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Kultur

Viel mehr als Spreewaldgurken

Dass Berlin ein DDR Museum hat, ein überaus beliebtes, das verwundert nicht weiter. Dabei existiert es erst seit sechs Jahren. Seine Stärke: Es ist interaktiv, Anfassen der Exponate ist ausdrücklich erwünscht!

Direkt an der Spree, mit Blick auf die Museumsinsel, führen ein paar Stufen hinab zu einem der beliebtesten und erstaunlichsten Museen Berlins: dem DDR Museum. Bis draußen auf die Terrasse stauen sich die Besucher. Über zwei Millionen waren es in den vergangenen sechs Jahren, fast die Hälfte kommt aus dem Ausland. Doch das Thema DDR hat vor allem auch für die Deutschen eine Faszination.

Heiko aus der Nähe von Karlsruhe etwa ist 19 Jahre alt. Als er geboren wurde, war Deutschland schon wiedervereint, die DDR kennt er nur aus der Schule. Da geht es dann um das schwierige politische Verhältnis der beiden deutschen Staaten. Aber wie das Leben in dieser Diktatur aussah, der Alltag der 16 Millionen DDR-Bürger, das war nie Thema.

Und genau damit lockt das DDR Museum: Hier soll man mitgenommen werden auf eine Reise in die Produktwelt, die Architektur, die Kultur, die Politik und was noch alles dazugehört zur sozialistischen Vergangenheit. Nicht nur Heiko ist davon begeistert. Fragt man niederländische Touristen, den Vater mit Sohn aus Frankfurt am Main oder den griechischen Studenten aus Hamburg: Dass das Museum so lebendig ist, so echt, das beeindruckt hier jeden.

Die Kraft des Originals

Die Ausstellung selbst wurde als Plattenbausiedlung im Kleinen konzipiert. Die Ausstellungsmöbel sind Wohnblöcke der Wohnungsbauserie 70, dem typischen Plattenbau-System der DDR. Die Platten funktionieren als Raumteiler und Vitrinenschränke zugleich. Der Besucher zieht auf, klappt zu, guckt durch, hört zu. Oder nimmt gleich in einem kompletten Plattenbau-Wohnzimmer Platz. Oder in einem Trabi.

Vitrine mit Nähmaschine im DDR Museum in Berlin (Foto: Ricarda Otte, DW)

Alltagskultur zum Anfassen: In der Sammlung des DDR Museums befinden sich mehr als 200.000 Originale.

Ob die Schreibmaschine "Erika", das Reisetagebuch zur Auszeichnungsreise für verdienstvolle Berg- und Energiearbeiter mit der "MS Völkerfreundschaft" oder das Dopingmittel "Oral-Turinabol" – alle Exponate hier sind Originale. "Der überwiegende Teil kommt von Privatleuten, die uns das gespendet haben", erklärt der Direktor und Kurator Robert Rückel. Alltagsgegenstände, die im Keller oder auf dem Dachboden schlummerten oder erst jetzt den Geist aufgegeben haben. Doch auf den knapp 1000 Quadratmetern Ausstellungsfläche hat nur weniger als ein Prozent der Sammlung überhaupt Platz. Im Lager, in meterhohen Regalen bis unter die Decke, da warten weitere ca. 200.000 Objekte auf ihren großen Auftritt an der Spree.

Bevor Rückel und sein Team 2006 ihr DDR Museum eröffneten, gab es in Berlin nur Ausstellungen, die sich entweder ausschließlich mit der Stasi oder explizit nur mit der Mauer beschäftigten. "Es fehlte also dieser dritte Baustein der Aufarbeitung, nämlich das Leben in der Diktatur“, erinnert sich der Direktor. "Auch eine Diktatur wird durch mehr geprägt als durch die Staatsmacht, nämlich durch die Menschen, die lieben, die lachen, die spielen und die versuchen, an der Diktatur vorbei ihr Leben zu leben, sich kleine Freiräume erkämpfen." Diese Erkenntnis ergänzte er mit der Lust auf ein Experiment: "Wir wollten ein Museum machen, das nicht staatlich finanziert ist, sondern privat. Wir wollten wissen, ob das möglich ist, dass sich ein Museum selbst tragen kann."

Vitrine mit Miniatur-Wohnung im DDR Museum in Berlin (Foto: Ricarda Otte, DW)

"Waren die vier Blockparteien reine Hampelmänner der SED?" fragt dieses Exponat.

Anders als etwa bei den Nachbarn auf der Museumsinsel, kommt das Geld für das DDR-Museum bis heute ausschließlich von den Besuchern, das Experiment hat funktioniert. Natürlich dürfen diese auch Kritik üben, in einem Beitrag im Gästebuch zum Beispiel heißt es: "Zu überfüllt, kein hoher Anspruch, zu viele 'Spielgeräte', an denen sich die vielen Kinder zu schaffen machen und einem den Besuch verderben". Letzterem widerspricht Robert Rückel: "Spielen macht nicht nur Spaß, sondern man lernt auch viel mehr, wir wollen ja keinen Frontalunterricht machen wie in der Schule – und es spielen ja auch die Erwachsenen." Und so nehmen die Besucher virtuell an einer Volkskammer-Wahl teil, werden zum Leiter der Trabi-Produktion, der sich durch die Wirren der Planwirtschaft schlängeln muss oder analysieren, warum die Nationalhymne nicht mehr gesungen wurde.

Den ersten Teil der Kritik nimmt der Hausherr aber an. Ja, obwohl das Museum vor anderthalb Jahren erweitert wurde, habe man immer noch zu wenig Platz. Genau diese räumliche Enge, so assoziiert ein Besucher aus München, 1945 geboren, sei allerdings auch symptomatisch für die Enge, die im DDR-Staat geherrscht habe.

Post vom Schwarzen Meer

Enge und Mangel, beides wird im DDR Museum anschaulich. Relativ am Anfang der Dauerausstellung liegt ein Mangel-Tagebuch in einer der Vitrinen. Seit 1983 notierte Ingeborg Lüdicke aus Sachsen-Anhalt, was es gerade nicht zu kaufen gab: Schnittkäse, Bratpfannen, Gitarrensaiten, Klopapier. Sie hält fest, dass die Brötchen beim Bäcker um 10 Uhr ausverkauft waren, dass der Apotheker keine Augentropfen und der Zahnarzt kein Material für die Kronen ihres Mannes hat. Erst diese Akribie lässt einen innehalten – so also sah der Alltag eben auch aus.

Ein Meter weiter ist Urlaubszeit. Familienurlaub im "Nichtsozialistischen Währungsgebiet" war ausgeschlossen und so finden sich hier Postkarten vom Schwarzen Meer oder aus Leningrad. Wer nicht ganz so weit kam, der badete in der Ostsee, oftmals nackt. Auch der Freikörperkult, der in der DDR viel normaler war als in der Bundesrepublik, darf nicht fehlen in einem Museum für Alltagskultur. Spreewaldgurken übrigens, nach denen besonders diejenigen gerne fragen, die den Film "Good Bye, Lenin" gesehen haben, gibt es im Museumsshop.

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