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Asien

Verzicht auf "Entschuldigung"

Bei seiner Rede vor dem US-Kongress ist sich Japans Premierminister Shinzo Abe treu geblieben: Zum Ärger von Südkorea und China vermied er eine Entschuldigung für den Weltkrieg und die Versklavung von asiatischen Frauen.

Die erste Rede eines japanischen Premierministers vor dem US-Kongress fand ausgerechnet am Geburtstag des Kriegskaisers Hirohito statt, der 1989 gestorben war. Und sie war eine diplomatische Gratwanderung: Die USA erwarteten von Shinzo Abe ein Bekenntnis zu Demokratie und Freihandel, sowie einen angemessenen Blick zurück auf den Krieg zwischen beiden Ländern vor sieben Jahrzehnten. Dagegen verlangten Japans Nachbarn China und Südkorea eine Entschuldigung für den Angriffskrieg. Am Ende erfüllte der japanische Politiker eher die Erwartungen der amerikanischen Verbündeten.

Mit "tiefer Reue" in seinem Herzen habe er vor dem Denkmal für den Zweiten Weltkrieg in Washington gestanden, sagte Abe vor Abgeordneten vom US-Senat und Repräsentantenhaus. "Ich spreche mit tiefem Respekt mein ewiges Beileid für die Seelen aller Amerikaner aus, die im Zweiten Weltkrieg verloren gingen", sagte Abe. US-Vizepräsident Joe Biden reagierte positiv: Abe habe sehr klar gemacht, dass es "Verantwortung für den Krieg auf japanischer Seite gab."

Shinzo Abe mit US-Präsident Barack Obama. (Foto: Reuters)

Shinzo Abe mit US-Präsident Barack Obama

Bekenntnis zu früherer Entschuldigung

Die Sätze von Abe in Richtung der Kriegsgegner in Asien waren weniger eindeutig. Nach dem Krieg hätte Japan seinen Weg mit einem Gefühl von "tiefer Reue" begonnen. "Unsere Aktionen brachten Leid über die Völker in asiatischen Ländern", räumte Abe ein. "Wir dürfen unsere Augen davon nicht abwenden."

Er stehe hinter den Aussagen früherer Premierminister Japans zu diesem Thema. Vor 20 Jahren hatte Tomiichi Murayama sich für die "Aggression" Japans im Weltkrieg entschuldigt. Junichiro Koizumi hatte diese Formulierungen 2005 wiederholt.

Mit seinen Aussagen ist Abe im erwarteten Rahmen geblieben. Einerseits verzichtete er auf das Wort "Aggression" und unterließ die Entschuldigung für die Eroberung von asiatischen Nachbarländern. Andererseits bekannte er sich zu früheren Formulierungen, die diese Worte enthalten. Er erfüllte damit die Erwartungen jener Politiker in Washington, die Japan als wichtigsten Verbündeten der USA bei der Eindämmung von Chinas Hegemoniestreben in Asien sehen.Washington und Tokio rücken nun enger zusammen und streben ein Freihandelsabkommen der pazifischen Länder ohne China an.

(Archiv) Ehemalige Trostfrauen in Südkorea fordern im April 2013 eine Entschuldigung und Wiedergutmachung für die Zwangsprostitution. (Foto: AP)

(Archiv) Ehemalige "Trostfrauen" in Südkorea fordern eine Entschuldigung und Wiedergutmachung für die Zwangsprostitution

Keine Erwähnung der Zwangsprostituierten

Die Kritiker von Abe fühlten sich jedoch ebenfalls bestätigt. Denn Abe ignorierte in seiner Rede das Schicksal der bis zu 200.000 Zwangsprostituierten in japanischen Armeebordellen während des Krieges. Zwar hatte der Politiker gegenüber der Tageszeitung "Washington Post" vor dem US-Besuch seinen "Herzschmerz" über die Opfer vom "Menschenhandel" gestanden, die "unermesslichen Schmerzen und Leiden jenseits aller Beschreibungen" unterworfen gewesen seien. Aber wer für diesen "Menschenhandel" verantwortlich war, erwähnte Abe nicht.

