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Politik

Vielfalt als Stärke

Umweltschützer, Kirchen, Gewerkschaften – die Kritiker der Globalisierung haben viele Gesichter und doch eins gemein: Sie wollen die Macht der Konzerne einschränken und die Menschen stärker mitbestimmen lassen.

Demonstranten mit Banner in St. Petersburg (Foto: AP)

Freiheit, Wohlstand und Gleichheit für alle - das fordern Demonstranten weltweit

Auch Maria Mies war dabei, als 1999 zehntausende Demonstranten mit Slogans wie "Keine Globalisierung ohne Beteiligung" und "Die Welt steht nicht zum Verkauf" durch die Straßen von Seattle zogen. Gewerkschaftler, Kirchengruppen, Umweltschützer, Frauenbewegungen und Dritte-Welt-Gruppen demonstrierten gegen eine neue Runde der Liberalisierung des Welthandels. Hier wurde Maria Mies, Soziologieprofessorin im Ruhestand und Mitglied der globalisierungskritischen Organisation Attac, die Vielfalt der Anti-Globalisierungsbewegung bewusst: "Darunter waren auch Arme, Bauern und Arbeiter, die ganz spontan mitgemacht haben. Es waren zwar verschiedene Gruppen, aber sie hatten alle die Nase voll und wussten, was sie nicht mehr wollen."

Arme Länder leiden unter Wachstumsstreben

Arbeiter in südafrikanischer Goldmine (Foto: AP)

In den Minen multinationaler Konzerne in Afrika herrschen oft schlechte Arbeitsbedingungen

Die Versprechen, dass Globalisierung Frieden, Gleichheit, Freiheit und Wohlstand für alle bringt, hält die Bewegung für eine Lüge. Besonders die ärmeren Länder leiden ihrer Ansicht nach unter dem Wachstumsstreben der großen Konzerne und werden in Armut und Abhängigkeit getrieben. Außerdem werden soziale Errungenschaften wie Arbeitsschutz und Mindestlöhne mit dem Argument, konkurrenzfähig bleiben zu müssen, immer weiter reduziert. Sie fordern, die Selbstbestimmungsrechte der Völker und soziale Mindeststandards zu garantieren und internationale Handelsabkommen zugunsten der Entwicklungsländer zu ändern.

Die Forderung der Bewegung hat sich bis heute nicht verändert: Die Menschen sollen stärker an politischen Entscheidungen mitwirken. "Das ist in einer globalisierten Welt, die von multinationalen Konzernen beherrscht wird, nicht mehr möglich. Nationale Gesetze können einfach über den Haufen geworfen werden, wenn ein paar Konzerne ihre Lobbyarbeit in Brüssel machen", sagt Maria Mies. Das erste Opfer der Globalisierung sei die Demokratie, das zweite die Umwelt. Für Konzerne zähle nur das Wachstum.

Kritiker wollen die Globalisierung zähmen

Der Politikwissenschaftler Claus Leggewie bezeichnet die Gruppe, die eine globale Marktwirtschaft für akzeptabel und reformierbar hält, als Globalisierungskritiker. Sie machen Verbesserungsvorschläge und glauben daran, dass man die Globalisierung humanisieren kann. Dagegen zweifeln Globalisierungsgegner wie Maria Mies generell am kapitalistischen System. Doch die Bewegung teilt sich längst nicht nur in zwei Strömungen.

Leggewie, Autor des Buches "Die Globalisierung und ihre Gegner", hat die Bewegung in fünf Gruppen eingeteilt. Linke bis Linksradikale sind an sozialer Gerechtigkeit interessiert und wollen ein anderes Gesellschaftssystem entwickeln. Die akademische Linke nimmt dagegen teilweise die Ideen der ökologischen Bewegung auf und pflegt teilweise marxistische Kritik. Die Reformisten aus den Unternehmen haben ein großes Detailwissen und wollen den Kapitalismus sozialdemokratisch zähmen. Die religiös begründeten Globalisierungskritiker knüpfen an die sozialreformerische Tradition der Kirchen an. Und die rechten Globalisierungsgegner betonen besonders den Nationalstaat. Neben großen Organisationen wie Attac, Greenpeace, den Gewerkschaften und Kirchen engagieren sich auf lokaler und regionaler Ebene auch unzählige kleine Gruppen.

Die Kirchen spielen eine außerordentliche Rolle

Vermummter Demonstrant in Prag (Foto: AP)

Gewalttätige Demonstranten sind eine Minderheit unter den Globalisierungsgegnern

Viele unterschiedliche Strömungen in einer Bewegung vereint zu sehen, sieht Leggewie nicht als Problem: "Eine Bewegung zeichnet sich gerade durch ein hohes Maß an Heterogenität und lockeren Verbindungen aus." So könne auch eine Arbeitsteilung stattfinden. Die Gruppen, die Reformen anstreben, hätten ihre Zielgruppe genau wie jene, die radikal und militant demonstrieren. Der Politologe hält dabei die Kirchen für außerordentlich wichtig. Denn in einer ressourcenschwachen Bewegung seien sie es, die Organisationskapazität, Finanzen und Infrastruktur zur Verfügung stellen – noch vor den Gewerkschaften und Parteien. "Durch sie wird eine Bewegung erst handlungsfähig", sagt Leggewie.

Die Gruppen müssen ihre Arbeit aber trotz aller unterschiedlichen Ausrichtungen im Zusammenhang sehen, fordert Maria Mies. Wenn man die Wirtschaft beispielsweise getrennt von der Umwelt sehe, könne man keine Fortschritte machen. Claus Leggewie dagegen glaubt, dass die Bewegung schon gewonnen hat. "Es gibt weltweit niemanden mehr, der die Globalisierung so fortsetzt, wie das in den 1990er-Jahren passiert ist", sagt er, "die ganze Kritik, die angebracht worden ist, ist heute Mainstream, wie beispielsweise die Kritik an den ökologischen Folgen einer ungebremsten Globalisierung." Und das sei die große Leistung der Bewegung.

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