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Politik

Verwundete Soldatenseelen

Die Bundeswehr beteiligt sich an immer mehr Einsätzen im Ausland. Immer mehr Soldaten kehren traumatisiert zurück. Seit 2006 hat sich ihre Zahl mindestens verdreifacht.

Ein Bundeswehrsoldat (rechts) neben einem ausgebrannten explodierten Auto, das vor einem Gebäude steht (DW-Bildmontage)

Heimkehrende Bundeswehrsoldaten habe häufig Probleme

Eine Anfrage der FDP-Bundestagsabgeordneten Elke Hoff und ein Fernsehfilm, der am Montag (02.02.2009) im Ersten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt wurde, rückte das Thema wieder ins Licht der Öffentlichkeit. Wissenschaftler bezeichnen es als "PTBS" (Posttraumatisches Belastungssyndrom). Für Betroffene ist es unter anderem verbunden mit Angst, Schlaflosigkeit, Schreckhaftigkeit, Depressionen und/oder körperlichen Beschwerden.

Die Soldaten, die traumatisiert von Kriegseinsätzen zurückkehren, waren Anschlagsopfer, erlebten Verkehrs- und Minenunfälle, kamen in Geiselhaft oder waren anderen Formen von Gewalt ausgesetzt. Aber auch Armut , Elend sowie die ständige Bedrohung durch Gewalt überfordern manche.

Bundeswehr kümmert sich

Ein US-Soldat (links) telefoniert nach dem Anschlag auf die Deutsche Botschaft in Kabul, im Hintergrund Löschkräfte (ap)

Ein Bild des Schreckens nach dem Anschlag auf die Deutsche Botschaft in Kabul am 17. Januar

86 seien es im Jahr 2006 gewesen, 149 im Jahr 2007 und 245 im vergangenen Jahr: Diese Antwort bekam Elke Hoff vom Bundesverteidigungsministerium in Berlin auf ihre Anfrage, wie hoch die Zahl der unter PTBS leidenden Heimkehrer sei. Die meisten psychischen Schäden hätten dabei die Bundeswehrsoldaten davon getragen, die in Afghanistan stationiert gewesen seien. Laut Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung leiden "knapp über zwei Prozent" der Afghanistan-Heimkehrer unter diesem Trauma.

Gemessen an der Zahl der knapp 62.000 Soldaten, die in den vergangenen drei Jahren an Kriseneinsätzen nicht nur in Afghanistan sondern auch in Bosnien und dem Kosovo teilgenommen hätten, seien die registrierten Fälle geringfügig, hieß es von Seiten der Bundeswehr.

Oberfeldarzt Tobias Gamberger vom Kompetenzzentrum des Sanitätsdienstes der Bundeswehr führt die geringe Quote in einem Inteview mit Associated Press darauf zurück, dass "Prävention in der Bundeswehr eine ganz große Rolle" spielt. Man versuche, die Soldaten bei der Einsatzvorbereitung nicht nur mit der Kultur des Landes vertraut zu machen, sondern auch Reaktionen auf psychische Stresssituationen einzuüben. Auch die Vorgesetzten würden darin geschult, mit Gefährdung und Stress, Verwundung und Tod, Traumatisierung, Trennung und Isolation umzugehen.

Bundeswehr machte ihre Erfahrungen

Das PTBS ist im Militär keine neue Erscheinung. Bereits während des Ersten Weltkriegs wurde das so genannte "Kriegszittern" bei Soldaten als Reaktion auf Extremsituationen bekannt. Während des Kalten Krieges befasste sich der Sanitätsdienst der Bundeswehr nur theoretisch mit dem Problem. Da ging es eher darum, im Ernstfall eine hohe Zahl von Verwundeten zu versorgen.

