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Asien

Viel Hoffnung - wenig Aussicht auf Erfolg

Zu den UNO-Afghanistan-Verhandlungen in Deutschland ein Kommentar von Günter Knabe.

Zunächst einmal eine Warnung: allzu große Hoffnungen solle man sich nicht machen, dass am Konferenztisch in Bonn dauerhafter Frieden für Afghanistan gefunden wird. Zu hastig sind die UNO-Verhandlungen über das Krisenland am Hindukusch nach Deutschland einberufen worden. Schon am Montag (26.11.) sollen sie in der früheren Regierungshauptstadt Bonn beginnen. Weder die Dauer liegt fest - man spricht von drei oder sieben Tagen - noch die genaue Agenda. Und das Wichtigste: es scheint noch völlig offen, welche und wie viele Vertreter Afghanistans daran teilnehmen werden.

Dieses Manko der Eile ist allen Beteiligten bewusst, nicht nur den Afghanen. Auch der UNO-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Algeriens ehemaliger Außenminister Lakhdar Brahimi, sieht dies als erfahrener Unterhändler in Sachen Afghanistan sicher genau so. Die Hast bei der Einberufung dieser Konferenz wurde diktiert von der Geschwindigkeit der militärischen Entwicklung in Afghanistan. Überraschend schnell nahmen die Milizen der so genannten Nordallianz weite Teile Afghanistans und auch die Hauptstadt Kabul ein. Das war vor allem die Wirkung der amerikanischen militärischen Unterstützung.

Diese militärischen Erfolge sind jetzt das politische Problem. Wenn nämlich das Taliban-Regime in absehbarer Zeit völlig zusammenbricht und die Kräfte der Nordallianz das ganze Land beherrschen sollten, könnte der nächste Bürgerkrieg in Afghanistan bevorstehen. Die so genannte Nordallianz vertritt ja nur einen Teil der afghanischen Bevölkerung, vor allem die Tadschiken, die Usbeken und die Hasaras. Kein Paschtune, auch diejenigen, die weder Taliban sind oder waren und auch nicht die geringste Sympathie für sie hegten, können die Herrschaft dieser Nordallianz über ganz Afghanistan akzeptieren.

Der Machtanspruch der Nordallianz über das ganze Land muss gezügelt und eingegrenzt werden. Jeder Stamm und jede Völkerschaft Afghanistans muss, ihrem Anteil an der Gesamtbevölkerung entsprechend, an einer künftigen Regierung und Verwaltung beteiligt werden. Dieses Ziel soll jetzt mit dem Fünf-Stufen-Plan erreicht werden, über den ab Montag in Deutschland unter UNO-Vorsitz verhandelt werden soll.

Der Plan sieht vor, dass eine Übergangsregierung auf breiter Basis der verschiedenen ethnischen Gruppen Afghanistans gebildet werden soll. Sie soll eine Nationalversammlung einberufen. Eine solche so genannte "Loya Dschirgah" (Paschtu für "Großer Kreis") hat in der afghanischen Geschichte Tradition , wenn es um Entscheidungen von nationaler Tragweite ging. Diese große Versammlung soll nach UNO-Plänen schließlich eine Verfassung für Afghanistan ausarbeiten.

Das liest sich gut. Aber ob ein solches Politgerüst auf der Konferenz in Deutschland so schnell, so fest gebaut werden kann, dass es in der rauen Wirklichkeit der afghanischen Stammesgesellschaft am Hindukusch für einen dauerhaften Frieden tragfähig bleibt, ist sehr zu bezweifeln.

Wer die Afghanen kennt und ihre notorische Zerstrittenheit untereinander, weiß: Es müsste fast ein Wunder geschehen, wenn in Bonn die Afghanen Frieden miteinander machen und ihn in Afghanistan dann auch halten. Wie oft ist in anderen Konflikten die Durchsetzung von Lösungen in der Realität gescheitert, die an Konferenztischen irgendwo ausgehandelt wurden.

Für die Lösung des komplizierten Konflikts in Afghanistan aber reichen historische Erinnerungen nicht aus. Dafür müssen vielmehr jetzt die Afghanen bereit sein zu Kompromissen und zu realistischer Einschätzung der eigenen Fähigkeiten und Grenzen. Politischer Druck und wirtschaftliche Unterstützung von außen werden dafür ebenfalls notwendig sein. Eines aber ist im Umgang mit Afghanen und zur Lösung ihrer Probleme vor allem vonnöten: Geduld und Zeit, auch wenn diese jetzt so knapp ist. Nur dann kann die Konferenz in Deutschland das Wunder "dauerhafter Frieden für Afghanistan" bewirken. Doch was Wunder angeht, so lautet eine deutsche Redenstart: "Unmögliches wird sofort erledigt, Wunder dauern etwas länger."

  • Datum 21.11.2001
  • Autorin/Autor Günter Knabe
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  • Permalink http://p.dw.com/p/1OlP
  • Datum 21.11.2001
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