1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Digitales Leben

Viele Türken befürchten Zensur

Viele junge Türken trauen den Mainstream-Medien nicht mehr. Sie schwören auf Twitter & Co. Darüber verbreiten sich auch Nachrichten, die herkömmliche Medien wenig beachten - etwa aus den kurdischen Gebieten.

Ein lebendiges Café mitten in Istanbul. Hale schlürft ihren Tee, wahrend sie auf ihrem Blackberry die neuesten Nachrichten liest. "Ich gucke nur nach den 'hot news', vor allem aus der Türkei. Zeitungen lese ich kaum noch, denn die Neuigkeiten bekomme ich über Twitter." Hale ist begeistert von der Informationsflut im Netz: "Es gibt Blogs, es gibt neue Seiten - da sind mir die Mainstream-Medien wirklich egal."

Hale ist Teil eines immer größer werden Phänomens, sagt Professor Yaman Akdeniz, Medienwissenschaftler und Internetexperte an der Bilgi Universität in Istanbul. Laut Akdeniz glauben immer mehr Menschen, dass die türkischen Medien von der Regierung kontrolliert werden. Das sei vor allem nach dem jüngsten Wahlsieg der Regierungspartei AKP zu beobachten gewesen. "Allerdings", so Akdeniz, "nicht direkt, sondern indirekt."

Professor Yaman Akdeniz, Bilgi Universität, Istanbul, am Rednerpult (Foto: DW)

Yaman Akdeniz: Zensur ist keine Lösung.

So stoße man immer öfter auf Fälle von Selbstzensur und Selbstkontrolle in verschiedenen TV-Kanälen und auch Zeitungen. Das treibe immer mehr Leute dazu an, sich die Informationen auf andere Weise zu beschaffen. "Sie tun sich in Sozialen Netzwerken zusammen, und manche von ihnen agieren selbst als Journalisten, indem sie bloggen."

Hoher technischer Standard

Die Türkei gehört zu den Vorreitern der mobilen Technik in der Region. Die Bevölkerung ist jung und netzaffin, da ist es kein Wunder, dass Soziale Medien hier in den letzten Jahren geradezu einen Boom erlebt haben. Momentan nutzen etwa 30 Millionen Türken Facebook, und vier Millionen haben einen Twitter-Account - damit liegen sie im weltweiten Vergleich weit an der Spitze.

Wie stark die Macht der Sozialen Medien in der Türkei mittlerweile geworden ist, zeigte sich Ende 2011: In der Nacht des 29. Dezember startete die türkische Armee einen Luftangriff auf vermeintliche Mitglieder der kurdischen Rebellengruppe PKK. 35 kurdische Zivilisten wurden getötet. Ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit sind vom Militär oft verschleiert worden - in diesem Fall klappte das nicht: Trotz der versteckten Lage in den Bergen nahe der irakischen Grenze gab es genügend Zeugen des Vorfalls. Innerhalb weniger Stunden nach dem Angriff wurden auf Twitter Fotos und Mitteilungen von Angehörigen der Opfer gepostet.

Menschen betrachten die Toten nach dem Luftangriff des türkischen Militärs in Uludere am 29.12.2011 (Foto:AP/dapd)

Die Opfer des Luftangriffs

Schnell verbreiteten sich die Nachrichten, unter anderem mit Hilfe von Netzaktivisten wie Cigdem Mater: "Es war wirklich merkwürdig - Journalisten, die sowohl bei Twitter aktiv sind als auch in den Mainstream-Medien, waren entsetzt darüber, dass niemand darüber berichtet hat." Wenn es Twitter nicht gäbe, so Mater, hätte die Welt vielleicht erst in zwei oder drei Jahren von dem Vorfall erfahren. Oder gar nicht.

Eigentor für das Militär

Die Windeseile, mit der die Geschehnisse im türkischen Grenzgebirge in der ganzen Welt bekannt wurde, ist der schnellen 3G-Technik zu verdanken - damit sind Handys internetfähig. Dies wiederum ist ein Erbe der türkischen Armee, die diese Technik in ihrem seit Jahrzehnten andauernden Feldzug gegen die PKK schon lange nutzt. Obwohl gerade diese zerklüftete Region, in der die meisten Kurden leben, zu einer der ärmsten Gegenden der Türkei zählt, gibt es hier ein gut ausgebautes Kommunikationsnetz, weil die Sicherheitskräfte auf die reibungslose Handykommunikation angewiesen sind.

Die Mobilfunkbetreiber tun ihr Übriges. Im harten Wettkampf unterbieten sie sich mit Mobilfunk-Angeboten, werben mit günstigen Smartphones. Fast ein Viertel aller türkischen Handynutzer besitzt ein Smartphone - und die Reichweite erstreckt sich auch auf den verarmten kurdischen Südosten.

Nur nicht in der Community einigeln

Berke Bas, Dozentin für Medienswissenschaften, Porträt. (Foto: DW).

Berke Bas: Kurden haben kein Vertrauen in die türkischen Medien

Berke Bas ist Dozentin für Medienwissenschaften an der Bilgi Universität und betreut ein Projekt mit kurdischen Jugendlichen. Sie sagt, dass Soziale Medien für die Kurden ein wichtiges und mächtiges Werkzeug geworden sind. "Ich glaube, dass sie damit eine sehr wichtige Informationsquelle haben. Türkische Medien haben kein großes Interesse an den Vorgängen im Südosten und daran, wie die Menschen dort gegen Missstände kämpfen müssen." Das baue einen unglaublichen Zorn auf, so Berke Bas. Dennoch sollte man auch den herkömmlichen Medien weiterhin Vertrauen schenken. Sie sieht eine Gefahr darin, dass sich in Sozialen Medien kleine Communities bilden, die keinen Austausch mit Andersdenkenden mehr zuließen. "Was wir in diesem Land dringend brauchen, ist, dass sich Türken und Kurden besser kennenlernen."

Auch Bas' Kollege Yaman Akdeniz sorgt sich, dass Soziale Medien die Polarisierung in der türkischen Gesellschaft verschärfen könnten. Es gebe noch viel zu viele ethnische, religiöse und soziale Unterschiede in der Türkei, die sich auch in den Sozialen Medien widerspiegelten, so der Professor. Gleichzeitig fürchtet er, dass die Regierung einen Schritt in die falsche Richtung tun könnte: "Zensur ist nicht die Lösung, genauso wenig wie das Sperren von Seiten." Die nächste Stufe sei dann die staatliche Überwachung und Verfolgung.

Weltweit hat die Türkei den Ruf, bei Internetsperren ganz vorne mit dabei zu sein. So wurde der Videokanal Youtube zwei Jahre lang geblockt. Man drohte auch damit, Facebook zu sperren. Doch Twitter und ähnliche Seiten sind nicht so leicht zu blocken. So können türkische Netzaktivisten Zensur und Sperrungen immer wieder leicht umgehen - versteckt und geschützt durch falsche Twitter-Identitäten.

WWW-Links