US-Kriegsveteranen lauschen einer Rede von Präsident Bush im August 2007 (ap)

US-Kriegsveteranen lauschen einer Rede von Präsident Bush im August 2007

Die USA verfügten damals bereits über Erfahrungen etwa aus dem Vietnam-Krieg. Veteranen berichteten, nicht nur der Körper, sondern auch die Psyche sei verletzt. Israel schuf schon früh so genannte "battle stress rehabilitation units" in der Nähe der Front, die Soldaten betreuten.

In Deutschland kam das Umdenken nach 1990, als Bundeswehrsoldaten erstmals zu größeren Einsätzen ins Ausland geschickt wurden. Sie mussten dabei nicht nur die Trennung von der Familie und der gewohnten Umgebung in Kauf nehmen. Sie sahen sich auf einmal auch konfrontiert mit den Auswirkungen von Krieg und Gewalt: Anschlägen, Chaos, Hilflosigkeit, Verletzungen, Leichen. Die Bundeswehr entwickelte daraufhin Konzepte nicht nur mit den Belastungen vor den Einsätzen, sondern auch danach umzugehen.

Sanitätsdienst hilft

Wichtig dabei ist, nicht nur diejenigen zu erreichen, die zugeben, unter Problemen zu leiden, sondern auch diejenigen, die es verschweigen, weil sie nicht als "Weicheier" dastehen wollen. So hat der Sanitätsdienst der Bundeswehr einen Film mit dem Titel "Wenn die Seele schreit" produziert, in dem den Soldaten erklärt wird, was ein PTBS ist. Gleichzeitig wird deutlich gemacht, dass keiner als "irre" gilt, wenn er Erlebtes nicht erträgt.

Feldoberarzt Dr. Michael Holch (links) und ein Sanitäter der Bundeswehr demonstrieren in einem klimatisierten OP-Saal, der in einem Militärzelt eingerichtet ist, die Intensivbehandlung eines Verletzten während einer Lehrvorführung des Sanitätsdienstes der Bundeswehr

Eine Lehrvorführung des Bundeswehr-Sanitätsdienstes in Berlin. Hier werden nicht nur körperlich, sondern auch seelisch Verletzte behandelt

Auch wurde im Internet eine Seite installiert, über die Betroffene und deren Angehörige anonym Rat einholen können. Auf der Seite "Angriff-auf-die-Seele.de" bietet Oberfeldarzt Dr. Peter Zimmermann vom Bundeswehrkrankenhaus in Berlin an, er gebe "gerne Antworten zum Thema PTBS", "streng vertraulich", "auf Wunsch auch anonym". Auch ein Onlinetest wird angeboten: Der PTBS-10 umfasst zehn Fragen etwa nach Schlafstörungen, Alpträumen, gedrückter Stimmung, Schreckhaftigkeit oder Selbstvorwürfen. Auf einer Skala muss eine Selbsteinschätzung abgegeben werden. Eine Endpunktzahl gibt dann Auskunft über den Grad der Belastung.

Noch mehr Hilfe nötig

Auch wenn es viele Hilfsangebote gibt: Für Bundeswehrarzt Zimmermann sind sie noch nicht ausreichend. Er wünscht sich nicht nur eine größeres Psychologennetz, viel mehr geschulte Vertrauensleute, sondern auch eine Hotline zur anonymen Beratung von Soldaten. Auch müsse mehr Wert auf Familie und Freunde gelegt werden. Der Rückhalt durch andere sei meist entscheidend sowohl für eine gute Vorbereitung auf einen Einsatz wie auch für eine erfolgreiche Heilung danach. Einem Soldaten könne vor einem Einsatz in Rollenspielen etwa vermittelt werden, "wie er mit seiner ängstlichen Freundin am Telefon spricht, wenn sie heult".

