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Politik

Verzweiflung in der Vorstadt

Sex mit dem Gärtner, Depressionen, Scheidung, ein mysteriöser Selbstmord: Die neue US-Fernsehserie "Desperate Housewives" entlarvt die Realitäten und Widersprüche von Frauen in Suburbia.

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Udo Bauer

"No victory comes without a price!" – "Jeder Sieg hat seinen Preis", so fasst die Erzählerin von "Desperate Housewives" (kurz "DH") eine kleine Episode in ihrer Nachbarschaft zusammen. Von der Erzählerin selbst weiß der Zuschauer, dass sie längst tot ist – Selbstmord heißt es offiziell, aber daran gibt es Zweifel. Gesiegt hat im besagten Fall eine Frau, die einen schöneren und gepflegteren Rasen hat als ihre neidische Nachbarin. An einem heißen Sommertag bricht ein offenbar dehydrierter Jogger tot im Vorgarten dieser neidischen Nachbarin zusammen. Die Frau legt den toten Körper in eine Schubkarre, fährt ihn auf das Grundstück der Nachbarin mit dem schönen Rasen, kippt ihn dort in die Rabatten und ruft die Ambulanz. Als die mitsamt der Leiche wieder abrückt, ist der Wunderrasen der Nachbarin von den Rädern der Tragbahre durchpflügt.

Von Lügen und Widersprüchen

Es geht bei "DH" nicht nur um den lustigen Kleinkrieg zwischen Spießern, es geht um das Selbstverständnis von Frauen, die von ihren beruflich erfolgreichen Ehemännern in den goldenen Käfig eines vermeintlichen Vorstadt-Idylls gezwungen werden. Es geht darum, wie sie sich die Zeit damit vertreiben, sich selbst und alle anderen zu belügen und wie sie lernen, mit diesen ganzen Widersprüchen zu leben bzw. zu sterben. "Desperate Housewives" räumt auf mit dem Glauben, dass Frauen zu beneiden sind, die den "Luxus" haben, nicht arbeiten zu müssen und sich ausschließlich um ihre Kinder kümmern können. Wirklich glücklich ist nämlich keine der Heldinnen, auch wenn sie meistens das Gegenteil behaupten.

Von Leidenschaft und Verzweiflung

Eine hat ein leidenschaftliches Verhältnis mit ihrem jungen Gärtner, das er beenden will, sie aber nicht. Ihre Schwiegermutter verdächtigt sie schon seit längerem der Untreue, weiß nur noch nicht, mit wem sie es treibt. Und so verbringt sie den lieben, langen Tag mit entsprechender Detektivarbeit. Zitat: "Ich mache mir keine Gedanken darüber, mit wem sie redet, sondern mit wem sie nicht redet." Schließlich fotografiert sie die beiden in flagranti, kommt aber nicht dazu, ihren Sohn über den Ehebruch zu informieren, weil sie vor ihrer Haustüre von einem Auto überfahren wird und stirbt. Der Autofahrer verschwindet ohne auch nur anzuhalten. Es ist der von der geplanten Scheidung seiner Eltern überforderte Nachbarsjunge. Man ahnt es schon: "DH" ist eine Mischung aus "Sex and the City" und "Twin Peaks" mit dem Realismus einer Sozialstudie.

Künstlicher Stress in künstlicher Umgebung

"DH" ist die mit Abstand erfolgreichste Fernsehsendung bei amerikanischen Frauen zwischen 18 und 34 – und die Fangemeinde wächst von Woche zu Woche. Das liegt unter anderem daran, dass ein Großteil Amerikas in den Vorstädten lebt und sich mit den "Verzweifelten" voll identifizieren kann. Ein Beispiel: Von den fast fünf Millionen Einwohnern des Großraums Washington (DC) leben nur 570.000 in der Stadt Washington, der Rest lebt in den künstlich geschaffenen Vororten, die von Jahr zu Jahr den Kreis um die Metropole weiter ziehen. Hier dreht sich das Leben der jungen Familien um Einkauf, Gartenpflege, Spielplatz, Ballett, Mädchen-Fußball und die PTA (Parent and Teacher Association), das ist eine Art ultraengagierte Eltern-Schulpflegschaft. Jede Aktivität für sich genommen mag ja durchaus sinnvoll sein. Alles zusammen aber produziert Stress; und irgendwann einmal Unzufriedenheit und, genau, Verzweiflung.

Von Sex und Drogen

Selbst Intellektuelle wie Ellen Goodman von der "Washington Post" outen sich als begeisterte "DH"-Fans. Goodman ergötzt sich geradezu an der Figur Lynette, einer Mutter, die abhängig ist von den Medikamenten, die sie eigentlich ihren Kindern verabreichen soll. Die in Amerika weit verbreitete Droge, die bei Kindern die Aufmerksamkeit in der Schule steigern soll, hat bei Lynette aufputschende Wirkung. Und ohne, so glaubt sie, kann sie ihren stressigen Hausfrau-und-Mutter-Job nicht
meistern. Ja, sie liebt ihre Kinder abgöttisch, so Goodman, aber gleichzeitig will sie ihren Minivan packen und einfach abhauen - alleine.

DH hat auch schon einen Skandal ausgelöst. Nicht durch die Darstellung der Tatsache, dass halb Amerika quasi gedopt ist. Das weiß und akzeptiert man hierzulande, es handelt sich ja um "legale" Drogen. Nein, es geht mal wieder um Sex. Die "American Family Association" hat sich über einen "DH"-Werbespot beschwert, den der Sender ABC als so genannte Cross-Promotion während einer Football-Übertragung ausgestrahlt hat. Darin ist eine "DH"-Darstellerin zu sehen, die sich in der Umkleidekabine einem bekannten Footballstar in eindeutiger Pose nähert und die Hüllen fallen lässt. Überflüssig zu erwähnen, dass außer einem entblößten Rücken nichts zu sehen war. Wie dem auch sei: "Desperate Housewives" ist seitdem die zweitbeliebteste Fernsehsendung auch bei Männern zwischen 18 und 34 - gleich nach "Monday Night Football".