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Stadt Land Mensch

Verwandlungskünstler im Revier

Krupp-Stahl, Krupp-Siedlung, Krupp-Krankenhaus: Wer im Ruhrgebiet unterwegs ist, kommt an Krupp nicht vorbei. Der Stahlkonzern steht für Licht und Schatten der Industrialisierung - aber auch für den Strukturwandel.

Er gilt als besonders fest und widerstandsfähig, doch vielleicht wird auch der Titanstahl den Strukturwandel nicht überleben. Auf dem historischen Gelände des Krupp-Stammwerks in Essen ist die Titanproduktion die heute letzte verbliebene industrielle Fertigung. Gut möglich, dass die Krupp-Manager auch diese Traditionssparte bald abstoßen werden. Schon heute hat das Gesicht der immer noch im Stadtbild präsenten Firma kaum noch etwas mit dem Unternehmen zu tun, das im 19. Jahrhundert vom Ruhrgebiet aus die Weltmärkte erobert und das Gesicht einer damals noch ländlich geprägten Region dauerhaft verändert hat.

Beispielloser Aufstieg im 19. Jahrhundert

Alfred Krupp Kalenderblatt

Legte den Grundstein für den Firmenerfolg: Alfred Krupp

Krupps Weg zum größten Industrieunternehmen Europas ist zunächst mit einem Namen verbunden: Alfred Krupp. Als 14-Jähriger erbte der spätere Unternehmer und Erfinder die kleine Gussstahlfabrik seines Vaters Friedrich. Er ist es, der aus einem Mini-Betrieb mit vier Arbeitern einen Konzern mit 20.000 Beschäftigten formt. Alfred profitierte vom weltweiten Eisenbahnboom und einer wegweisenden Erfindung: dem nahtlosen Radreifen aus Gussstahl, der bis heute das Firmenlogo schmückt. Dass Krupp aber auch für die Zeit nach dem ersten Boom gerüstet war, dafür sorgte Alfreds Sohn Friedrich Alfred: "Er hat getan, was der Vater verachtet hat. Er hat die Produktion nach wissenschaftlichen Prinzipien ausgerichtet, Forschungsabteilungen aufgebaut und sich schließlich wegbewegt von der standardisierten Massenproduktion hin zu maßgeschneiderten, intelligenten Maschinen und Spezialstählen", analysiert der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser.

Wie kaum eine andere Firma agierte Krupp dabei in einem politischen Umfeld. Seine Kanonen trugen 1870/71 entscheidend zum Sieg über Frankreich bei – nach dem Ersten Weltkrieg musste sich das Unternehmen dann aber aus der Rüstungsproduktion zurückziehen. Diese Auflagen der Alliierten bezeichnet Abelshauser rückblickend als Segen, da die erzwungene Konzentration auf den zivilen Bereich die Investitionen in die richtige Richtung gelenkt hätten.

Enge Einbindung in die NS-Kriegswirtschaft

Das Firmenlogo von Krupp (Foto: by-sa/Stahlkocher)

Das Firmenlogo von Krupp: drei übereinanderliegende Radreifen

Doch auf Licht folgte bei Krupp immer wieder Schatten. Anfangs noch auf Distanz, arbeiteten die Essener schließlich doch mit den Nationalsozialisten zusammen, deren Führer Adolf Hitler sich ein Volk "hart wie Krupp-Stahl" wünschte. Durch die enge Einbindung in die NS-Kriegswirtschaft wurde Krupp zur im Ausland gefürchteten "Waffenschmiede des Reiches". Entsprechend tief war der Fall nach Kriegsende: Demontage der Anlagen und Verurteilung des Unternehmenschefs Alfried Krupp von Bohlen und Halbach zu zwölf Jahren Haft. Der neuerliche erzwungene Bruch mit der altindustriellen Vergangenheit, so Wirtschaftshistoriker Abelshauser, erwies sich wieder als Glücksfall. Die Konzentration auf zukunftsträchtige Geschäftsfelder wie den Maschinenbau vollzog Krupp damit früher als viele Konkurrenten.

