heute noch betrunken. Ich weiß wirklich nicht, was hier los ist."

Das geht auch Burkhardt so - und doch geht es ihm ganz anders. Ein paar Reihen unter Daniel steht der Bochumer im Deutschland-Trikot mit schwarz-rot-goldener Schminke auf den Wangen und kann sein Glück nicht fassen. "Die ersten 30 Minuten waren die größten, die je eine deutsche Mannschaft gespielt hat", schwärmt Burkhardt, der überglücklich ist, diesen historischen Abend im Stadion miterleben zu dürfen. Sein Fazit der ersten Halbzeit ist ziemlich treffend: "Geniale Spielzüge der Deutschen und brasilianisches Abwehr-Tohuwabohu."

Beifall für den Gegner

Abgesehen von einer kurzen Drangphase zu Beginn der zweiten Halbzeit, in der Manuel Neuer gleich vier mal innerhalb von wenigen Minuten einen brasilianischen Ehrentreffer verhindert, bleibt es bei diesem Spiel. Deutschland kontrolliert die Partie, Brasilien schaut hilflos zu. Auf den Rängen ist es ruhig geworden - mit Ausnahme der beiden kleinen deutschen Blöcke. Dort steht alles. "Oooh wie ist das schön", schmettern die mitgereisten Anhänger der DFB-Elf und stimmen sich anschließend schon einmal auf das Finale am Sonntag ein: "Rio de Janeiro, oh, oho, oh!"

Feiernde deutsche Fans in Belo Horizonte (Foto: DW)

Haben allen Grund zum Feiern: Deutsche Fans in Belo Horizonte

Als der eingewechselte André Schürrle das 6:0 macht, schütteln sie im Block nebenan nur noch den Kopf. Die brasilianischen Fans verstehen nicht, was hier vor sich geht, sind tief enttäuscht von ihrem Team und bleiben doch sitzen. Sie harren aus, bleiben bei ihrer Mannschaft, auch Rachel, die in den USA lebt, aber extra hergeflogen ist, um ihre Mannschaft zu unterstützen: "Es ist so frustrierend. Ich weiß nicht, was mit unserem Team los ist, das ist ein schrecklicher Abend." Und es kommt noch dicker: Als Schürrle den Ball zum 7:0 unter die Latte drischt, stehen die brasilianischen Fans auf und klatschen Beifall - aus Respekt vor einer großen Leistung des Gegners. Das ist wahre Größe.

Nach dem Maracanaço die nächste schwarze Nacht

In der Stunde der größten Niederlage, die sich ähnlich tief einbrennen dürfte wie das "Maracanaço", die viel beklagte Pleite im entscheidenden Spiel gegen Uruguay bei der letzten Heim-WM 1950, zeigen die Brasilianer ihre Fairness. Auch nach dem Abpfiff, der kurz auf dem späten Ehrentreffer durch Oscar ertönte, blieb es dabei. Zwar fuhren draußen vor dem Stadion reihenweise gepanzerte Fahrzeuge vor, aus denen behelmte und bewaffnete Sondereinheiten sprangen, doch es blieb alles friedlich. Leise und manche mit Tränen in den Augen verlassen die Fans die Arena.

Einer von ihnen ist Gustavo, der stumm zu Boden blickt und dann verzweifelt klingt: "Wir hätten mehr verdient gehabt! Neymar und Thiago Silva haben uns sehr gefehlt." Man müsse nun die Enttäuschung überwinden und den Rest der Heim-WM versuchen zu genießen, meint Gustavo mit leiser Stimme und verschwindet dann in der schwarzen Nacht von Belo Horizonte.