Aber trotz aller Hilfe, so Zimmermann, gebe es keine Garantie auf Erfolg. Nach einer Traumabehandlung, die in der Regel vier bis acht Wochen in einem Bundeswehrkrankenhaus erfolge, würden viele nicht vollständig geheilt, manche gar nicht. Die Sterblichkeitsrate bei Kriegsheimkehrern könne viel höher sein als bei anderen Menschen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse

Warum eine Heilung so schwierig ist, beschäftigt Forscher und Wissenschaftler seit Jahren. Ein deutsch-niederländisches Forscherteam um Dr. Elbert Geuze vom Rudolf-Magnus-Institut für Neurowissenschaften an der Universität Utrecht fand in einer Anfang 2007 veröffentlichten Studie heraus, dass traumatisierte Soldaten weniger Schmerz empfinden als gesunde. In ihrer Studie ließen die Psychologen Kriegsheimkehrer aus UN-Einsätzen in Kambodscha, Bosnien und dem Libanon eine Hand für dreißig Sekunden auf einen 40-48-Grad-heißen Block legen. Anschließend sollten die Probanden auf einer Skala, die von eins (kein Schmerz) bis 100 (schlimmster vorstellbarer Schmerz) reichte, den empfundenen Schmerz einordnen.

Ein Massengrab in Srebrenica (DW)

Ein Massengrab in Srebrenica

Während des Experiments maßen die Forscher mittels eines funktionellen Magnetresonanztomographen, der Stoffwechselvorgänge abbilden kann, die Hirnaktivität der Testpersonen. Das Ergebnis: In den Gehirnbereichen, die für die Verarbeitung von Schmerz und Empfindungen eine Rolle spielen, beobachteten die Forscher bei den traumatisierten Patienten ein verändertes Aktivierungsmuster. Die Folgerung: PTBS-Patienten verarbeiten Schmerz anders und nehmen ihn weniger stark wahr als gesunde.

Spätfolgen

Posttraumatische Reaktionen treten häufig nicht direkt nach der Rückkehr auf, sondern erst Wochen, Monate oder sogar Jahre später. Die Bundeswehr dokumentiert etwa den Fall eines 32-jährigen Hauptfeldwebels. Er war vor neun Jahren im Kosovo in eine Schießerei geraten und hatte dabei zwei Angreifer in Notwehr erschossen. Das Ereignis habe sich tief in sein Gedächtnis eingebrannt, berichtet er. "Ich kann mich an jede Sekunde erinnern, als wenn alles erst vor drei Minuten passiert wäre". Der Gebirgsjäger leidet unter Schlafstörungen, wacht oft mit stechenden Schmerzen in der Brust auf.

Auch ein 54-jähriger Feldjäger, der im Kosovo bei der Öffnung von Massengräbern dabei war, kommt über seine Erlebnisse nicht hinweg. Er leidet an Lethargie, Appetitlosigkeit, Herzrasen, Schwindel, Tinnitus. Hilfe fanden beide im Bundeswehrkrankenhaus Hamburg, in dem PTBS diagnostiziert wurde.

Politiker sind gefordert

Verteidigungsminister Jung (rechts) mit einem Bundewehrsoldaten (links), dahinter noch zwei weitere Soldaten. Ort: Kundus (dpa)

Verteidigungsminister Jung, hier bei einem Besuch im afghanischen Kundus 2008

Nicht nur die Bundeswehr nimmt das Problem ernst. Auch auf Regierungsebene sieht man inzwischen eine Notwendigkeit, mehr zu tun. Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung sagte bei einem Besuch der 13. Panzergrenadierdivision in Leipzig am Dienstag, er beobachte die wachsende Zahl schwer traumatisierter Afghanistan-Heimkehrer mit Sorge.

Er nehme "die Entwicklung ernst". Jung kündigte an, "in der Perspektive ein Kompetenz- und Forschungszentrum" zur Posttraumatischen Belastungsstörung einrichten zu wollen. Wie genau das aussehen soll, sagte er nicht. Die Diskussion dazu laufe.

Die FDP war 2007 mit einem entsprechenden Antrag gescheitert, ein derartiges Zentrum sowie eine Hilfs-Hotline einzurichten. In der kommenden Woche will der Bundestag über einen entsprechenden inter-fraktionellen Antrag debattieren.

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