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Nahost

Viele Touristen meiden derzeit Ägypten

Ägypten hat auf der Internationalen Tourismus Börse (ITB) um mehr Besucher aus Deutschland geworben. Doch die Sicherheitslage und Diskussionen über Alkohol- und Bikini-Verbote erschweren das Bemühen.

Die Pyramiden von Gizeh (Foto: DW)

Die Pyramiden von Gizeh

"Nur wenn es da draußen ruhig ist, gibt es für uns Arbeit“, sagt Rami Badr und wirft einen Blick durch die Glasfassade seines Reisebüros auf den Tahrir-Platz. Überall in seinem Geschäft hängen bunte Poster mit preiswerten Reiseangeboten, aber keiner greift zu: Der lang ersehnte Ansturm der Touristen bleibt auch heute wieder aus.

Rami Badr in seinem Reisebüro (Foto: Amira Rahman, DW)

Rami Badr in seinem Reisebüro

Dabei könnte es für sein Reisebüro eigentlich kaum einen besseren Ort geben als den Tahrir-Platz – er liegt mitten im Herzen von Kairo. Allerdings war der Platz auch das Zentrum der Proteste, die vor mehr als einem Jahr den autoritären Machthaber Hosni Mubarak stürzten. Bis heute zelten dort Demonstranten und fordern den Rücktritt des Militärrats, immer wieder kommt es zu Zusammenstößen mit der Polizei. Für den 25-jährigen Rami Badr sowie die Betreiber der anderen Reiseagenturen im Zentrum Kairos bedeutet jede neue Unruhe dieser Art ein wirtschaftliches Desaster.

Viele Reiseführer sind arbeitslos

Seit einem Jahr schon leiden sie unter massiven Einbrüchen. Dabei standen Rami Badr und viele seiner Kollegen von Beginn an hinter der Revolution. Vor einem Jahr, noch in euphorischer Aufbruchstimmung, hatten sie gehofft, dass mit dem Sturz Mubaraks nun auch für den Tourismus eine neue Ära anbrechen würde. Auch Moataz Sayed von der ägyptischen Fremdenführer-Gewerkschaft hatte auf einen positiven Revolutionseffekt gesetzt: "Ausländische Touristen interessieren sich immer für die Gesamtlage in ihrem Urlaubsland“, erklärt er. "Deshalb hatten wir nach der Revolution gehofft, dass Ägypten für westliche Touristen noch attraktiver werden würde, wenn Demokratie herrscht und die Menschenrechte respektiert werden."

Doch die Ereignisse der letzten Monate und die schlechte Sicherheitslage haben viele Besucher abgeschreckt, nicht zuletzt westliche Touristen kommen nun deutlich seltener. Etwa 70 Prozent der in seiner Gewerkschaft organisierten Reiseführer seien in Folge der Revolution bereits arbeitslos geworden, beklagt Moataz Sayed. "Viele meiner Kollegen wissen gar nicht mehr, wie sie ihre Familien ernähren sollen."

Ein Modell des Sarkophages von Tutenchamun (Foto: Shitao Li, DW)

Ein Modell des Sarkophages von Tutenchamun

Für die ägyptische Wirtschaft sei all dies ein Riesenproblem, sagt Sayed. Immerhin jeder siebte Ägypter, so wird geschätzt, lebt direkt oder indirekt vom Tourismus, arbeitet als Fremdenführer, Restaurantbetreiber, Kutschenfahrer, Souvenirhändler oder betreibt ein Reisebüro. Der Anteil der Tourismusbranche und der von ihr abhängigen Bereiche an der Volkswirtschaft wird auf mehr als zehn Prozent geschätzt. Zudem bringen Touristen viele Devisen ins Land.

Wie sicher ist Ägypten für Touristen?

Tourismus-Gewerkschaftler Sayed sieht deshalb alle Ägypter in der Pflicht: Alle Bürger seien für das Image ihres Landes im Ausland mitverantwortlichm, betont er. Und fügt hinzu, dass die Sicherheitslage in Ägypten seiner Überzeugung nach längst nicht so schlecht sei, wie sie im Ausland empfunden oder in den Medien dargestellt werde. Mit Ausnahme der Entführung von zwei südkoreanischen Touristen auf der Halbinsel Sinai im Februar 2012, meint Sayed, habe es seit der Revolution keine gezielten Angriffe auf Touristen in Ägypten gegeben. "Für ein Land, das sich im Aufbruch befindet, ist das doch insgesamt beruhigend", beschwichtigt er.

