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Asien

Verzweiflung unter Australiens Ureinwohnern

Die Lage der Ureinwohner Australiens hat sich in den vergangenen zehn bis 15 Jahren keineswegs verbessert, im Gegenteil. Dies geht aus einem aktuellen Bericht der australischen Regierung hervor.

Fast ein Drittel der Aborigines leiden demnach unter schweren psychologischen Problemen. Selbstverletzungen haben in den vergangenen zehn bis 15 Jahren um 56 Prozent zugenommen, Inhaftierungen um 77 Prozent. Die Selbstmordrate unter männlichen Aborigines zwischen 25 und 29 Jahren ist mit 90,8 Suiziden pro 100,000 Einwohner die höchste der Welt. Erst vor kurzem hatten Berichte über eine Selbstmordwelle mit bis zu 19 Fällen innerhalb dreier Monate im Nordwesten Australiens das Land erschüttert, das jüngste Opfer war ein zehnjähriges Mädchen.

Die hohe Suizidrate und vielen Selbstverletzungen werden von Experten als Symptom für die Benachteiligung der indigenen Bevölkerung gesehen: Die rund 520.000 Aborigines, 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung von 21 Millionen (Zensus von 2011), erlangen seltener einen Schulabschluss, sind überdurchschnittlich von Alkohol- und Drogenmissbrauch betroffen und leben im Durchschnitt zehn Jahre weniger als die übrige Bevölkerung.

Aborigines sprechen mit Premier Turnbull vor Australiens Parlamentsgebäude (Foto: picture-alliance/AP Photo/R. McGuirk)

Die Regierung hat ein offenes Ohr für die Anliegen der Aborigines, aber wirksame Hilfe scheint schwierig zu sein

Tragödie in einem glücklichen Land

Häusliche Gewalt ist ebenfalls ein drängendes Problem, worauf am Mittwoch vor dem australischen Parlament eine Gruppe von Aborigines aus dem 3000 Kilometer entfernten Ort Yirrkala im Norden in Form einer Tanz-Vorstellung aufmerksam machte. Der Anführer der Delegation wies auf die "erschreckend vielen Fälle häuslicher Gewalt" in seiner Gemeinschaft in Nord-Australien hin und forderte Politik und Gesellschaft zum Handeln auf. Frauen der Aborigines würden 34 Mal so häufig Opfer von Gewalt wie andere Australierinnen, sagte Premierminister Malcolm Turnbull, der sich wie andere Parlamentarier mit dem Anliegen der Aborigines solidarisch zeigte.

All das, obwohl Australien als ganzes seit 25 Jahren wirtschaftlich wächst und sich laut UN auf Platz neun der glücklichsten Ländern der Welt befindet. "Es ist eine einzige Tragödie", sagt Romlie Mokak, Leiter des Lowitja Forschungsinstituts für Gesundheit der indigenen Bevölkerung, der DW. "Die Gründe für diesen Zustand sind komplex. Das zugrundeliegende Problem ist das kollektive Trauma, das die indigene Bevölkerung durch die vergangene rassistische Politik erfahren hat", sagt Sara Hudson vom Center for Independent Studies in Sydney.

Im Zuge der Kolonialisierung Australiens wurden die Aborigines von ihrem Land vertrieben. Bis in die 1970er Jahre hat die australische Regierung indigene Kinder aus ihren Familien heraus genommen, um sie zwangsweise in die weiße australische Gesellschaft zu assimilieren. Erst 2008 entschuldigte sich der damalige Premier Kevin Rudd für diese "gestohlene Generation".

"Diese Generation und deren Kinder leiden unter Identitätsverlust. Zudem haben sie wenig Hoffnung, eine Stelle zu finden, vor allem in den entlegenen Gemeinden. Sie wachsen unter Erwachsenen auf, die teilweise über Generationen nur von Sozialhilfe gelebt hatten und von Alkohol- und Drogenproblemen geplagt sind. Zusätzlich werden sie von der nicht-indigenen Bevölkerung oft stigmatisiert", sagt Hudson. "Es ist ein Teufelskreis."

