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Global Ideas

“Viele wissen nicht um den kirchlichen Einfluss auf den Klimaschutz”

Klimaschutz und Kirche? Doch, das gehört zusammen, sagt Theologe und Ethiker Markus Vogt im Interview. Er erklärt, welche Kompetenzen Kirche im Kampf gegen den Klimawandel hat und welche Chancen sich ergeben.

Foto: Ein Kreuz mit dem Dach einer Kathedrale im Hintergrund (Foto: picture-alliance/dpa)

Symbolbild Christentum

Foto: Sozialethiker Markus Vogt (Foto: DW/Gianna Grün)

Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Markus Vogt ist Professor für Christliche Sozialethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Er hat Theologie und Philosophie in München und Jerusalem studiert und forscht unter anderem daran, wie Gerechtigkeit, Wohlstand und Frieden angesichts des Klimawandels gesichert werden können - und welchen Beitrag die Kirche dazu leisten kann.

Global Ideas: Klimaschutz und Kirche – das gehört auf den ersten Blick nicht intuitiv zusammen. Woran liegt das? Und weshalb ist die Kirche dann doch genau der richtige Ort für die Auseinandersetzung mit dem Thema?

Markus Vogt: Über Umweltthemen wird oft in Form eines Anklagediskurses gesprochen. Und viele verbinden Kirche vielleicht eher mit schlechtem Gewissen als mit Lösungsfindung. Auch innerhalb der Kirche wird Klimaschutz nicht unbedingt als religiöses Thema wahrgenommen. Tatsächlich kann Kirche aber Vorbildfunktion haben und Meinungsmacher sein. Über 700 kirchliche Einrichtungen in Deutschland beteiligen sich am Projekt Umweltmanagement nach europäischen Standards, sparen Energie, vermeiden Müll und engagieren sich im Naturschutz. Außerdem bietet die Kirche einen guten Raum für Reflexion von existenziellen Fragen, wie der Klimawandel sie aufwirft.

Foto: Eine Kirche, auf deren Dach eine Solaranlage installiert ist (Foto: Licence Art Libre)

Kirchen als Meinungsmacher: Wenn sie - zum Beispiel in Sachen Solarenergie - als Vorbild fungieren, ziehen Privatpersonen eher nach.

Welche Kompetenz hat die Kirche diese existenziellen Fragen zu beantworten?

Das größte Problem, das wir mit dem Klimawandel haben, ist: Wir müssen heute schon an die Zukunft denken. Wir wissen, es würde sich sehr lohnen, wenn wir jetzt schon in Klimaschutz investieren. Denn wer jetzt investiert – wenn auch auf nationaler Ebene –, der macht es zum Vorteil aller. Aber es gibt eben noch viele, die die Natur übernutzen. Das ist ein typisches moralisch-ethisches Problem, denn eigentlich brauchen wir vor allem eine globale Solidarität. Und da ist die Kirche der älteste „global player“, der eine globale Gemeinschaft und damit diese globale Solidarität schaffen kann.

Kann Klimaschutz zu weit gehen?

Ja, für mich zeigt sich das an der Frage, wie weit die Pflicht zum Klimaschutz für die ganz Armen geht. Meiner Ansicht nach ist es für die ganz Armen verständlich und auch rechtfertigungsfähig, dass sie sagen „uns geht es zunächst um das existenzielle Überleben.“ Und wir können nicht plausibel von diesen Menschen fordern Klimaschutz zu betreiben, indem sie einen Wald nicht roden, indem sie eine Fläche oder Wasser nicht nutzen, wenn sie ohne nicht überleben können.

Foto: Frauen führen anderen Frauen die Funktionsweise eines Solarkochers vor (Foto: Elisabeth Pongratz)

Klimaschutz kann für die armen Länder der Welt nur funktionieren, wenn die Lösungen einfach realisierbar und kostengünstig sind.

Deswegen ist Armutsbekämpfung existenziell. Ohne die werden wir Klimaschutz in den ökologisch prekären Ländern des globalen Südens nicht schaffen. Auch nicht die Akzeptanz dafür. Genau das ist auch das Problem der weltweiten Klimaverhandlungen: Wir haben im Grunde noch keine wirkliche Lösung gefunden, Armutsbekämpfung und Klimaschutz so zu verbinden, dass es tragfähig ist. Es wird zwar irgendwie ein Kompromiss gesucht, aber am Ende werden dann ökologische Leitlinien wieder ausgehebelt, weil es heißt: „Wenn wir Wohlstand haben, dann können wir uns noch um Umwelt- oder Klimaschutz kümmern“. Aber dann ist es schon zu spät. Deswegen ist es wichtig von vornherein das Ökologische und Soziale neu zusammenzudenken. Und das ist dann wieder ein spezifisch kirchlicher Zugang. Weil es nicht um die Natur als solche geht, sondern immer um die Beziehung des Menschen zur Natur.

Wie sollte denn diese Beziehung zwischen Mensch und Natur im kirchlichen Sinne aussehen?

