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Europa

Viele unentschlossene Wähler in London

Es ist ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Konservative und Labour liegen in den Umfragen seit Wochen bei jeweils etwa 33 Prozent der Wählerstimmen in Großbritannien. Im Londoner Wahlkreis Golders Green ist die Stimmung gespalten.

Der Wahlkreis Finchley/Golders Green liegt im Nordwesten von London - eine Mischung von ruhigen Straßen mit Einfamilienhäusern und Gegenden mit heruntergekommenen Wohnblocks und schmuddeligen Ladenzeilen. Dies ist der alte Wahlkreis von Premierministerin Margaret Thatcher. Zuletzt wurde hier ein konservativer Abgeordneter gewählt, aber diesmal hat die Labour-Kandidatin gute Chancen. Denn dieser Bezirk gilt als "swing constituency", wo keine der Parteien eine verlässliche Mehrheit hat. Schon am frühen Morgen ist hier Hochbetrieb. Viele Londoner sind auf dem Weg zur Arbeit und vor den Wahlbüros bilden sich erste Schlangen. Hier leben eine große jüdische Bevölkerungsgruppe, alteingesessene asiatische Zuwanderer und inzwischen auch Osteuropäer, die nach der EU-Erweiterung kamen.

Politisches System im Umbruch

Die Londonerin Jude gibt ihren beiden Töchtern auf dem Schulweg das Frühstück mit und erklärt ihnen, dass auch in ihrer Schule heute ein Wahlbüro eingerichtet ist. "Es wird sehr knapp", glaubt sie. "Großbritannien bewegt sich weg von einem Zwei-Parteien-System - das heißt, Koalitionen werden normal."

Schlange vor einem Wahllokal in Golders Green (Foto: DW/Wesel)

Vor manchen Wahllokalen haben sich schon am frühen Morgen Schlangen gebildet

Der nächste Schritt müsse dann wohl eine Wahlrechtsreform sein. Ob sie das gut findet? Kommt darauf an, ob man will, dass auch Parteien mit extremen Ansichten im Parlament sein sollten, sagt sie. Jedenfalls verändere sich in jüngster Zeit die britische Politik und werde mehr so wie in anderen europäischen Ländern. Bloß ein Parlament ohne Mehrheit, ein "hung parliament", finde sie schlecht, weil dann monatelang Instabilität herrschen würde. Die Idee einer großen Koalition, ähnlich wie in Deutschland, finde sie allerdings ungewohnt: "Obwohl dann die Großen zusammenarbeiten müssten, und keiner tun kann, was er will. Vielleicht wäre das gar nicht so schlecht." Von den Kandidaten fand Jude im Wahlkampf allein die schottische SNP-Chefin Nicola Sturgeon beeindruckend: Eine Vollblutpolitikerin, die direkt sei und sage, was sie wolle. David Cameron und Ed Miliband dagegen haben sie nicht überzeugt: Man wisse nicht, was man den beiden glauben könne.

Auf jede Stimme kommt es an

An der Straßenecke vor dem Wahlbüro diskutiert Richard mit einem Freund über die Chancen der Bewerber. "Das ist ein interessanter Wahlkreis, weil es hier historisch immer wieder den Wechsel von Konservativen und Labour gab." Er will sich erst im letzten Moment entschließen: "Für Konservative und Labour gibt es gute Argumente." Aber schließlich seien die Wahllokale bis 22 Uhr geöffnet, da könne er noch ein bisschen nachdenken.

Die drei Wahlhelfer der großen Parteien vor dem Wahlbüro müssen also auf Richard noch etwas warten. Der Konservative, der Labour-Vertreter und der Liberaldemokrat vergleichen da die Nummern auf den Wahlkarten der eintreffenden Wähler mit ihren Listen. In Großbritannien gehen nämlich die Kandidaten und ihre Helfer wochenlang von Tür zu Tür, um für sich und ihre Partei zu werben. Wer also bis zum Nachmittag noch nicht im Wahllokal war, bekommt vielleicht noch einmal Besuch von einem Aktivisten mit der Bitte, doch noch zur Urne zu kommen.

In London liegt Labour vorn

Wahlhelfer in Golders Green (Foto: DW/Wesel)

Wahlhelfer in Golders Green

Labour-Anhänger Andrew Smith ist zuversichtlich: Die letzten Umfragen zeigten, dass seine Partei in London mit 13 Punkten vorne liegt. Aber im Wahlkreis "wird es sehr knapp" und er hoffe, dass der Trend in der Hauptstadt sich auch in Golders Green durchsetzt. "Wir haben hier Ecken mit unglaublichem Reichtum und welche mit echter Armut, es ist sehr gemischt", erklärt Andrew. Im Grunde sei der Bezirk ein Spiegel Londons. Erst spät in der Nacht wird er wissen, ob seine Kandidatin es ins Unterhaus geschafft hat. Nach der Schließung der Wahllokale werden die Stimmen dann gezählt und geprüft - alles von Hand, der Prozess ist langwierig. Und die in anderen Ländern üblichen Exit Polls haben hier wenig Aussagekraft: Denn schon 20 Stimmen können nach dem Mehrheitswahlrecht über Sieg oder Niederlage entscheiden.

Auch Raqhee ist schon früh zur Wahl gegangen. Die Inneneinrichterin findet ihre Klientel eher unter den wohlhabenden Bewohnern des Viertels. Daher sieht sie auch die "Villen-Steuer" kritisch: Die Labour-Party will eine Sondersteuer für Grundbesitz im Wert von über 2 Millionen Pfund einführen. Im sehr teuren London gibt es auch in Golders Green ziemlich viele, die davon betroffen wären. Raqhee bekennt sich ohne Umschweife als Tory: "Sie räumen im Sozialhilfe-System auf. Ich kenne viele, die es sich gemütlich machen, das ist nicht gerecht", meint sie. Tatsächlich hat die Regierung von David Cameron mit tiefen Einschnitten das Sozialbudget gekürzt. Weitere milliardenschwere Sparmaßnahmen stehen auf dem Programm, wenn er die zweite Amtszeit gewinnt.

Hohe Politikverdrossenheit

Liste eines Wettbüros in London (Foto: DW/Wesel)

In Wettbüros führt David Cameron

Auf dem Weg zur U-Bahn kann man im Fenster des Wettbüros ablesen, was die wettbegeisterten Briten vom Wahlausgang erwarten: David Cameron führt mit 1:5, gefolgt von Ed Miliband. Liberalen-Chef Nick Clegg ist total abgeschlagen. Drinnen sitzt Robert in seinem Glaskasten und nimmt seit 8 Uhr morgens die ersten Einsätze für Fußball- und Pferdewetten entgegen. Auf den Wahlausgang will gerade niemand setzen. "Ich habe kein Vertrauen in irgendeinen dieser Politiker", sagt er. "Vor allem aber habe ich die Nase voll von Camerons Sparpolitik."

Ansonsten aber interessiere ihn alles nicht, weil sich für ihn so oder so nichts ändern werde. Er fährt eine halbe Stunde zur Arbeit und sitzt dann von morgens bis spät abends am Wettschalter: "Ich habe keine Zeit zum Wählen, und die ganze politische Situation frustriert mich nur." Er gehört zu den hart arbeitenden Briten, die seit der Finanzkrise ums tägliche Überleben kämpfen - und deren Politikverdrossenheit eines der großen Themen in diesem Wahlkampf war. Viele von ihnen sehen einfach gar keinen Kandidaten, dem sie zutrauen, ihre Interessen zu vertreten.

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