Strand am Roten Meer in Ägypten (Foto: Arco Images)

Strand am Roten Meer in Ägypten

Kein Grund zur Panik - diese Botschaft versuchen auch die Vertreter der ägyptischen Tourismusbranche in Deutschland ihren potenziellen Kunden zu überbringen. Das staatliche Fremdenverkehrsamt organisierte im Vorfeld der Internationalen Tourismus Börse (ITB) in Berlin Inforeisen für deutsche Reiseveranstalter und ermutigt sie dazu, Ägypten wieder in ihre Reiseangebote aufzunehmen. Dies sei allerdings keine leichte Aufgabe, erklärt Mohamed Gamal, Generaldirektor der Tourismusabteilung im Ägyptischen Generalkonsulat. Man versuche insbesondere wieder mehr deutsche Touristen zu den Badeorten am Roten Meer und zu kulturellen Stätten wie Luxor zu locken. Zu diesem Zweck soll sogar ein Fernsehkanal gestartet werden, in dem sich Ägypten den deutschen TV-Zuschauern "von seinen schönsten Seiten" zeigen will.

Werben um deutsche Touristen

Für die anvisierten Ziele bestehen tatsächlich keine offiziellen Reisewarnungen - wohl aber für andere Regionen und für bestimmte Plätze in Kairo. Wörtlich heißt es auf der Website des deutschen Auswärtigen Amtes: "Reisen nach Ägypten sollten bis auf weiteres auf den Großraum Kairo (mit Ausnahme des Stadtzentrums von Kairo mit dem Bereich um den Tahrir-Platz und das Fernsehgebäude Maspero), die Urlaubsgebiete am Roten Meer, die Touristenzentren in Oberägypten (insbesondere Luxor, Assuan, Nilkreuzfahrten) und auf geführte Touren in der Weißen und Schwarzen Wüste beschränkt werden. Von Reisen in die übrigen Landesteile wird aufgrund der nach wie vor unübersichtlichen und unsteten Sicherheitslage weiterhin abgeraten.“

Mohamed Gamal hofft, dass trotzdem wieder mehr Deutsche in sein Land kommen: "Deutschland stellt für uns einen sehr wichtigen Markt dar", erklärt der Tourismus-Chef des Generalkonsulats. Selbst im kritischen Revolutionsjahr hätten über 900.000 Deutsche das Land der Pyramiden besucht - nur Russen und Engländer seien noch stärker vertreten. "Früher allerdings kamen jährlich mindestens 1,3 Millionen deutsche Besucher zu uns. Unser Ziel ist es, diese Marke wieder zu erreichen."

Verbot von Alkohol und Bikinis?

Westliche Urlauber werden jedoch nicht nur von Fernsehbildern gewalttätiger Auseinandersetzungen in Kairo und anderen Städten abgeschreckt. Hinzu kommen Äußerungen einzelner islamistischer Politiker, die sich für ein Verbot von Alkohol ausgesprochen haben. Außerdem möchten sie das öffentliche Tragen von Bikinis in ägyptischen Badeorten untersagen lassen.

Obwohl im neuen Parlament eine große Mehrheit aus Islamisten unterschiedlicher Couleur sitzt, hält Mohamed Gamal es für "beinahe unmöglich", dass solche Verbote für ausländische Touristen beschlossen werden könnten. Auch Moataz Sayed von der ägyptischen Fremdenführer-Gewerkschaft ist an diesem Punkt optimistisch. Sowohl die Muslimbrüder als auch die radikaleren Salafisten hätten sich bei bisherigen Gesprächen zu diesem Thema "sehr kooperativ" gezeigt. Viele Islamisten hätten allerdings kaum eine Vorstellung davon, wie wichtig der Tourismus für die ägyptische Wirtschaft sei, fügt er hinzu. Seine Lobbyarbeit zielt darauf ab, hierfür ein stärkeres Bewusstsein zu schaffen. Vor allem möchte man Ägypten noch stärker als Reiseland für Kulturerlebnisse profilieren. Mit anderen Worten: Erwünscht sind eher Kultur- als Partytouristen. Dennoch werde man ausländischen Gästen kaum vorschreiben können, was sie essen oder trinken sollen.

Autoren: Khalid El Kaoutit / Amira Rahman
Redaktion: Rainer Sollich / Daniel Scheschkewitz

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