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Deutschland

Viele Fragen bleiben offen

Schreckliche Bilanz der Loveparade in Duisburg: 19 Tote, 340 Verletzte. Bei einer Pressekonferenz am Mittag im Rathaus ging es um die Frage: Wer trägt die Verantwortung? Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun.

Der Tunnel am Zugang zum Partygelände (Foto: AP)

Nadelöhr Tunnel: "Es war nur noch voll"

Auch während einer Pressekonferenz im Rathaus von Duisburg am Sonntagmittag (25.07.2010) blieben viele Fragen offen. Detlef von Schmeling vom Polizeipräsidium Duisburg informierte darüber, dass die Staatsanwaltschaft ein Ermittlungsverfahren eingeleitet habe. Noch seien nicht alle der 19 Todesopfer im Alter "zwischen etwas über 20 und knapp 40 Jahren" identifiziert worden. Unter den Toten seien auch ein Niederländer, ein Australier, ein Italiener und ein Chinese. In der Nacht war ein weiterer Loveparade-Besucher im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen. Die Zahl der Verletzten liegt bei 340.

Rätselraten über die Zahl der Besucher

Die Unglücksstelle in Duisburg (Foto: picture-alliance/dpa)

Erste Hilfe im Chaos: Rettungsarbeiten bei der Loveparade

Nach bisherigen Erkenntnissen seien die Opfer nicht im Tunnel zum Festgelände zu Tode gekommen, führte von Schmeling aus. Die Toten seien vielmehr auf der westlichen Seite der Zugangsrampe gefunden worden. Schmeling erklärte weiter, in Presseberichten sei von etwa 1,4 Millionen Besuchern die Rede gewesen. "Diese Zahl kann ich nicht bestätigen." Die einzig belastbare Zahl, die er nennen könne, sei die "Zuführung durch die Bundesbahn" in der Zeit zwischen 9 und 14 Uhr gewesen, sagte von Schmeling weiter. In dieser Zeit seien mit der Bahn 105.000 Gäste der Loveparade angereist. Auch Wolfgang Rabe, der Leiter des Krisenstabes der Stadt, betonte, dass das Festgelände nicht vollständig gefüllt gewesen sei.

Nachdem die Veranstaltung am späten Samstagabend beendet worden war, gelangten die weiteren Besucher der Techno-Party ohne weitere Zwischenfälle nach Hause.

Veranstalter verkündet das Aus für die Loveparade

Es werde künftig keine Loveparade mehr geben, sagte der Veranstalter der Techno-Party, Rainer Schaller. "Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären." Auch Oberbürgermeister Adolf Sauerland zeigte sich erschüttert. "Dieses Unglück ist so entsetzlich, dass man es nicht in Worte fassen kann", so der CDU-Kommunalpolitiker. Er hatte noch in der Nacht die Kritik am Sicherheitskonzept der Stadt zurückgewiesen. Nun möge man den Behörden die notwendige Zeit für die Ermittlungen geben und keine vorzeitigen Schuldzuweisungen treffen, betonte Sauerland.

Tödliches Nadelöhr

Rettungsarbeiten in Duisburg (Foto: ap)

Verletzte werden in die Kliniken gebracht

Der Tunnel am Hauptzugang zum bereits völlig überfüllten Veranstaltungsgelände hatte sich am Samstagnachmittag als tödliches Nadelöhr erwiesen. Während Tausende Menschen zu der Großparty auf das Gelände des ehemaligen Duisburger Güterbahnhofs strömten, wollten andere bereits wieder nach Hause. Die Folge: ein extremes Gedränge, dann die Panik. Wobei der stellvertretende Polizeipräsident von Schmeling auf der PK erklärte: "Mein persönlicher Eindruck bestätigt eine Massenpanik nicht."

Nach Augenzeugenberichten hatten etliche Menschen versucht, am Eingangsbereich zum Tunnel eine Mauer und eine Treppe hinaufzuklettern. Als einige von ihnen aus mehreren Metern Höhe in die Menschenmasse unter ihnen stürzten, geschah die Katastrophe.

"Dr. Motte" macht Veranstaltern Vorwürfe

Nordrhein-Westfalens neue Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) ließ sich in der Einsatzleitstelle der Polizei über die Entwicklung unterrichten. Sie äußerte sich "total betroffen" und sagte, sie fühle mit den Angehörigen der Gestorbenen und sorge sich um die Verletzten. Frau Kraft warnte aber auch vor zu schnellen Schuldzuweisungen.

Es habe einfach keine Ausweichmöglichkeiten gegeben, sagte eine Besucherin. Im Tunnel habe eine unerträgliche Enge geherrscht. Der Erfinder der Loveparade, "Dr. Motte", gab den Veranstaltern die Schuld an der Katastrophe. "Die haben einen krassen Management-Fehler begangen. Wie kann man denn Menschen nur durch einen einzigen Zugang auf das Gelände lassen? Das ist ein Skandal", sagte der Discjockey der Zeitung "Berliner Kurier".

Mehr als eine halbe Stunde vor dem Unglück hatten Augenzeugen nach eigenen Angaben die Polizei vor einer Massenpanik gewarnt. Passiert sei aber erst einmal nichts.

Stadt Duisburg sieht keine Fehler

Luftaufnahme der Loveparade 1997 (Foto: picture-alliance/dpa)

So sah es in Berlin aus: Keine Mauern, keine Tunnel. Die Loveparade 1997

Der an dem Sicherheitskonzept beteiligte Panikforscher Michael Schreckenberg erklärte, der Tunnel sei groß genug ausgelegt gewesen und zudem mehrfach gesperrt worden. Es gebe aber auch immer Menschen, die sich nicht an die Spielregeln hielten, sagte Schreckenberg mit Blick auf die Jugendlichen, die von der ungesicherten Treppe acht bis zehn Meter nach unten gefallen waren. Dass "Menschen von oben herunterfallen", sei ein Fall gewesen, der überhaupt nicht in dem Sicherheitsplan vorgesehen gewesen sei.

Noch am Nachmittag hatten Feuerwehren und andere Rettungsdienste aus dem Umland einen Großeinsatz gestartet. Die am Partygelände vorbeiführende Autobahn 59, die aus Sicherheitsgründen ohnehin gesperrt war, wurde zum Anlaufpunkt für Rettungsfahrzeuge und Hubschrauber. Verletzte Loveparade-Besucher wurden mit Krankenwagen und Bussen in Kliniken gefahren. Bis nach Mitternacht verließen Leichenwagen den Unglücksort.

Luftaufnahme der Loveparade 2010 (Foto: ap)

Und die Lage in Duisburg: Nur ein Zugang zum alten Einsenbahn-Gelände?

Bundespräsident Christian Wulff forderte eine rückhaltlose Aufklärung des Zwischenfalls und erklärte, er sei mit seinen Gedanken bei den Opfern der Tragödie. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel zeigte sich von dem Geschehen in Duisburg geschockt und sagte: "Zum Feiern waren die jungen Menschen gekommen, stattdessen gibt es Tote und Verletzte."

Die Loveparade unter dem Motto "The Art Of Love" galt als eine der wichtigsten und größten Veranstaltungen zur "Ruhr.2010" im Kulturhauptstadtjahr. Der Cheforganisator der "Ruhr.2010", der frühere WDR-Intendant Fritz Pleitgen, sagte in der Nacht: "Ganz klar fühle ich mich auch mitverantwortlich, aber eher im moralischen Sinne." Im Sommer 2011 sollte die Loveparade in Gelsenkirchen Station machen.

Autor: Marko Langer (mit dpa, afp, rtr)

Redaktion: Nicole Scherschun

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