Schon immer wurden diese Sex-Sklavinnen in Japan beschönigend "Trostfrauen" genannt. Rechte Historiker in Japan behaupten, die Frauen seien weder im Auftrag der japanischen Armee rekrutiert, noch hätten sie unter Zwang in den Bordellen gearbeitet. Allerdings hatte 1993 der damalige Regierungssprecher Yohei Kono die Versklavung der Frauen eingestanden und sich dafür entschuldigt. Bei der gemeinsamen Pressekonferenz mit US-Präsident Barack Obama erklärte Abe, seine Regierung stehe hinter dem Kono-Statement und werde es auch nicht ändern.

Japanische Delegation auf dem Weg zur Kapitulation am 02.09.1945. (Foto: Archiv)

(Archiv) Japanische Delegation auf dem Weg zur Kapitulation am 02.09.1945

Unzufriedenheit in Südkorea

Doch bei seiner Rede vor dem Kongress erwähnte Abe lediglich die Aussagen "früherer Premierminister". Kono war jedoch nur Regierungssprecher. Das lässt sich als Distanzierung von dessen Entschuldigung interpretieren.

Die Medien in Südkorea - viele der Zwangsprostituierten waren Koreanerinnen - reagierten daher auf die Kongressrede von Abe negativ. Abe sei bei seiner Haltung seit seinem Amtsantritt geblieben, nämlich sich "niemals für die Sex-Sklaverei von Japan im Weltkrieg zu entschuldigen", schrieb Südkoreas staatsnahe Nachrichtenagentur Yonhap.

Auch die Formulierung vom "Menschenhandel", die der japanische Regierungschef bei einem Besuch der US-Universität Harvard auf die Frage nach den Trostfrauen wiederholt hatte, fand bei der südkoreanischen Agentur keine Zustimmung: Damit wolle Abe sich aus Japans Verantwortung für die Versklavung winden, weil Menschenhandel eher mit privater Prostitution assoziiert werde. Seine vagen Aussagen über die Kriegsfolgen für asiatische Länder stünden in scharfem Kontrast zu dem entschuldigenden Tönen über die Kriegsleiden der US-Amerikaner, so Yonhap.

Kritik von Koreanisch-Amerikanern

Deutliche Kritik kam auch von einer Gruppe demokratischer US-Abgeordneten, die zuvor eine Entschuldigung von Abe für die Versklavung der Frauen verlangt hatte. Mike Honda, Abgeordneter der Demokraten aus Kalifornien, bezeichnete es als "schockierend" und "beschämend", dass Abe keine klaren Worte zu der Sex-Sklaverei gefunden habe. Der führende Demokraten-Politiker im außenpolitischen Ausschuss des Repräsentantenhauses, Eliot Engel, meinte, Abe hätte Japans Kriegsvergangenheit "direkter" ansprechen können.

Vor der Rede hatten Hunderte von koreanischstämmigen Amerikanern vor dem Kapitol in Sprechchören von Abe eine Entschuldigung verlangt. Eine der wenigen noch lebenden "Trostfrauen", die Südkoreanerin Lee Yong-soo, wohnte als Gast des Abgeordneten Honda der Abe-Rede bei. "Er kann auf unseren Tod warten, aber Japans Verbrechen werden dadurch nicht verschwinden", erklärte die 86-Jährige. Als 16-jährige wurde sie zur Prostitution in einem japanischen Soldatenbordell gezwungen.

Auch China appelliert an die japanische Regierung, die Kriegsvergangenheit gründlich aufzuarbeiten. Nur so könne Japan das volle Vertrauen der internationalen Gemeinschaft zurückgewinnen und "zukunftsorientierte freundschaftliche Beziehungen mit den asiatischen Nachbarländern gestalten", sagt Hong Lei, Sprecher des chinesischen Außenministeriums am Donnerstag (30.04.).