Der Wiederaufbau nach 1945, der erneut Zehntausende Menschen im Ruhrgebiet in Lohn und Brot brachte, war dann mit einem Mann verbunden, der Krupp nicht im Nachnamen führt: Berthold Beitz. Der mittlerweile 99 Jahre alte frühere Generalbevollmächtigte von Alfried Krupp ist bis heute an den strategischen Entscheidungen des Unternehmens beteiligt, auch, als in den 1970er Jahren die weltweite Stahlkrise das Unternehmen in eine schwierige Lage brachte. Schmerzhafte Einschnitte waren die Folge – und 1987 der härteste Arbeitskampf in der Geschichte der Bundesrepublik: 160 Tage lang kämpften die Kruppianer von Duisburg-Rheinhausen gegen die Werksschließung. In den Plänen des Managements sahen die Arbeiter auch einen Verrat an den Werten des Unternehmens, das einst für sie mietfreie Wohnungen bauen ließ und früh weitreichende Sozialleistungen gewährte. Betriebsleiter Helmut Laakmann, der charismatische Kopf des Widerstands, forderte damals die Konzernleitung offen heraus: "Das Buch der Geschichte ist jetzt aufgeschlagen. Jetzt liegt es an Euch, ein paar neue Seiten zu schreiben", mobilisierte er mit einer Wutrede Tausende Arbeiter und eine ganze Region. Letztlich erfolglos. Im August 1993 – 96 Jahre nach der Gründung des einst modernsten Hüttenwerks Europas – verließ die letzte Stahlblock Rheinhausen.

Die Villa Hügel in Essen (Foto: Horst Ossinger/dpa)

Villa Hügel in Essen: Stammsitz der Krupps. Erbaut wurde das großzügige Anwesen 1873 von Alfred Krupp.

Zwei Milliardenverluste in drei Jahren

Abbau von Überkapazitäten, Aufgabe traditionsreicher Geschäftsfelder, Spezialisierung: das Unternehmen verändert auch in diesen Tagen wieder sein Gesicht. Sogar die wohl bekannteste Marke, der "niemals rostende" Stahl Nirosta, von Krupp patentiert vor mehr als 100 Jahren, wird bis Ende des Jahres verkauft. Die zivilen Werften sind es bereits. Als Krupp, in den 1990er Jahren mit dem Konkurrenten Thyssen fusioniert, 2011 sein 200-Jähriges Firmenjubiläum feiert, macht beim Industriegiganten wieder das Wort von der Zukunftsangst die Runde. Umsatz und Beschäftigung verlagern sich immer stärker ins Ausland. Von den rund 180.000 Beschäftigten arbeiten nur noch gut 70.000 in Deutschland. Und doch verschafft ThyssenKrupp dem gebeutelten Ruhrgebiet immer noch dringend benötigte Arbeitsplätze. Immerhin rund 12.000 sind es alleine im größten Hüttenwerk Europas, in Duisburg-Bruckhausen.

Die Firmenzentrale von ThyssenKrupp in Essen (Foto: Volker Hartmann/dapd)

Neue Zentrale: Seit 2010 residiert ThyssenKrupp wieder in Essen

Und die Zukunft? Die Überkapazitäten im Stahlgeschäft werden Krupp wohl noch auf Jahre belasten, andere Geschäftsbereiche wie zum Beispiel Aufzüge und Dienstleistungen weiter an Bedeutung gewinnen. Der derzeitige Konzernchef will ThyssenKrupp zum Technologiekonzern umbauen und sich damit noch weiter vom Ursprungsgeschäft entfernen. Ob Titan in Essen weiter in eigener Verantwortung hergestellt wird, könnte da fast schon nebensächlich sein.

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