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Asien

Verunsicherung bei Chinas Christen

So rigoros wie lange nicht mehr gehen die chinesischen Behörden derzeit gegen Dissidenten und Andersdenkende vor. Kurz vor Ostern wächst auch bei vielen christlichen Untergrundkirchen in China die Sorge.

Der Chor der Pekinger Shouwang-Kirche bei einem Gottesdienst im Frühjahr 2010 (Foto: picture alliance / ANN)

Der Chor der Pekinger Shouwang-Kirche bei einem Gottesdienst im Frühjahr 2010

Die Shouwang-Kirche ist eine der größten nichtregistrierten christlichen Kirchen in Peking. Über Jahre wurde die Gemeinde von den Behörden stillschweigend geduldet. Vor einigen Wochen jedoch verbot die Regierung den Shouwang-Mitgliedern plötzlich, weiterhin ihren Versammlungsort zu mieten. Auch der Kauf eines Hauses für den Gottesdienst wurde der Gemeinde untersagt. Doch davon ließen sich die Gläubigen nicht abschrecken. Kurzerhand versammelten sich knapp 50 Gemeindemitglieder vor zwei Wochen unter freiem Himmel in einem Park in der chinesischen Hauptstadt zum Gottesdienst.

Ein Polizeiwagen parkt am 17. April in der Nähe eines Ortes, an dem sich die Shouwang-Gemeinde treffen wollte (Foto: AP)

Ein Polizeiwagen nahe des Treffens der Shouwang-Gemeinde

Die Behörden reagierten sofort: Die Polizei nahm die Menschen fest, ließ sie jedoch später wieder frei. Die Priester der Shouwang-Gemeinde stehen nun unter Beobachtung der Behörden. Die Festnahme der Gläubigen in Peking hat Christen in ganz China aufgeschreckt, sagt Daniel Ottenberg, Leiter des Referats für Menschenrechte der Organisation "Open Doors", die sich weltweit gegen Christenverfolgung engagiert. "Der Punkt ist einfach, dass keiner weiß, wer der nächste ist. Wenn der Staat schon gegen eine Gemeinde in Peking so scharf vorgeht, ohne dass es einen erkennbaren Grund gibt, was wird dann erst mit anderen Gemeinden sein?" Bislang seien besonders Gemeinden im ländlichen China von staatlicher Repression betroffen gewesen, so Ottenberg.

Angst vor den Behörden

Christen in einer Kirche beim Gottesdienst (Foto: DW)

In China leben schätzungsweise mehr als 70 Millionen Christen

Das Vorgehen der Regierungsbehörden gegen die Shouwang-Gemeinde fällt in eine Zeit, in der die chinesische Regierung mit vehementer Härte gegen Dissidenten und Andersdenkende vorgeht. Offenbar fürchten die Machthaber in Peking, dass es in China zu ähnlichen Revolutionen kommen könnte wie zuletzt in der arabischen Welt. Erst Anfang April sorgte die Festnahme des regierungskritischen Künstlers Ai Weiwei für weltweite Entrüstung. Nun steht mit Ostern einer der höchsten Feiertage des Christentums bevor. Viele Gemeinden planen aus diesem Anlass große Feiern. Angesichts der repressiven Atmosphäre im Land sind jedoch viele verunsichert, sagt Daniel Ottenberg. "Die Christen haben Angst und fragen sich: Können wir unsere Gottesdienste überhaupt feiern - und wenn ja, wo?" Man frage sich, ob Sicherheitskräfte kommen und Gemeindemitglieder verhaftet oder unter Hausarrest gestellt werden.

Regierung fürchtet Massenversammlungen

Frau am Altar vor einem Kreuz (Foto: DW)

Trotz der Festnahmen will die Shouwang-Kirche Ostern feiern

Obwohl laut chinesischer Verfassung im Land die Religionsfreiheit gilt, müssen sich religiöse Vereinigungen registrieren lassen und unter die Kontrolle des Staates begeben. Etwa 15 Millionen Menschen gehören den registrierten protestantischen Gemeinden an, fünf Millionen der registrierten katholischen Kirche. Aber die Mehrzahl der chinesischen Christen – Schätzungen gehen von über 50 Millionen Gläubigen aus - treffen sich in unregistrierten Untergrundkirchen. Diese Gemeinden verweigern sich der staatlichen Kontrolle. Genau in ihnen sieht die chinesische Regierung eine Bedrohung, sagt Anthony Lam, Forscher am katholischen Holy Spirit Study Center in Hongkong. "Sie fürchten sich vor organisierten Vereinigungen. Die katholische Kirche und auch die protestantische Kirche sind sehr gut organisiert. Die Regierung hat generell Angst vor Massenversammlungen, egal ob sie religiös oder nicht religiös sind."

Trotz der Festnahmen vor zwei Wochen will die Shouwang-Kirche in Peking Ostern im Freien feiern. Im Internet warnte die Gemeinde davor, dass die Polizei wahrscheinlich die Teilnehmer des Gottesdienstes festnehmen würde. Sie rief die Gläubigen jedoch dazu auf, die Drohungen der Regierung zu ignorieren und für ihren Glauben einzutreten.

Autor: Christoph Ricking
Redaktion: Esther Felden