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Erster Weltkrieg

Vertraute Feinde: Deutschland und Frankreich

1914 zogen Deutsche und Franzosen als "Erbfeinde" in den Krieg. Seit Jahrhunderten war das deutsch-französische Verhältnis von einer Art Hassliebe geprägt. Davon erzählen etliche Gedichte, Propagandakarten und Lieder.

Hoch zu Ross zieht Wilhelm II. in den Krieg. Direkt hinter dem Monarchen folgt seine wackere Armee - in Reih und Glied, das Gewehr geschultert. Doch einen stolzen Anblick bietet der deutsche Kaiser mitsamt seinem Heer auf dieser französischen Propagandapostkarte, die bald zu Beginn des Ersten Weltkriegs verbreitet wurde, keineswegs. Wilhelm sitzt auf einem Spielzeugpferd, der Pferderücken ist eine Art Badewanne. Statt der üblichen deutschen Pickelhaube trägt der Monarch ausgerechnet einen Nachttopf. Seine Armee zieht der Kaiser derweil an einer Leine hinter sich her - lauter kleine Zinnsoldaten, vorgeblich typisch deutsch in Reih und Glied marschierend. Ziel des Spotts ist der sogenannte deutsche Militarismus, der in Frankreich für Belustigung wie Furcht sorgte. Die Nachbarn östlich des Rheins waren bei den Franzosen gefürchtet wegen ihrer militärischen Stärke - die Verhöhnung des deutschen Kaisers als Kommandanten von Spielzeugsoldaten sollte daher den eigenen Soldaten Mut machen.

Deutsch-Französische Kriege

Die Geschichte der gegenseitigen Verunglimpfungen von Deutschen und Franzosen ist lang, ebenso wie ihre fortwährend beschworene Feindschaft, und sie beginnt weit vor 1914. Während zu Beginn des Ersten Weltkriegs deutsche Soldaten in Frankreich einmarschierten, war es etwas mehr als 100 Jahre zuvor umgekehrt gewesen. Der französische

Kaiser Napoleon Bonaparte

drängte weit über Rhein und Main nach Preußen. Französische Truppen marschierten gar in Berlin ein.

Das ist des Deutschen Vaterland / Wo Zorn vertilgt den welschen Tand / Wo jeder Franzmann heißet Feind / Wo jeder Deutsche heißet Freund", dichtete dagegen der Schriftsteller

Ernst Moritz Arndt

in seinem Lied "Des Deutschen Vaterland". 1813 hatte er es geschrieben, gleich nach der Völkerschlacht bei Leipzig, die Napoleons Vorherrschaft in Deutschland beendete.

Kaiserproklamation von A.v.Werner 1885 Ausschnitt

Im Spiegelsaal von Versailles riefen die deutschen Fürsten 1871 das deutsche Kaiserreich aus

Doch bereits 1870 zogen die beiden benachbarten Nationen erneut in den Kampf: Frankreich erklärte Preußen und seinen Verbündeten den Krieg. Zuvor hatte der preußische Ministerpräsident

Otto von Bismarck

den Inhalt eines Gesprächs zwischen dem französischen Botschafter und König Wilhelm I. von Preußen bewusst zugespitzt und veröffentlicht – und so zum Kriegsausbruch mit beigetragen.

Nach dem deutschen Sieg folgte eine erneute – und aus Sicht der Franzosen maßlose – Provokation. Ausgerechnet im Spiegelsaal des Schlosses Versailles gründeten die Deutschen 1871 ihr neues

Kaiserreich

. Verbittert mussten die Franzosen zudem die Annexion der beiden linksrheinischen Regionen Elsass und Lothringen hinnehmen. In der Folge schaffte es der Name Bismarcks sogar in den französischen Sprachgebrauch: Das Verb "bismarquer" bedeutet "überlisten" oder "sich hinterhältig aneignen".

Die "Erbfeindschaft"

Germania Wacht am Rhein

Die Personifikation Deutschlands, Germania, hält die "Wacht am Rhein" gegen Frankreich

Das Wort "Erbfeindschaft" wurde nun immer häufiger benutzt, um die deutsch-französischen Beziehungen zu beschreiben. Dabei existierten für die Franzosen "zwei Deutschlands", das gute geistige Deutschland mit Dichterfürsten wie Schiller oder Goethe, und das militaristische, aggressive Deutschland, das in den Augen der Franzosen vor allem Preußen verkörperte. Die Deutschen wiederum misstrauten, trotz ihrer Bewunderung der französischen Kultur, den Franzosen zutiefst und befürchteten, dass Frankreich Revanche nehmen wolle für die Niederlage von 1871. Und doch verbesserten sich die Beziehungen beider Länder. Seit 1901 wurde Französisch gar als erste moderne Fremdsprache an deutschen Schulen unterrichtet.

1914 war es dann mit jeglicher Aussöhnung erst einmal wieder vorbei - Deutschland erklärte Frankreich am 3. August 1914 den Krieg, bald rückten deutsche Truppen vor. Nach der Erfahrung des überlegenen Sieges von 1871 schätzten die deutschen Militärs ihre französischen Gegner als schwach, ungeordnet, schlecht ausgerüstet – und ja, auch feige ein, zumindest wenn man der deutschen Propaganda folgt. Die Franzosen hingegen erinnerten sich an die Verheerungen des Deutsch-Französischen Krieges. Und sahen sich bald in ihrer Meinung bestätigt.

Deutsche Barbaren?

"Mit regelrechtem Vergnügen, mit der Raffinesse von grausamen und mitleidlosen Wilden vollenden die Soldaten des Kaisers das Werk der Zerstörung, so wie es ihnen von ihren Kriegsherren befohlen wurde", schrieb die Zeitung "Le Miroir" im September 1914. Immer wieder zeigten Zeitungen und Propagandapostkarten durch Deutsche zerstörte Kirchen, Bibliotheken und andere Kulturgüter. Die Propagandabotschaft war klar: Die Deutschen und ihre Soldaten sind unzivilisierte und kulturlose Barbaren, wild und gewalttätig. Auch Abbildungen von deutschen Soldaten, die Zivilisten hinrichteten, kursierten.

Bismarck Karikatur Das schwarze Gespenst

Die Satirezeitschrift Kladderadatsch brachte es auf den Punkt: Deutsche und Franzosen malten sich gern in den schwärzesten Farben. Hier der preußische Ministerpräsident Otto von Bismarck und der französische Kaiser Napoleon III.

Ein deutscher Journalist schrieb 1914 indes, dass sich die Deutschen nur vor der "Raub- und Blutgier" der Franzosen schützen könnten, "wenn wir ihnen den Kitzel des Chauvinismus und des nationalen Dünkels gründlich austreiben". Tatsächlich kämpften die beiden Nachbarn Deutschland und Frankreich vier bittere Jahre lang gegeneinander und traten bereits 1939 in einen erneuten Weltkrieg gegeneinander an. Erst 1963, mit Unterzeichnung des

Elysee-Vertrags

, endete die jahrhundertealte "Erbfeindschaft". Aus vertrauten Feinden wurden endlich Freunde.

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