Aborigines-Jugendliche in Uluru (Foto: picture-alliance/dpa/D. Peled)

Werden auch diese jungen Aborigines enttäuscht?

Regierungsprogramme teilweise wirkungslos

Australien versucht seit Jahren, mit umfangreichen Programmen wie der "Close the Gap"-Initiative diesen Kreis zu durchbrechen. Mehr als 30 Milliarden australische Dollar wurden 2015 für die indigene Bevölkerung und auf sie zugeschnittene Projekte ausgegeben, bisher jedoch mit sichtlich wenig Erfolg. Der Grund: Es werde nicht nach den Bedürfnissen in den einzelnen Gemeinden gefragt wird, sondern stattdessen nach der Meinung der Regierung entschieden, die jedoch meist nie vor Ort war, sagen Kritiker.

Dies führt teilweise zu bizarren Zuständen: Im westaustralischen Roebourne fand Hudson in ihrer Untersuchung von indigenen Förderprogrammen 67 Dienstleister und 400 Programme für Aborigines -  für ganze 1150 Einwohner. In einer entlegenen Gemeinde im Norden Australiens wurde ein Workshop für Suizidprävention durchgeführt, obwohl es dort keine Selbstmorde gab.

"Gleichzeitig werden Gemeinden wie zum Beispiel in Kimberley, die diese Hilfe im Zuge der Suizidkrise dringend benötigen, nicht beachtet",  klagt Hudson. Zudem werde keine Rechenschaft über die Ausgaben verlangt. Weniger als zehn Prozent der von ihr untersuchten Förderprogramme wurden evaluiert.

Aborigines in traditionellem Schmuck und mit Flaggen (Foto: Reuters/D. Gray)

Stolz auf die eigene Identität ist viel, aber nicht alles, um echte Teilhabe zu erreichen

Positive Ansätze aufgreifen und verstärken

Programme sind das eine, die nationale Einstellung ist das andere: "Grundsätzlich werden wir als Problem gesehen, das man behandeln muss", sagt Mokak, Mitglied der indigenen Gruppe Djugun aus West-Australien. Aborigines und ihre kulturellen Traditionen werden weitestgehend nicht als Stärke oder Bereicherung der Nation gesehen, anders als bei den Maori in Neuseeland.

Die Ureinwohner des Nachbarlandes sind aktiv in der Politik und Gesellschaft vertreten, deren Kultur, zum Beispiel der berühmte Haka-Tanz, wird als Teil der neuseeländischen Identität gefeiert. Jedoch unterscheidet sich die Situation der Aborigines: Im Vergleich zu den Maori sind sie deutlich stärker in der Unterzahl, und ihre Gemeinschaft besteht aus Hunderten unterschiedlichen Völkergruppen, nicht nur aus einer wie in Neuseeland.

Aber es gibt in Australien Beispiele dafür, dass die indigene Kultur als Gewinn gesehen wird. Zum Beispiel das Injalak-Kunstzentrum, eine Non-profit-Organisation, die von Aborigines betrieben wird. Das Zentrum im nördlichen Australien verkauft indigene Kunst und bietet Besichtigungen der historischen Steinmalereien in nahegelegenen Höhlen an. So werden Arbeitsplätze geschaffen und erhalten, der Gewinn wird in die Gemeinde investiert.

Privatwirtschaft ist eine weitere Möglichkeit: in Lockhart River an der nördlichsten Spitze Australiens sind Partnerschaften privater indigener Unternehmer mit der lokalen Gemeinde ein Erfolg. Start-ups von Aborigines übernehmen Dienste wie das Pflegen von Gärten und Straßen sowie das Catering. Der Aktivist Mokak sieht nur einen einzigen Weg für eine vielversprechende Zukunft: "Wir müssen unsere Gemeinden von Grund auf aufbauen, mit Arbeitsstellen, einem stärkeren Zusammenhalt und mit Stolz auf die eigene Identität."

 

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