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Wissen & Umwelt

Viel giftiges Quecksilber in Deutschland

Das Schwermetall kann schlimme Schäden im menschlichen Körper ausrichten. Umweltschützer sind in Aufruhr. Aber die Bundesregierung sagt, Deutschland steht im internationalen Vergleich gar nicht so schlecht da.

Deutschland: Land des Recyclings, der Energiewende - und der hohen Quecksilberwerte? Was wie ein Widerspruch klingt, ist traurige Wahrheit. Denn bis auf Polen und Griechenland sind die Quecksilberemissionen nirgendwo in Europa so hoch wie in der Bundesrepublik. Am meisten von dem schädlichen Schwermetall stoßen die 53 Kohlekraftwerke in Deutschland aus. Sie sind für 70 Prozent der Emissionen verantwortlich. Das geht aus einer

Studie

hervor, die die grüne Bundestagsfraktion beim Institut für Ökologie und Politik (Ökopol) in Auftrag gab.

Die Kohlemeiler, die für immerhin mehr als 40 Prozent der Stromversorgung in Deutschland verantwortlich sind, stoßen demnach jährlich gut sieben Tonnen Quecksilber aus. Besonders schlimm sind dabei die 16 Braunkohlekraftwerke im Land.

Schwere Gesundheitsrisiken

Quecksilber in Petrischale. (Foto: picture alliance/WILDLIFE/D. Harms)

Flüssiges Quecksilber fand sich früher in Fieberthermometern

Die hohen Werte sind bedenklich, weil Quecksilber vor allem bei Schwangeren, Säuglingen und Kleinkinder zu gesundheitlichen Schäden führen kann. Von der Atmosphäre geht das Schwermetall vor allem in die Meere, sodass Menschen es hauptsächlich über den Verzehr von Fisch aufnehmen. Einmal im Körper, kann Quecksilber Nervenschäden verursachen und bei Babies die Entwicklung des Gehirns beeinträchtigen. Außerdem ist es möglicherweise krebserregend.

"Quecksilber wird sogar mit Alzheimer in Verbindung gebracht", sagt Manfred Santen, Chemie-Experte bei Greenpeace Deutschland, im DW-Gespräch. Die Menge des schädlichen Metalls, die von den Kraftwerken ausgestoßen wird, könnte reduziert werden. "85 Prozent der Quecksilberemissionen hätten durch quecksilberspezifische Techniken vermieden werden können", schreibt Christian Tebert, Autor der aktuellen Ökopol Studie.

In Zukunft strengere Grenzwerte

Derzeit liegen die Grenzwerte für Quecksilber-Emissionen bei 30 Mikrogramm pro Kubikmeter pro Tag. Längst nicht gut genug, sagt Santen. Aber "viel besser, als das, was viele andere haben", betont ein Sprecher des Bundesumweltministeriums gegenüber der DW. Es sei schon gut, dass Deutschland überhaupt Grenzwerte habe. Viele andere Länder in Europa würden nicht einmal ihre Emissionen messen, so der Ministeriumssprecher. Er sagt, die aktuellen Emissionen seien nicht zu hoch. Und ab 2019 werden die Grenzwerte noch verschärft. Dann gilt: Der Durchschnitt aller Tage im Jahr, an denen Quecksilber ausgestoßen wird, darf zehn Mikrogramm pro Kubikmeter nicht überschreiten.

Derzeit liegt in der Europäischen Union sogar ein Vorschlag mit noch strengeren Regeln vor. "Im Rahmen der EU-Gesetzgebung werden die Werte deutlich verschärft werden", so der Sprecher des Bundesumweltministeriums. Wenn der Vorschlag durchkommt, würden Grenzwerte zwischen einem und zehn Mikrogramm pro Kubikmeter pro Tag im Jahresdurchschnitt gelten - je nachdem, ob es sich um Braun- oder Steinkohlekraftwerke handelt.

Vergleiche mit anderen sind "kein Maßstab"

Manfred Santen. (Foto: Greenpeace)

Santen: Das andere Länder mehr Emissionen haben, bedeutet nicht, dass wir es gut machen

Manfred Santen von Greenpeace ist entsetzt darüber, dass die deutschen Kohlekraftwerke im Hier und Jetzt sieben Tonnen Quecksilber im Jahr absetzen. "Das ist schon ein Skandal", sagt der Umweltschützer. "Wir legen immer großen Wert darauf, dass wir die Vorreiter sind in sauberer Technologie, und dann stellt sich plötzlich heraus: Dadurch, dass wir so viel Braunkohle verbrennen, stehen wir gar nicht so gut da." Santen findet, dass schlechtere oder gar keine Grenzwerte in anderen EU-Ländern kein Argument sind: "Das kann ja nicht der Maßstab sein." Er sagt, es mangele an politischem Willen, wirklich Entscheidendes zu tun.

Als positives Beispiel zeigen sich ausgerechnet die USA, die sonst eher als Umweltsünder bekannt sind. Selbst mit den für 2019 geplanten Verschärfungen sind die Grenzwerte in Deutschland immer noch mehr als doppelt so hoch wie die in Amerika. Laut Bundesumweltministerin Barbara Hendricks werden sich solche Vergleiche in Zukunft irgendwann erübrigen. "Wenn wir unsere langfristigen Klimaziele einhalten wollen, müssen wir uns von der Kohleenergie verabschieden", sagte sie der Tageszeitung "Die Welt". "Und damit verschwindet dann auch eine wichtige Quecksilberquelle."

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