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Amerika

Viele Brasilianer gegen die WM

In Brasilien gibt es Proteste gegen die Fußball-Weltmeisterschaft. Fehlende Transparenz, mangelnder Dialog der Regierung mit der Bevölkerung und Bürgerrechtsverletzungen sind die Gründe für die Unzufriedenheit.

Das Maracana-Stadion in Rio de Janeiro

Brasilien Stadion Maracana

Mittlerweile haben sich in Brasilien unzählige Interessensgruppen gebildet, deren Mitglieder unzufrieden mit dem Management der Fußballweltmeisterschaft 2014 in Brasilien sind. An diesem Samstag wurde in fünf der zwölf brasilianischen WM-Städten gegen die Organisatoren demonstriert: in Rio de Janeiro, São Paulo, Distrito Federal, Natal und Curitiba. Die größte Kundgebung fand in São Paulo statt: hier zog es rund zweitausend Menschen auf die Straße. Das waren zwar nicht so viele wie erwartet, doch Unmut und Kritik halten an.

Mehr als 80 soziale und kulturelle Organisationen haben das Manifest "WM - für wen?" unterschrieben, das zu den Protesten aufgerufen hatte. "Wir sind Fans, die davon abgehalten werden, ins Stadion zu gehen. Wir sind Straßenverkäufer, die an der Arbeit gehindert werden. Wir sind Bewohner der Armenviertel, die ihre Häuser verloren haben oder verlieren werden", heißt es in der Erklärung. Die Organisationen kritisieren die fehlende Transparenz bei der brasilianischen Regierung, ihren mangelnden Dialog mit der Bevölkerung.

Zwangumsiedlungen für Stadion-Neubauten

Zerstörte Häuser eines Armenviertels in Rio de Janeiro

Rund 170.000 Menschen müssen ihre Häuser verlassen

Sogar Bürgerrechtsverletzungen werden beklagt: Ganze Stadtviertel werden zwangsweise umgesiedelt. Um Stadionbauten Platz zu machen, werden ihre Bewohner in Gebiete mit schlechter Infrastruktur gebracht, weit entfernt vom Stadtzentrum. Experten schätzen, dass rund 170.000 Personen in Brasilien von den Arbeiten zu den beiden anstehenden Großereignissen betroffen sind - der Fußball-WM 2014 und den Olympischen Spielen 2016 in Rio de Janeiro.

Renato Consentino, Politik- und Stadtplanungsexperte der Bundesuniversität Rio de Janeiro (UFRJ), ist Mitglied des Volksausschusses der Stadt Rio zur Weltmeisterschaft. Er findet es zwar gut, Gastgeber des Megaevents zu sein, aber: "Das Problem ist, dass die WM benutzt wird, Bürgerrechtsverletzungen zu rechtfertigen."

Eine WM für alle?

Für Orlando Santos Júnior, Professor für Stadtpolitik an der UFRJ, dienen die Projekte für die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 nur privaten Interessen und der FIFA. Als Beispiel nennt er das Vorhaben der Regierung, das legendäre Maracanã-Stadion in Rio de Janeiro nach seiner Renovierung zu privatisieren. Dies hätte die Schließung einer öffentlichen Schule und des Indianermuseums zur Folge, die sich im Sportkomplex befinden. "Und das alles ohne irgendeinen Dialog mit der Bevölkerung", sagt Santos Júnior. Dieses Privatisierungsvorhaben der Regierung war der Hauptgrund für die Proteste in Rio.

"Der Traum von der Weltmeisterschaft in Brasilien entwickelt sich immer mehr zu einem Albtraum. Es wurde versprochen, dass die WM nur von privaten Geldern finanzieren werde. Nun werden die Kosten praktisch komplett vom Staat gestemmt", berichtet der brasilianische Sportjournalist Juca Kfouri. Die zwölf Stadien, die für die WM renoviert oder neu gebaut werden, sind in seinen Augen eine Verschwendung öffentlicher Gelder.

Das offizielle Logo der WM 2014

Die anfängliche Freude über die WM weicht immer mehr einer großen Sorge

Verpfuschte Infrastruktur-Maßnahmen

Die Regierung täusche Verbesserung und Modernisierung der öffentlichen Verkehrsmittel und Flughäfen nur vor, meint Kfouri. Sie sollten eigentlich das Vermächtnis der WM darstellen. Der Sportwissenschaftler erklärt: "Anstatt in die Infrastruktur zu investieren, werden die Spieltage einfach zu Feiertagen erklärt, um den öffentlichen Nahverkehr zu entlasten. Charterflüge aus dem Ausland sollen auf Militärflughäfen landen, und statt die bestehenden Flughäfen wirklich zu modernisieren, erhalten sie bestenfalls einen neuen Anstrich. Das entspricht nicht den Interessen des Landes."

Kritiker bemängeln zudem die Informationslage: Die Regierung berichtet zwar auf der Internetseite 'Portal der Transparenz' über ihre Aktivitäten und Ausgaben. Doch die Angaben seien veraltet und ungenau hadert der Sportwissenschaftler Fernando Mascarenhas von der Universität Brasília.

Zunehmende Unzufriedenheit

Die negativen Aspekte des Großereignisses betreffen nicht nur die umgesiedelten Menschen. "In ganz Brasilien sind die Lebenshaltungskosten wie Miete und Transportkosten gestiegen. Die Unzufriedenheit in der Gesellschaft wächst", berichtet Renato Consentino vom Volksausschuss in Rio.

Manche Aktivisten bedauern, dass die Proteste gegen die sportlichen Großereignisse in den sozialen Netzwerken größer seien als auf der Straße. "Das Fehlen einer Massenbewegung bedeutet jedoch nicht, dass die Bevölkerung mit der Organisation der WM und den Olympischen Spielen zufrieden ist", warnt Sportwissenschaftler Mascarenhas.

Mehr Proteste absehbar

Bereits Anfang Oktober gab es Demonstrationen in der südbrasilianischen WM-Stadt Porto Alegre gegen die Privatisierung öffentlicher Plätze. Sie endete in einer gewalttätigen Auseinandersetzten zwischen Demonstranten und Polizei. Wie an diesem Wochende hatten auch damals die Aktivisten in den sozialen Netzwerken zum Protest aufgerufen.

Der Stadtplaner Santos Júnior fordert: "Wenn die Bürgerrechtsverletzungen und das staatliche Eingreifen in dieser undurchsichtigen Form weitergeht, dann werden Proteste mit Sicherheit stärker."

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