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Europa

Videoüberwachung in Großbritannien bleibt umstritten

Nach dem gescheiterten Bombenattentat am Bonner Bahnhof diskutiert Deutschland über mehr Überwachung. In keinem Land gibt es mehr Kameras als in Großbritannien. Doch der Nutzen der Überwachung ist heftig umstritten.

Die Polizei in Bonn ist immer noch auf der Suche nach den Attentätern, die vergangene Woche eine potentiell tödliche Bombe im Hauptbahnhof der Stadt platzierten. Doch die Kameras auf den Bahnsteigen haben keine Bilder aufgezeichnet. Als in Berlin kürzlich am Alexanderplatz ein Mann tödlich zusammengeschlagen wurde, wurde die Tat ebenfalls von keiner Kamera erfasst, die der Polizei bei der Suche nach den Tätern hätte helfen können.

Innenminister Friedrich hat sich nun für mehr und modernere Überwachungstechnik ausgesprochen. Öffentliche Plätze sollen auf diese Weise besser kontrolliert werden können - doch Kritiker warnen davor, sich in Kurzschlussreaktionen zu verrennen und dabei Bürgerrechte auf der Strecke zu lassen.

Die Diskussion erinnert daran wie seit Jahren in Großbritannien über Fluch und Segen von Videoüberwachung gestritten wird - dem Land mit der höchsten Dichte an Überwachungskameras der Welt. Nach aktuellen Schätzungen soll es knapp zwei Millionen Kameras geben; eine Kamera je 32 Bürger.

"In Großbritannien scheinen wir Überwachungskameras als Selbstzweck anzusehen, wobei sie eigentlich nur ein kleiner Teil der Sicherheitsstrategie sind," sagt Nick Pickles im Interview mit DW. Pickles ist Kopf von Big Brother Watch, einer Organisation, die sich für den Schutz von Bürgerrechten einsetzt.

"Trotz der Millionen von Kameras ist die Kriminalitätsrate in Großbritannien nicht signifikant niedriger als in vergleichbaren Ländern, die eben keinen solchen Überwachungsapparat haben."

Polizisten untersuchen am 10.12.2012 am Hauptbahnhof in Bonn (Nordrhein-Westfalen) Gleise. Zuvor war eine verdächtige Tasche gezielt gesprengt worden. Wie die Polizei mitteilte, hatte ein Mann die herrenlose Tasche an einem Gleis entdeckt und die Beamten alarmiert. Daraufhin wurde zunächst ein kleinerer Teil des Bahnhofs abgesperrt und die Tasche mit einem Wassergewehr beschossen. Nach ersten Polizeiangaben handelte es sich um eine funktionstüchtige Rohrbombe. Foto: Meike Böschemeyer/dpa

Die Überwachungskameras am Bonner Bahnhof haben nichts aufgezeichnet

Überwachung mit schwacher Bilanz

Close Circuit Television (CCTV) Kameras sind in Britannien seit den 1970er Jahren weit verbreitet im Einsatz. Anfangs waren sie in erster Linie als Mittel gegen den Nordirischen Terrorismus der IRA gedacht. Und seit damals werden zwei Hauptargumente für ihren Einsatz angeführt: Abschreckung und Hilfe bei der Aufklärung.

Eine Reihe von Studien legen nahe, dass Kameraüberwachung in der Tat Kriminalitätsraten verringern kann; auf öffentlichen Plätzen oder Parkplätzen gar bis zu 50 Prozent. Doch an anderen Stellen ist der Effekt wiederum so gering, dass er kaum ins Gewicht fällt.

Andere Studien hingegen zeigen, dass Überwachung kaum einen Einfluss auf die Aufklärung von Straftaten hat. 2008 hat die Londoner Polizei angegeben, dass CCTV Kameras bei nicht mehr als drei Prozent der Kriminalfälle zur Aufklärung beitragen.

"Es werden Milliarden in diese Überwachung gesteckt, aber keiner hat sich Gedanken darüber gemacht wie die Polizei mit diesen Bildern arbeiten kann und wie sie im Gericht verwendet werden," sagte Polizeioffizier Mick Neville im Rahmen einer internationalen Sicherheitskonferenz im Jahr 2008.

