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Parteien

"Viele Wähler haben ihre Wut gebremst"

Die dritte große Koalition unter Angela Merkel könnte bald besiegelt sein. Es wäre keine gute politische Option, sagt der Psychologe und Gesellschafts- und Marktforscher Stephan Grünewald im DW-Gespräch.

DW: Herr Grünewald, als Psychologe, Marktforscher und Gesellschaftsbeobachter können Sie tief in die deutsche Seele schauen. Wie geht es uns denn derzeit zwischen Angela Merkels zweiter und vermutlich dritten GroKo?

Stephan Grünewald: Wir haben vier Wochen vor der Wahl eine große Analyse erstellt, die dann im "Spiegel" und in allen Medien Furore gemacht hat, in der wir festgestellt haben, dass es eine ungeheure Unzufriedenheit im Lande gibt. Das Wahlergebnis zeigt nicht das ganze Ausmaß der Unzufriedenheit, denn viele Wähler haben ihre Wut gebremst. Frau Merkel wird als Stabilisatorin geschätzt. Ihr traut man zu, dass sie Despoten wie Trump, Putin oder Erdogan, die unser Auenland bedrohen, Paroli bieten kann. Gleichzeitig haben die Wähler das Gefühl, dass das Land nicht gut umkümmert ist. Es ist schwierig, an Wohnungen zu kommen, die Schulen sind verlottert, die soziale Gerechtigkeit ist nicht da. Dieses gemütliche Deutschland, das sich in einem Stillhalteabkommen mit den Politikern einrichtet, das gibt es nicht mehr.

Wir befinden uns derzeit in einer Zeit des Erwachens. Es ist bei vielen Menschen eine größere Bereitschaft da, sich wieder zu aktivieren, politisch zu diskutieren, eine eigene Meinung aufzubauen. Aber wie immer im Leben gibt es zwei Tendenzen. Denn es gibt natürlich auch eine Bequemlichkeitstendenz, die durch das Scheitern von Jamaika enttäuscht wurde. Andererseits steckt in dem Scheitern natürlich auch die Chance, dass es diesmal anders läuft.

Trotzdem: Ein bisschen Streit in der Jamaika-Sondierung - und schon streben wir wieder Richtung GroKo. Haben wir Deutschen einen Konsens-Komplex?

Der Wahlkampf ist immer eine Zeit, in der alle Themen, die einen die Jahre über beunruhigt haben, wieder auf den Tisch kommen. Viele Menschen sind einfach aufgekratzt und unzufrieden. Das hat man vor dem Wahlkampf auch gemerkt. Dann ist natürlich die Hoffnung, dass nach dem Wahlkampf eine Phase der Beruhigung eintritt. Viele hatten sich in Deutschland darauf eingestellt, dass es Koalitionsverhandlungen gibt und dann kommen wir wieder in die übliche Stillhalte-Routine.

Abgebildet ist Stephan Grünewald (Stephan Grünewald)

Stephan Grünewald: "Brauchen den produktiven Streit"

Diese Gewohnheit ist jetzt erst einmal enttäuscht worden und das macht Angst, weil man ins Ungewisse blickt. Andererseits merken die Menschen aber auch, jetzt noch einmal GroKo, das kann es doch nicht sein! Als Psychologe kann ich das auch überhaupt nicht gutheißen. Ich glaube, wenn wir jetzt noch einmal die GroKo haben, dann würde dieses Gefühl zunehmen, das alternativlos durchregiert wird, dass wir in der Mitte keine unterscheidbaren Positionen mehr haben. Schon jetzt haben die Wähler ja bereits den Eindruck, dass die ganze Politik breiig geworden ist. Die Orientierungslosigkeit, die Ohnmacht  und daraus resultierende Wut würden in einer erneuten GroKo stark anwachsen. Das führt psychologisch bei einigen Menschen zu Übersprunghandlungen in Richtung Radikalisierung. Das heißt, die Ränder würden gestärkt werden.

Ich glaube, das GroKo-Versprechen ist eines, das uns kurzfristig Ruhe verheißt. Langfristig aber bestärkt es die Erosion der Volksparteien. Wenn weiterhin alternativlos durchregiert wird, verstärkt sich das Misstrauen in die Demokratie.

Die beiden großen Koalitionen der vergangenen Jahre waren bienenfleißig und haben beispielsweise in der ersten GroKo 2005 bis 2009 mehr als 2.000 Gesetze erlassen. Allein - der große Wurf blieb aus. Ebenso mager ist die Bilanz der immer noch aktiven Koalition. Können wir nur noch zaudern und verwalten?

