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Fokus Osteuropa

Viele offene Fragen im Fall Lukic

Milan Lukic wurde verhaftet. Verbrechen beging er nicht nur in Bosnien, sondern auch in Serbien-Montenegro. Offen bleibt jedoch, ob er nur Befehle befolgte – und wenn es so war, woher kamen sie.

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Wird der Prozess die erhofften Antworten bringen?

Im vergangenen Jahr tauchte der Name Milan Lukic in den Schlagzeilen der Zeitungen in Bosnien und Herzegowina auf. In seinem Fall hatte die Polizei der Republika Srpska zum ersten Mal überhaupt versucht, einen gesuchten Kriegsverbrecher festzunehmen. Doch die Aktion endete in einem Fiasko. Milans Bruder Novica wurde dabei von der Polizei erschossen. Die Eltern der beiden behaupteten später, dass Novica absichtlich ermordet wurde, um Milan Lukic einzuschüchtern, der angeblich in dieser Zeit dem Haager Tribunal Informationen über den Aufenthaltsort Radovan Karadzics angeboten habe. Damals sagte Lukics Vater: "Die Polizei ist gekommen, sie haben die Tür aufgebrochen und gerufen: 'Polizei!' Novica hat eine andere Tür geöffnet. Sie riefen 'Leg dich auf den Boden!' Dann haben sie eine Schussfolge abgegeben und ihn getötet."

Verurteilung in Abwesenheit

Ferner sagen seine Eltern, dass Milan Lukic die ihm zur Last gelegten Verbrechen nicht allein hätte begehen können. Lukic war nicht der Einzige, der im südostbosnischen Visegrad und Foca in schreckliche Verbrechen verwickelt war; aber er ist einer der wenigen, die dafür angeklagt wurden. Seine Eltern beteuern, dass er Befehle ausgeführt habe. Die Frage bleibt: Wessen Befehle? Waren es Befehle der Führung der Brigade Visegrad? Waren es Befehle von Radovan Karadzic, der Lukic persönlich für seine Dienste ausgezeichnet hatte, oder kamen die Befehle aus Serbien? Mehr Licht auf diese Fragen konnte der Prozess gegen Lukic werfen, in dem er im Juli dieses Jahres in Abwesenheit in Belgrad zu zwanzig Jahren Haft verurteilt wurde. Dieses Urteil traf ihn aber nicht wegen der Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung im bosnischen Visegrad und Foca, sondern wegen der Verschleppung von Muslimen in der Ortschaft Sjeverin im montenegrinischen Teil der mehrheitlich von bosnischen Muslimen bewohnten Region Sandzak.

Familienbande

Sefko Alomerovic, Anwalt der Familien der ermordeten Muslime, sagt, dass auch heute in Serbien kein Wille bestehe, sich mit den Kriegsverbrechen auseinander zu setzen. Allerdings, entgegnen Regierungsvertreter in Serbien, dass es gerade die Ermittlungsergebnisse serbischer Behörden waren, die zur Verhaftung von Lukic in Argentinien geführt hätten. Auf jeden Fall ist es bekannt, dass Lukic unter dem Kommando der Brigade Visegrad der Armee der Republika Srpska stand. Dennoch betont Alomerovic, dass die Regierung in Belgrad sich nur schwer einem Teil der Verantwortung für das stelle, was sie selbst im Nachbarstaat getan hätten. Alomerovic sagt, es gebe Dokumente, die belegten, dass Milan Lukic aktiv mit der Staatssicherheit Serbiens bzw. Jugoslawiens zusammengearbeitet habe. "Letztlich ist dessen Cousin Sreten Lukic, der selbst auch in Den Haag angeklagt ist, der Verbindungsmann, über die der Kontakt gelaufen ist. Sreten Lukic wurde von der serbischen Polizei auch noch in der Zeit der DOS-Regierung nach der demokratischen Wende 2000, aber natürlich auch davor als Eminenz ehrfurchtsvoll respektiert", so Alomerovic.

Azer Slanjankic
DW-RADIO/Bosnisch, 10.8.2005, Fokus Ost-Südost