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Europa

Verzweiflung verdrängt Illusionen in Donezk

Die Menschen im ostukrainischen Industrierevier Donbass sind arbeitslos und hungrig. Immer weniger glauben den Versprechen der prorussischen Separatisten. Aber auch der Regierung in Kiew trauen sie nicht.

"Wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich mehr Hunde als Menschen auf den Straßen. Und vor dem Rathaus schreien Menschen nach Brot." So beschreibt Igor, ein junger Mann, die Situation in Ilowajsk. Im Sommer kam es nahe dieser Kleinstadt in der Region Donezk zu den bisher heftigsten Kämpfen zwischen der ukrainischen Armee und prorussischen Separatisten mit Hunderten Toten. Viele Bewohner von Ilowajsk wollten damals noch zu Russland gehören. Sie hofften vor allem auf die in russischen Medien versprochenen höheren Löhne und Renten.

Doch diese Hoffnungen seien vergebens gewesen, meint Igor. Er selbst ist verzweifelt. Wegen des Krieges hat er sein kleines Unternehmen verloren. Seit mehr als sechs Monaten hat er seine Kinder nicht mehr gesehen. Während der Kämpfe floh seine Frau mit den beiden Töchtern zu ihren Eltern in die südrussische Nachbarregion Krasnodar. "Ich muss weinen, wenn ich das leere Kinderzimmer betrete", sagt der Mann. Igor weiß nicht, was er tun soll. In Ilowajsk besitzt er zwar ein Haus, aber Zukunftsaussichten sieht er dort keine mehr.

"Wir wollen nur noch Frieden"

Menschen in Donezk warten auf humanitäre Hilfe (Foto: DW)

Menschen in Donezk warten auf humanitäre Hilfe

Nicht viel besser ist die Lage in Donezk selbst. Als der Beschuss der Stadt losging, flüchtete ein großer Teil der jüngeren und arbeitsfähigen Bevölkerung. Nach Angaben des Kiewer Instituts für Soziologie lebten in Donezk Ende Oktober etwas mehr als 700.000 Menschen, rund 200.000 weniger als noch zu Jahresbeginn. Und die Flucht hält an. Die Metropole, die zum Business-Zentrum der Ukraine werden wollte, verwandelt sich zunehmend in einen Ort bedürftiger, kranker und alter Menschen. Dem Institut zufolge geben 60 Prozent der Einwohner an, dringend Lebensmittel zu benötigen. Auf den Plätzen von Donezk sind täglich Ansammlungen älterer Menschen zu sehen, die auf humanitäre Hilfe warten.

Die ehemalige Ärztin Swetlana gibt zu, an dem von den Separatisten der sogenannten "Donezker Volksrepublik" organisierten Referendum teilgenommen zu haben. Auch sie habe auf eine höhere russische Rente gehofft. Heute glaube sie weder den Separatisten, noch dem russischen Präsidenten Wladimir Putin, noch dem ukrainischen Präsidenten Petro Poroschenko. "Wir erwarten nichts von ihnen. Wir wollen nur noch Frieden. Stoppt den Krieg! Gleich nehme ich meinen ganzen Mut zusammen und beschwere mich bei der Hotline der 'Donezker Volksrepublik'." Doch dann sagt die Rentnerin leise: "Nein, ich werde das nicht tun. Nachher kommen sie noch und erschießen mich."

Mangel an Bargeld

Eine geschlossene Bankfiliale in Donezk (Foto: DW)

Eine geschlossene Bankfiliale in Donezk

Anders als Swetlana hat die 45-jährige Larissa die Separatisten nie unterstützt. Trotzdem ist sie in Donezk geblieben. "Mein Vater war Bergmann. Er ist krank und bettlägerig. Natürlich werde ich ihn nicht verlassen", sagt die Frau. Ihr größtes Problem ist Geldmangel. Larissa sagt, auf ihrem Bankkonto lägen noch Ersparnisse. Doch es werde immer schwieriger, Geld abzuheben oder mit einer Kreditkarte zu bezahlen. Die ukrainischen Banken haben inzwischen ihre Zweigstellen in den Gebieten geschlossen, die nicht von Kiew kontrolliert werden. Viele Bankautomaten sind abgeschaltet. "Nachts träume ich oft, wie ich nach Bankautomaten suche", klagt Larissa.

Auch die Rente ihres Vaters kann sie nicht abheben. Derzeit werden ukrainische Renten nur noch in den von Kiew kontrollierten Gebieten ausgezahlt. Larissas Vater müsste demnach dorthin fahren, vorbei an den Checkpoints der Separatisten. "Natürlich kann er kein Geld holen. Die 'Donezker Volksrepublik' gibt Kiew die Schuld für die Situation und Kiew der 'Donezker Volksrepublik'. Darunter leiden die Allerärmsten", schimpft Larissa. Hilfen von Vertretern der "Donezker Volksrepublik" lehnt ihre Familie dennoch strikt ab.

Familie, Haus und Firma verloren

Traurig spricht über seine Lage auch der 50-jährige Oleg. Bis vor kurzem lebte der Geschäftsmann mit seiner Familie in Donezk. Doch sein Haus wurde durch mehrere Geschosse zerstört. Oleg musste auch seine Firma aufgeben. Er entschied sich nach Kiew zu ziehen. Aber seine Frau und seine beiden Töchter wollten in Donezk bleiben, wo sie bei Bekannten unterkamen. "Wegen all denen, die die Separatisten unterstützt haben, habe ich alles verloren. Ich habe kein Mitleid mit den Rentnern, die mit Plakaten zu den prorussischen Kundgebungen und zum Referendum gelaufen sind. Sie wollten es so. Jetzt brauchen sie nicht zu weinen", sagt Oleg wütend.

Er glaubt nicht, dass in den nächsten Jahren in Donezk wieder normales Leben einkehren wird. Im besten Fall würden die Kriegshandlungen eingestellt, wenn die Söldner nicht mehr bezahlt würden. "Aber sie haben Waffen. Sie werden die Bevölkerung ausrauben. Echten Frieden wird es nicht geben", warnt Oleg. Auch mit einem schnellen Wiederaufbau der Stadt rechnet er nicht, da Investitionen nur in stabile Regionen fließen würden. Die Schuld für die Misere sieht er beim gesamten Umfeld des nach Russland geflüchteten ehemaligen ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch. "Diese Machthaber aus Donezk spalteten über Jahre das ganze Land, nur um sich zu bereichern. Aber welche Folgen das haben würde, das konnten sie sich nicht einmal vorstellen", so Oleg.

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