Da stimme ich ihnen zu. Es gab kein Gemeinschaftsprojekt und eine große Vision schon gar nicht. Was aber noch schwerer wiegt: die Menschen haben in ihrer Bequemlichkeit lange alles der Politik überlassen, bzw. delegiert, nach dem Motto "Mutti" (Merkel) wird es schon machen. Es war ein Gefühl, sich um nichts kümmern zu müssen.

Das ist in Zeiten von Brexit und Trump anders. Jetzt müssen wir uns kümmern - auch in der Flüchtlingspolitik. Jetzt wollen sich viele wieder engagieren. Denn bei den Stichworten Merkel und GroKo denken viele: Achtung, die Kanzlerin will wieder alles durchwinken.

Stichwort Homoehe (offiziell Ehe für alle): Wenn das ein Wahlkampfthema gewesen wäre und die Menschen da monatelang erbittert gestritten hätten, hätten am Ende alle ihren Frieden damit gemacht, weil der Streit auch immer die Gegenposition verstehbarer und verständlicher macht. Themen, die jedoch einfach durchgewunken werden, hinterlassen bei vielen so ein Gefühl des Unbeteiligtseins. Wir brauchen letztendlich wieder den produktiven Streit in der Mitte der Gesellschaft, und den liefert die GroKo letzten Endes nicht.

Politisch gesehen ist die Gesellschaft inzwischen richtig zerrissen. Merkel ist immer noch da, aber nicht mehr heilig. Gemocht wird sie interessanterweise sehr bei der politischen Konkurrenz. Die SPD bleibt schwach, obwohl ihre klassische Klientel allen Grund hätte aufzubegehren. Die AfD ist eine Realität, die FDP wieder da. Was will der prototypische Deutsche heute?

Der prototypische Deutsche hat das Gefühl, in einer Welt zu leben, in der er mehr und mehr die Orientierung verloren hat. Einerseits, weil die Welt wirklich so komplex geworden ist: die Entideologisierung und die coole Gleichgültigkeit der 90er Jahre wird heute von vielen Menschen als entfesselte Beliebigkeit erlebt. Andererseits, weil sie sich selbst zu wenig gekümmert haben. Jetzt in der Zeit des Erwachens wollen sie wieder eine klare Orientierung bekommen und sie sehnen sich wieder nach Parteien mit Profil, die nicht ihr Fähnchen in den Wind stellen, sondern die eigenen Standpunkte, die eigenen Visionen markieren. Die können dann ja auch wieder ausgefochten werden.

Berlin CDU Pressekonferenz GroKo Merkel (picture-alliance/dpa/K. Nietfeld)

"Müsste ihren Politikstil ändern": Angela Merkel

Von daher wäre eine Minderheitsregierung wirklich eine Chance, diese Beteiligungsbereitschaft wieder zu befeuern. Frau Merkel müsste dann ihren Politikstil ändern. Sie wäre gefordert, wieder für ihre Projekte zu werben und sich zu erklären. Sie müsste das Parlament auf ihre Seite ziehen und damit die Bürger. Das wäre eine komplett andere politische Landschaft als wir sie in den letzten gefühlt zwölf Jahren erlebt haben.

Warum ist deutsche Politik so langweilig und was ist daran gut - erklären Sie uns das bitte?

Gut und schlecht sind moralische Kategorien. Psychologisch betrachtet, kann man eher von Chancen und Grenzen sprechen. Die Chance der Langeweile ist, das die Bürger in dieses besagte Stillhalteabkommen verfallen, sie üben sich in Lethargie. Sie äußern keine fundamentale Kritik mehr. Daher hat Merkel es leicht gehabt, durchzuregieren oder mit der Alternativlosigkeit durchzukommen.

Andererseits kann politische Langeweile auch dazu führen, dass sich viele nicht verstanden, nicht abgeholt, nicht beteiligt fühlen. Die Orientierungslosigkeit nimmt zu und es entsteht eine gärende Wut. Viele Menschen sind dann bereit, einer Verschwörungstheorie zu folgen, die ihnen verspricht, wieder einen Anpack an die Wirklichkeit zu kriegen. Um das zu verhindern, brauchen wir keine GroKo, sondern einen neuen Streit in der Mitte der Gesellschaft, der von Parteien mit einem klaren und unterscheidbaren Profil ausgetragen wird.

Stephan Grünewald (57) ist Psychologe, Bestsellerautor und Mitbegründer des renommierten Rheingold-Instituts für Markt- und Medienanalysen. 

Das Gespräch führte Volker Wagener