Es ist ganz klar eine ganzheitliche und nachhaltige. Das Konzept der Nachhaltigkeit wurde von den Kirchen mit geprägt: Ein erstes weltweites Programm für Nachhaltigkeit („Sustainable society“) wurde 1974 vom Weltrat der Kirchen etabliert. Dem zugrunde liegt das Konzept der ganzheitlichen Entwicklung (Enzyklika “Populorum progressio“ von 1967) und beides zusammen ist in die Konzepte der UNO eingeflossen, aus denen dann später die Leitidee der Nachhaltigkeit entstanden ist. Auch die ethische Architektur der Rio-Deklaration, ist hervorgegangen aus einer von den Religionsgemeinschaften angeregten Initiative (Erd Charta).

Viele Menschen – auch innerhalb der Kirche selbst – wissen gar nicht, dass das durchaus auch Sternstunden eines fundamentalen Einflusses von kirchlichen Akteuren und gedanklichen Impulsen sind.

Glauben Sie, dass der Klimawandel die Religion oder Art zu glauben verändern wird?

Ich würde es vorsichtiger sagen. Ich sehe diesen Umweltaspekt als eine unglaubliche Chance, traditionelle religiöse Themen so in einem Kontext zu bringen, dass Religion erfahrbar ist – als Antwort auf Probleme, die unsere Gesellschaft heute hat. Denn der Klimawandel wirft auf neue Weise religiöse Fragen auf: Was ist eigentlich unsere Position in der Natur, in der Welt, im Kosmos? In welchem Zeithorizont handeln und denken wir?

Wir sind dabei im Klimawandel – durch Änderung der Landnutzung und der Veränderung des Wasserhaushaltes – die Grundlagen unserer Zivilisation zu zerstören. Was ist es da, dass uns fähig macht zu Reformen? Was ist das, was uns Hoffnung gibt? Was ermöglicht uns – jenseits unserer individuellen Existenz – eine Zukunft? Durch den Klimawandel kommen ganz existenzielle, religiöse – vielleicht auch unerwartete – Fragen im Umweltkontext wieder. Ist die Natur eine Ansammlung von Ressourcen zur Nutzung durch den Menschen, oder ist die Natur auch Symbolressource? Wie weit reicht der Eigenwert der Natur?

Spannend wird es zu sehen, wie diese neu aufgeworfenen Fragen, zusammengenommen mit dem Schatz an Traditionen, die wir in der christlichen Religion haben, neu diskutiert werden – auch als Brücke zu anderen Religionen.

Wir glauben und hoffen ja nicht nur im rein religiösen Sinne, sondern auch im Alltag. Beispielsweise, dass die Klimakonferenzen ein hilfreiches Ergebnis liefern.

Foto: Präsident Obama schüttelt anderen Teilnehmern der Klimakonferenz Kopenhagen 2009 die Hände (Foto: AP/Susan Walsh)

Klimakonferenzen: Nur wenn Armutsbekämpfung und Klimaschutz Hand in Hand hier gehen, bestehe eine Chance, den Klimawandel aufzuhalten.

Im Grunde erhoffen wir uns von den Klimakonferenzen etwas, dass sie eigentlich nicht leisten können: Einen Vertrag zu schaffen, um damit noch mal schnell die Welt zu retten. Es geht am Ende aber nicht um etwas, was nur auf der Ebene der Politik beschließbar ist. Sondern es geht um unser gesamtes Wohlstandsmodell, unsere Vorstellung von Zukunft und Fortschritt – das ist eine Frage der gesamtgesellschaftlichen Wertbildung. Da muss die Politik einen Rahmen schaffen, aber sie kann nur auf die Rechtsebene heben, was gesellschaftlich schon an Veränderung da ist, sie kann nicht Impulsgeber dafür sein.

Ich sehe das auch als besondere Aufgabe von Theologie und Religion, zu helfen einerseits Erwartungen realistisch zu dimensionieren und andererseits Ideologiekritik zu betreiben, um zu zeigen, wie unterschwellig mit ökologischen Versprechen übertriebene Hoffnung verknüpft werden.

Wenn die Impulse aus der Gesellschaft, vielleicht auch aus der Kirche kommen sollen, und es eine globale Solidarität geben muss, wie Sie eingangs erwähnt haben – bedeutet das für Sie auch, die verschiedenen Religionen den Klimaschutz zusammen voranbringen müssen?

Foto: Halbmond, Kreuz und Davidstern

Oft ist Religion auch Ursache oder Verstärker für Konflikte - der gemeinsame Kampf gegen den Klimawandel kann eine Chance für neue Brücken der Verständigung sein.

Unbedingt. Denn es ist unser gemeinsamer Planet und nur, wenn wir es schaffen koordiniert zusammenzuarbeiten, kann Klimaschutz gelingen. Das gilt eben nicht nur auf politischer, sondern auch auf kultureller Ebene. Und diese kulturelle Kooperation kann in einem interreligiösen Diskurs verankert sein. Der Konflikt um knapper werdende Ressourcen wird kommen bzw. sich verstärken. Gerade weil Religion oft Konfliktursache oder Konflikteskalationsfaktor ist, ist es eine wichtige Aufgabe der Religionen, schon vorab Konfliktfähigkeit zu schulen und Brücken zur Verständigung zu schlagen.