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Fokus Südosteuropa

Veteranen am Rande der Gesellschaft

Die Veteranen aus den Kriegen in den 1990-er Jahren im ehemaligen Jugoslawien sind heute in Serbien marginalisiert und häufig psychisch gestört. Doch die Gesellschaft schaut weg.

Silouetten von Soldaten mit Waffen vor orangerotem Himmel (Foto: AP)

Im Krieg noch Helden - heute ausgegrenzt

Auch heute noch gibt es kaum medizinische Behandlungsmöglichkeiten für die psychischen Folgeschäden, an denen Kriegsveteranen in Serbien leiden. Am häufigsten tritt bei ihnen Alkohol- und Drogenmissbrauch, häusliche Gewalt sowie die posttraumatische Belastungsstörung auf, besser bekannt unter der Bezeichnung "Vietnam-Syndrom".

Kaum Anlaufstellen

Ljudevit Kolar war da im Vergleich zu seinen Kollegen weitsichtig, aber auch offen für Hilfe. Er war 1991 an der Front in Vukovar. Gleich nach seiner Rückkehr habe er ärztliche Hilfe gesucht, berichtet er der Deutschen Welle. Dabei habe er Glück gehabt, weil er eine hervorragende Ärztin gefunden habe, die auch noch auf die Arbeit mit Kriegsveteranen spezialisiert war.

Als sie jedoch starb, konnte er nur noch die herkömmlichen Therapien wahrnehmen. "Meine behandelnde Ärztin arbeitet einmal in der Woche zwei Stunden. In diesen zwei Stunden muss sie 15 Patienten drannehmen. Wenn es einem gelingt, mehr Zeit bei ihr zu sein, bedeutet das für den Rest, dass sie nur noch Zeit haben, um ins Behandlungszimmer rein und wieder raus zu gehen", berichtet Kolar.

Er arbeitet seit 2006 im Zentrum für Traumapatienten in Novi Sad und leitet die Selbsthilfegruppe für Veteranen. Dieses Zentrum zählt zu den wenigen Organisationen, die auf die Bewältigung von Kriegstraumata spezialisiert sind. Nach der Konfrontation der Betroffenen mit ihren Problemen werden die gewonnen Erfahrungen konstruktiv umgesetzt.

Dadurch sollen die psychischen Folgen der Kriege sowohl auf das Individuum als auch seine Angehörigen und die Gesellschaft gelindert werden. Fernziel dieser Therapiemethode ist, zum dauerhaften Frieden beizutragen, so das ehrgeizige Vorhaben des Zentrums.

Nur noch Negativ-Schlagzeilen

Zeitungskiosk in Serbien (Foto: DW)

Gesellschaft horcht nur bei Mord und Todschlag auf

Ziel der Selbsthilfegruppe für Veteranen ist Kolar zufolge, dass sie nicht "durchdrehen" beziehungsweise sich nicht überbelasten. "In einer Veteranengruppe erzählt zunächst jeder über seine negativen, harten Kriegserfahrungen. Und wenn sie neben Ihren eigenen Geschichten auch die der Anderen hören, dann tragen die Veteranen zu Ihrer eigenen Bürde auch noch die der übrigen Gruppenmitglieder", sagt Kolar und fügt hinzu, "da häuft sich einiges an. Jedes Gespräch bringt die Erinnerungen zurück. Man hört zwar die Geschichte von dem Anderen, durchlebt aber seine eigene."

Die Kriegsveteranen und ihre Angehörigen sind sehr selten bereit, sich selbst und ihrer Umgebung einzugestehen, dass sie ein Trauma-Problem haben. Kriegstraumata sind in Serbien ein Tabu-Thema. Darüber hinaus wird über die Folgen der Kriege im ehemaligen Jugoslawien äußerst selten in der Öffentlichkeit geschrieben oder gesprochen.

"In den Medien finden Veteranen nur in Negativ-Schlagzeilen statt. Früher wurde über sie berichtet, wenn sie Leute umgebracht haben. Inzwischen sind zwei, drei Tote nicht mehr interessant genug und es müssen schon zehn und mehr sein, damit ein Veteran einen Bericht wert ist", kritisiert Kolar verbittert die Abgestumpftheit der Gesellschaft in Serbien.

Umstrittene Kriegsteilnahme

Angehörige der Jugoslawischen Volksarmee und serbische Freischärler eskortieren einen älteren Kroaten nach der Einnahme von Vukovar im November 1991 (Foto: AP)

Belgrad negiert Kriegsbeteiligung in Vukovar

Bei Ljudevit Kolar wurde das posttraumatische Stresssyndrom diagnostiziert. Er ringt aber auch so viele Jahre nach dem Krieg um Anerkennung vor Gericht, weil Belgrad seine Teilnahme am Krieg zurückweist. "Ich klage seit 1996 gegen den Staat. Zweimal habe ich gewonnen und zweimal wurde die Klage zurückgewiesen. Den Staat habe ich wegen meiner Krankheit verklagt, weil ich die posttraumatische Belastunsstörung habe", sagt Kolar.

Die Krankheit würde auch nicht angezweifelt, weil er ärztliche Gutachten habe, die seinen Gesundheitszustand bestätigten, meint Kolar. "Das Problem besteht darin, ob ich in Vukovar war oder nicht. Das liegt wohl an der serbischen Politik, nach der Serbien gar nicht im Krieg war", so Kolar. Merkwürdigerweise seien sowohl sein Militärausweis als auch der seiner Kameraden "zufällig verbrannt", bemerkte Kolar ironisch.

Als Fortschritt betrachtet Kolar, dass sich unterdessen auch die Veteranen aus den übrigen Nachfolgestaaten des ehemaligen Jugoslawien treffen würden. Früher hätten sie auf einander gezielt und nun müssten sie feststellen, dass sie mit ähnlichen Problemen zu kämpfen haben. Überall seien sie eine gesellschaftliche Randerscheinung. Kolar zufolge werden indes die Veteranen in Serbien am meisten ignoriert.

Autoren: Dinko Gruhonjic / Mirjana Dikic

Redaktion: Fabian Schmidt

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