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Fokus Osteuropa

Videoaufnahmen von Kriegsverbrechen im serbischen Fernsehen

Im Rahmen der "Operation Sturm" kamen im Kroatien-Krieg hunderte Zivilisten ums Leben, tausende flüchteten. Pünktlich zum 11. Jahrestag der Offensive wurden im serbischen Fernsehen schockierende Videoaufnahmen gezeigt.

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Einer der Befehlshaber: der kroatische General Ante Gotovina

"Bring ihn auch um. Bring ihn um!" schreit die Stimme aus dem Hintergrund. Der Soldat schießt, der kniende Mann in Bauernbekleidung, der noch Sekunden vorher die Arme hoch gehalten hat, fällt um. Zuvor wurde länger geschossen, danach brennt das ganze Dorf.

Die Videoaufnahmen, die jetzt im serbischen Fernsehen gezeigt wurden, entstanden in einer Ortschaft im abtrünnigen Serben-Gebiet Krajina in Kroatien. Zeitpunkt der Aufnahme war der 8. August 1995, ein Tag nach dem Ende der Militäroperation " Sturm", in deren Verlauf die kroatische Armee die selbsternannte " Republik Srpska Krajina" unter ihre Kontrolle gebracht hatte. Erschossen vor der Kamera wurde ein serbischer Zivilist, einer der wenigen, die ihre Häuser vor den einrückenden Kroaten nicht verlassen hatten. Die Täter waren bosniakische Soldaten, die zusammen mit den kroatischen gekämpft haben.

Abtrünniges Serben-Gebiet

Die Krajina war das mehrheitlich serbisch besiedelte Gebiet in Kroatien. Nachdem Zagreb Anfang der 1990er Jahre die Unabhängigkeit beziehungsweise die Loslösung Kroatiens von der jugoslawischen Föderation beschlossen hatte, griffen die Krajina-Serben, unterstützt durch Belgrad, zu den Waffen, um ihrerseits die Unabhängigkeit der Region durchzusetzen. Der Jugoslawien-Krieg brach aus und griff schnell nach Bosnien über.

Heikler Zeitpunkt

Das Video wurde im unabhängigen serbischen Fernseh-Sender B92 und später auch im Staatsfernsehen RTS gezeigt – pünktlich zum Jahrestag der " Operation Sturm", die in Kroatien als Befreiung vom serbischen Aggressor gefeiert, in Serbien aber als Beispiel ethnischer Säuberung beklagt wird. Die Amateur-Videos wurden von Kämpfern gemacht und Belgrad aus dem Haager Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien zugespielt.

Flucht und Gewalt

Zwischen 600 und 1.200 serbische Zivilisten wurden während der " Operation Sturm" in Kroatien ermordet. Mehr als 200.000 Serben flüchteten aus der Krajina, mehr als 20.000 ihrer Häuser wurden in den ersten Augusttagen und den Monaten danach zerstört. Die Flüchtlinge wurden noch unterwegs angegriffen. Auch davon gibt es Amateur-Videos, gefilmt von Mitgliedern der kroatischen Spezialeinheit " Schwarze Mambas".

Auch diese Bilder sprechen für sich: Ein alter Man wird wegen seines Militär-Unterhemdes verprügelt und halbnackt ausgezogen, andere Männer werden aus der Flüchtlingskolonne gezerrt und auf einer Wiese mit dem Kopf nach unten hingelegt. Die ganze Straße ist voll von alten Autos und Traktoren, mit denen die ländliche serbische Bevölkerung aus Kroatien flieht. Schüsse fallen, Tote sieht man aber auf diesen Bildern nicht.

Videos als Beweismaterial

Im vergangenen Jahr hatte ein Amateurvideo aus Bosnien das serbische Publikum geschockt. Serbische Kämpfer hatten sich selber dabei gefilmt, wie sie sechs bosniakische Jungen aus einem LKW holen und mit Schüssen in den Hinterkopf hinrichten. Auch dieses Video dient als Beweismaterial in Den Haag im Prozess wegen Völkermordes in Srebrenica, wo die serbischen Truppen rund 7.000 Bosniaken umgebracht hatten.

Für Entrüstung in Kroatien sorgte vor fünf Jahren ein Dokumentarfilm, in dem Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung während der " Operation Sturm" angeprangert wurden. Der Autor, ein bekannter Journalist, stützte sich dabei auf Zeugenaussagen. Er starb in einem dubiosen Autounfall drei Monate nach der Erstausstrahlung.

Drei kroatische Generäle, Ante Gotovina, Ivan Cermak und Mladen Markac, die während der " Operation Sturm" das Kommando hatten, warten vor dem Kriegsverbrechertribunal in Den Haag auf ihren Prozess. In der Haager Anklageschrift wird behauptet, sie seien Teil eines gemeinsamen verbrecherischen Unterfangens gewesen, dessen Ziel die Vertreibung der Serben aus der Krajina war. Als im Hintergrund agierender Verantwortlicher wird der damalige kroatische Präsident Franjo Tudjman genannt. Eine offizielle Anklage gegen den Präsidenten, so die Ankläger, sei nur durch den Tod Tudjmans verhindert worden.

Filip Slavkovic
DW-RADIO/Serbisch, 5.8.2006, Fokus Ost-Südost

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