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Europa

Vieles ist faul im Staate Türkei

Die Opferzahl beim Grubenunglück in Soma übertrifft alle Befürchtungen. Dafür gibt es Gründe - aber politische Schuldzuweisungen helfen den Menschen nicht weiter, meint Kommentator Baha Güngör.

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion der Deutschen Welle (Foto: DW/Per Henriksen)

Baha Güngör, Leiter der Türkischen Redaktion der Deutschen Welle

In den türkischen Kohleregionen passieren oft Grubenunglücke. Zumeist jedoch werden sie nicht einmal mehr im Inland registriert, geschweige denn im Ausland. Doch die Bergwerkkatastrophe vom Dienstag (13.05.2014) in Soma in Westanatolien hat so viele Todesopfer wie noch nie bei einem solchen Unglück in der Türkei gefordert. Die Zahl der ums Leben gekommenen Kumpel übertrifft alle Befürchtungen. Wie viele Menschen noch unter Tage sind, darüber gibt es nur ungefähre Angaben. Die Zahl der Überlebenden, die auf ihre Rettung warten, wird immer kleiner, und sie dürfte von der Zahl der Toten bei weitem übertroffen werden.

Wie nach derartigen verheerenden Grubenunglücken überall in der Welt gibt es auch in der Türkei an Schuldzuweisungen keinen Mangel. Doch jeder Versuch, innenpolitisches Kapital aus dem Leid der Menschen zu schlagen, ist ein Beweis der Respektlosigkeit gegenüber Gott, gegenüber dem eingetretenen Tod und gegenüber dem verbliebenen Leben. Die Opposition weist auf eine von der regierenden AKP des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdoğan vor knapp drei Wochen abgeschmetterte parlamentarische Anfrage hin, in der es um die Sicherheit in türkischen Bergwerken ging. Den Angehörigen der Unglücksopfer hilft das jetzt nicht weiter.

Ebenso wenig wird das Leiden der Menschen vermindert, wenn ihnen gesagt wird, dass Sanierungsmaßnahmen die Produktionskosten für eine Tonne Kohle massiv gedrückt haben. Dass dabei viele Mängel unter den Teppich gekehrt worden sind, ist die eine Seite der Medaille. Wichtig wäre auch die Erkenntnis, welche Bestechungssummen über den Tisch gegangen sind - darüber wird vorerst nur spekuliert.

Erdoğans erwartete Kandidatur für das Präsidentenamt hat einen Dämpfer bekommen. Dass er bei den Wahlen schon im ersten Durchgang am 10. August siegt, ist jetzt nicht mehr so sicher. Ein zweiter Wahlgang am 24. August könnte seinen Ansprüchen nicht genügen, da er bei der ersten Präsidentenwahl durch das Volk triumphieren will. Ganz davon abgesehen ist der Sieg im zweiten Wahlgang gar nicht so sicher, weil sich die Oppositionsfront auf einen Kompromisskandidaten gegen Erdoğan einigen könnte.

Es ist vieles faul im Staate Türkei. Doch jede Hoffnung, die Türkei könnte vom falschen Weg abkehren, gibt den Menschen neue Energie, um in einer zunehmend korrupter gewordenen Gesellschaft zu überleben. Schade um ein Land, das sich als regional politisch und wirtschaftlich bedeutsame Macht empfohlen hatte, um jetzt von Europa wieder zunehmend als "kranker Mann am Bosporus" bedauert und über den Tisch gezogen zu werden.

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