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Nahost

Vielfrontenkrieg im Jemen

Die Gewalt im jemenitischen Bürgerkrieg weitet sich aus. Der Frontverlauf wird immer komplizierter. Die Eskalation wäre vermeidbar gewesen. Dafür hätte es allerdings einen anderen politischen Zugang gebraucht.

16 Todesopfer hat das Grippe-Virus H1N1 seit seinem ersten Auftreten Anfang Januar bereits gefordert. Seitdem beschäftigt es die jemenitischen Ärzte und Mediziner. Die aber sind weitgehend machtlos. Seit nämlich Saudi-Arabien eine Lieferblockade über das kleine Land ganz im Süden der arabischen Halbinsel verhängt hat, gelangen kaum mehr medizinische Güter dorthin. Es fehlt an allem: an Insulin für Diabetes-Patienten, an Bluthochdrucktabletten, Mitteln zur Krebsbehandlung - und eben Impfstoffen gegen Grippe. Nachdem der Krieg bereits über 6000 Todesopfer forderte, drohen nun immer mehr Jemeniten durch eigentlich beherrschbare Erkrankungen zu sterben - seit dem Embargo fehlt es schlicht an Behandlungsmöglichkeiten.

Zwar wären die Mediziner des Landes auch in der Lage, die Medikamente selbst herzustellen. Doch fehlen ihnen die dazu nötigen Materialien. Denn einige der benötigten Güter lassen sich nicht nur medizinisch, sondern auch militärisch nutzen. Darum fallen sie unter das Embargo. Nicht nur Saudi-Arabien unterbindet die Verteilung dieser Grundstoffe. Auch die bedrängte Regierung Mansur Hadi überwacht sie argwöhnisch: Schließlich könnten sie auch ihren Feinden, den aufständischen Huthis, in die Hände fallen.

Blockade als Waffe

Dass die Vorsicht aus saudischer Perspektive begründet ist, zeigte sich vor wenigen Tagen. Da fing die internationale Koalition vor der jemenitischen Küste ein Schiff ab. Angeblich hatte es medizinische Ausrüstungsgegenstände an Bord. Tatsächlich aber, erklärten die Koalitionäre, hätten sie in Gegenwart internationaler Beobachter militärisches Material, unter anderem Kommunikationstechnik, gefunden. Ausgelaufen war das Schiff aus dem Hafen von Bandar Abbas im südlichen Iran.

Bewohner von Taiz schleppen Hilfsgüter in die Stadt, 17.01.2016 (Foto: picture alliance)

Bescheidene Hilfe: Bewohner von Taiz schleppen Hilfsgüter in die Stadt

Die Blockaden dienen aber nicht nur defensiven Zwecken - vielmehr werden sie als Waffe eingesetzt. So haben die Huthis die Verbindungswege nach Taiz, die mit drei Millionen Einwohnern drittgrößte Stadt des Landes, gekappt. Nicht nur Medizin, sondern auch Wasser und Nahrungsmittel werden dort immer knapper.

Die Rolle des Iran

Umstritten ist allerdings, in welchem Umfang Iran die schiitischen Huthis tatsächlich unterstützt. In einer kürzlich veröffentlichten Studie hat der Think Tank "International Crisis Group" (ICG) auch das iranische Engagement im Jemen untersucht. Demnach werden die Huthis vom Iran und der ihr verbundenen libanesischen Hisbollah militärisch unterstützt. Allerdings: "Die Unterstützung ist wesentlich geringer als jene, die die Staaten des Golfkooperationsrates den Gegnern der Huthis zukommen lassen. Auch ist sie für die Kampffähigkeit des Huthi/Saleh-Lagers nicht entscheidend", heißt es in der Studie. Vielmehr entstammten die meisten der von den Huthis eingesetzten Waffen aus geplünderten Regierungsbeständen.

Die ICG zitiert einen auf Anonymität bestehenden iranischen Offiziellen: Der iranische Einfluss im Jemen werde überschätzt. "Tatsächlich ist er minimal, und das wissen auch die Saudis. Jemen ist von unserer Küste weit weg. Wir brauchten bereits vor dem Krieg keine Waffen dorthin zu schicken. Jetzt ist das praktisch unmöglich geworden." Allerdings, so der Offizielle weiter, sei der Krieg für Iran strategisch von Nutzen: "Saudi-Arabien geht im Jemen unter. Der Krieg legt dem Königreich einen hohen Blutzoll auf. Auch kostet er das Land Ansehen und bringt es finanziell in erhebliche Bedrängnis."

Vielfältige Fronten

Tatsächlich hat Saudi-Arabien auch im elften Monat der Invasion keine nennenswerten Erfolge verzeichnen könnte. Das liegt zu großen Teilen daran, dass der Konflikt nicht bloß entlang einer, sondern entlang mehreren Fronten verläuft. Der Hauptkonflikt sei der zwischen Huthis und den Truppen des aus der Hauptstadt Sanaa nach Aden geflohenen Präsidenten Mansur Hadi. Durch diesen Krieg hat sich das jemenitische Nationalheer faktisch aufgelöst: Teile der Armee kämpfen auf Seiten des Präsidenten, Teile auf Seiten der Aufständischen.

Hinzu kommen weitere Konflikte: So drängen die südlichen Regionen auf Autonomie, teils sogar auf Unabhängigkeit. Zugleich sind dort Terrorgruppen wie Al-Kaida und der "Islamische Staat" (IS) stark präsent. Sie verfolgen dort ihre jeweils eigenen Ziele. So will der IS auch den Jemen zu einem Teil jenes "Kalifats" machen, an dessen Aufbau er derzeit in mehreren Regionen der arabischen Welt arbeitet - allen voran in Syrien, dem Iran und in Libyen.

Ein regierungstreuer Kämpfer in Aden, 04.01.2016 (Foto: AFP / Getty Images)

Jung und entschlossen: regierungstreue Kämpfer in Aden

Die Fehler der Diplomatie

Längst strahlt auch der Syrienkrieg in den Jemen. Dort führen Saudi-Arabien und Iran einen Stellvertreterkrieg. Dadurch hat die Gewalt einen immer stärker konfessionellen Charakter angenommen, der zunehmend auch die Kämpfe im Jemen prägt.

Für deren Eskalation macht die liberale, in London erscheinende arabische Tageszeitung "Al Araby al-jadeed" vor allem die saudische Politik verantwortlich. Hätte man in Riad den Konflikt wirklich lösen wollen, so hätte man die einzelnen Fronten im Nachbarland sorgfältig voneinander trennen müssen. "Stattdessen haben die im März letzten Jahres begonnenen Bombenangriffe sie zusammengeführt." Sie nun wieder auseinander zu dividieren, wird Aufgabe fähiger Diplomaten sein. Die Vereinten Nationen haben bereits signalisiert, dass sie diese Aufgabe übernehmen werden.

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