"Es war bislang ein absolutes Fiasko … keiner fürchtet sich vor CCTV. Warum nicht? Sie glauben, dass die Kameras nicht funktionieren."

CCTV Erfolge

Andere jedoch schwören auf CCTV und beharren darauf, dass die Überwachung wichtig für Prävention und Aufklärung ist.

In nur 90 Tagen, beispielsweise, hat die Stadt Salford im Nordwesten des Landes dank moderner Kameras ganze 67 Festnahmen verzeichnet. "Dies ist ein phantastisches Ergebnis in unserem Kampf gegen Kriminalität," so Vizebürgermeister David Lancaster.

"Unsere Kamerabetreiber arbeiten hart daran, Probleme auf den Straßen ausfindig zu machen und verknüpfen diese auch mit dem Polizeifunk, so dass die Bilder bei der Suche nach vermissten oder gesuchten Personen helfen können. Sie können auch direkten Kontakt zur Polizei aufnehmen, wenn ihnen etwas Verdächtiges auffällt oder sie ein Verbrechen sehen."

Das CCTV Netz von Salford gilt als eines der modernsten - und teuersten - im Lande. Andere Gemeinden, die oft mit harten Einsparungen zu kämpfen haben, sind gezwungen hier den Kosten-Nutzen Effekt in Betracht zu ziehen.

Ein von der Londoner Polizei am 16.07.2005 herausgegebenes Video-Standbild einer Überwachungskamera am Bahnhof Luton zeigt die Ankunft der vier Attentäter vom 07.07.2005 mit ihren Sprengstoff-Rucksäcken: Hasib Hussain, Germaine Lindsay (dunkle Mütze), Mohammed Sidique Khan (helle Mütze) und Shahzad Tanweer. Nach den erneuten Attentatsversuchen vom 21.07.2005 wertet die Polizei nun die Filme Dutzender Überwachungskameras aus U-Bahnstationen aus, um die Täter zu identifizieren, die nach Augenzeugenberichten geflohen waren, nachdem ihre Bomben nicht explodierten. Foto: Polizei +++(c) dpa - Bildfunk+++

Die mutmaßlichen Attentäter von London wurden von einer Überwachungskamera gefilmt

Wieviel Euro für ein aufgezeichnetes Verbrechen?

Diesen Monat hat eine Statistik in der Stadt Cambridge gezeigt, dass sich die Kosten für jedes aufgeklärte Verbrechen auf knapp 7,000 Euro belaufen - wenn man die Kosten für die Installation und das Betreiben der Überwachungssysteme der Anzahl der aufgezeichneten Straftaten gegenüber stellt.

Kritiker wie Nick Pickles argumentieren, dass dieses Geld bei weitem besser eingesetzt wäre, wenn man es für mehr Polizeistreifen einsetzt. "CCTV hat sich zu einem Ersatz für Polizeistreifen entwickelt," so Pickles. "Die Leute sehen kaum noch Polizisten auf der Strasse, sondern nur noch CCTV Kameras."

"Die Gefahr besteht darin, dass man es also für fast gegeben betrachtet, dass ein Verbrechen stattfindet. Man setzt den Schwerpunkt daher nicht mehr darauf, ein Verbrechen zu verhindern, sondern versucht nur sicherzugehen, dass man danach Videomaterial hat, um es aufzuklären."

Solange es keine festen Belege gibt, dass die CCTV Überwachung tatsächlich effektiv ist, scheint es, als hätten die Kritiker, die sich gegen die Verletzung von Privatsphäre aussprechen, die Oberhand. Neuste Technologien, die es ermöglichen, die Gesichter einzelner Personen in Menschenmengen zu erkennen, machen Kritikern nun noch mehr Sorgen.

In einem Versuch, diese Ängste zu beschwichtigen, hat die Regierung in London einen Beauftragten für CCTV Überwachung eingesetzt und eine freiwillige Initiative in Gang gesetzt, dass Bürger mehr Mitspracherecht bei der Verwendung von Überwachungsbildern durch Polizei und Behörden bekommen sollen.

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