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Fokus Südosteuropa

Viele Umfragen, verwirrte Wähler

In Mazedonien finden bald Wahlen statt. Das bedeutet Hochkonjunktur für Meinungsforscher. Doch es gibt so viele, dass es eher die Wähler verunsichert als aufklärt. Meinungsforscher warnen zudem vor Missbrauch.

Fragezeichen und menschliche Figur

Mazedonier bekommen massenweise Umfragen vorgesetzt

Am 5.Juni finden in Mazedonien vorgezogene Parlamentswahlen statt, nachdem die sozialdemokratische Opposition monatelang das Parlament boykottiert hatte. Im Vorfeld der Wahlen betreiben eine ganze Reihe von Umfrageinstituten und Agenturen in Mazedonien Wahlforschung. Auftraggeber sind häufig die Parteien selbst. Angesichts der Masse an verschiedenen Umfrageergebnissen sind viele Wähler verunsichert.

Die bevorstehenden Parlamentswahlen dürften den Eifer der Umfrageinstitute weiter beflügeln. Wer wird neuer Ministerpräsident? Wie groß ist das Vertrauen in den gegenwärtigen konservativen Regierungschef Nikola Gruevski? Wie sollten die Wählerlisten zusammengestellt werden? Welche Themen bewegen die Wählerschaft am meisten? Fragen, mit denen sich ein unübersichtliches Spektrum an Umfrageinstituten beschäftigt: unter ihnen gibt es gerade erst gegründete Einrichtungen, mehrere PR-Agenturen, europaweit tätige Institute bis hin zu angesehenen Forschungsinstituten wie das der Universität Skopje mit seiner über zwanzigjährigen Erfahrung. Die Masse an unterschiedlichen Umfragen führt zu kontroversen Interpretationen und Analysen der Ergebnisse und schürt in der Öffentlichkeit zunehmend Skepsis.

Umfragen glaubwürdig?

Vladimir Misev politischer Analyst aus Skopje (Foto: DW)

Analyst Misev glaubt an die Seriösität der Meinungsforscher

So rätseln die politischen Parteien, wie sie die Prognosen bewerten sollen. Manch ein Politiker fragt sich: Wem soll man glauben: den selbst bestellten Umfragen, den persönlichen Kontakten mit den Bürgern oder etwa den Medien? Wahlforscher warnen vor der Instrumentalisierung von Umfragen und raten dazu, die Ergebnisse ernst zu nehmen. "Die Parteien sollten über eine gewisse demokratische Kapazität verfügen. Die Ergebnisse der Befragungen der öffentlichen Meinung sollen schließlich ein Werkzeug in deren Händen sein, damit sie sich der Öffentlichkeit und den Bürgern nähern können", meint Vladimir Misev von dem Institut für Demokratie in Skopje. Georgi Kimov, von der Agentur "Brima Gallup" vertritt eine ähnliche Meinung. "Die Grundfunktion der Umfragen besteht nicht darin die öffentliche Meinung zu manipulieren. Im Gegenteil, die Umfragen dienen den Politikern, um konkrete Maßnahmen ergreifen zu können", so Kimov. Die renommierten Institute würden schon deshalb verlässliche Ergebnisse liefern, weil sie ihre Glaubwürdigkeit nicht aufs Spiel setzen wollten.

Vorsprung der Regierungskoalition schmilzt

Nikola Gruevski, Ministerpräsident der Republik Mazedonien vor einer Menschenmasse (Foto: DW)

Neuer, alter Premier Gruevski?

In den bislang veröffentlichten Umfragen fällt die Prognose für die amtierende Regierungskoalition unter dem konservativen Ministerpräsidenten Nikola Gruevski und seinem albanischen Koalitionspartner Ali Ahmeti positiv aus. Der Umfrage des Instituts für soziologische und politische Forschung in Skopje zufolge schmilzt aber der Vorsprung. Ferner sieht die letzte Umfrage des Instituts "Progres" sogar einen hauchdünnen Vorsprung für die Sozialdemokraten vor. Ein anderes Beispiel ist die Umfrage des Instituts "Liberta", die nur die albanischstämmigen Wahlberechtigten berücksichtigte. Der leitende Wahlforscher des Instituts, Edmond Ademi, prognostiziert eine noch größere Fragmentierung des künftigen mazedonischen Parlaments, also eine Aufsplitterung in weitere kleine Parteien. Zwar glaubt er, dass die an der Regierungskoalition beteiligte Partei DUI trotz Verlusten die stärkste albanische politische Kraft bleibt, aber dass sie eine ganze Reihe von Stimmen an andere albanische Parteien abgeben wird.

Beherrschendes Thema unter den Wählern ist die angestrebte EU- und NATO-Integration des Landes, die weiterhin deutlichen Zuspruch unter den Wählern genießt. Ferner beschäftigen die wirtschaftliche Entwicklung und die sozialen Probleme viele Wähler, und zwar unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Alle anderen Themen folgen mit sehr deutlichem Abstand.

Skepsis bei den Wählern

Wahlurnen in einem mazedonischen Wahllokal (Foto: DW)

Die Qual der Wahl

Die Medien sind ebenso mit eigenen Umfragen präsent. Allen voran befragen die Tageszeitung "Dnevnik" und seit Kurzem die Tageszeitung "Nova Makedonija" kontinuierlich die politische Meinung der Wähler. Meinungsforscher Nikola Spasov betont, dass die Umfragen, die die beiden Zeitungen bestellt haben, repräsentativ sind. "Keine Agentur darf die Ergebnisse manipulieren. Derjenige aber, der die Umfrage bestellt hat, darf bestimmen, welche Fragen der Untersuchung dann veröffentlicht werden." Sind diese Umfragen glaubwürdiger? Saso Kokalanov, Redakteur der Online-Ausgabe der Zeitung "Dnevnik", ist überzeugt, "dass die Öffentlichkeit die Ergebnisse der von den Parteien beauftragten Umfragen kritisch bewertet." Aus diesem Grund sollten die Medien eigene Umfragen in Auftrag geben. Besonders diejenigen, die neutral und unabhängig sein wollen.

Inwieweit die von den Medien beauftragten Umfragen der irritierten Wählerschaft helfen, sich im Prognosedschungel zu orientieren, wird sich zeigen. Eine Konstante gibt es immerhin unter den vielen bislang veröffentlichten Umfragen: etwa 40 Prozent der Wahlberechtigten haben sich noch nicht entschieden, wem sie ihre Stimme bei den Parlamentswahlen geben.

Autor: Aleksandar Comovski / Aleksandra Trajkovska

Redaktion: Verica Spasovska / Mirjana Dikic

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