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Politik & Gesellschaft

Vertraute der Kanzlerin wird Diplomatin beim Papst

Wer Deutschland beim Oberhaupt der katholischen Kirche vertritt, erfüllt eine spezielle Mission. Künftig macht das - was neu ist - eine Politikerin: Annette Schavan.

Wohnortwechsel, Berufswechsel, Perspektivwechsel. Annette Schavan muss sich auf Veränderungen einstellen. Am 25. Juni verabschiedete sie sich mit einer letzten Rede aus dem Deutschen Bundestag und mit einer Abschiedsfeier in Berlin von politischen Weggefährten. Nun reist sie nach Rom. Schavan, die katholische Theologie studiert hat, war von 1995 bis 2005 Kultusministerin in Baden-Württemberg und von 2005 bis 2013 Bundesministerin für Bildung und Forschung. Sie wechselt vom lauten, öffentlichen Geschäft der Politik in den zumeist von einer Aura des Geheimnisvollen umgebenen, eher leisen diplomatischen Dienst.

Wäre es nach ihr gegangen, so hätte sie vermutlich ihre politische Karriere fortgesetzt. Immerhin konnte sie einiges an Erfolgen vorweisen. So hatte sie 2013 die Errichtung islamischer Lehrstühle an deutschen Universitäten durchgesetzt. Als enge Vertraute von Bundeskanzlerin Angela Merkel und anerkannte Größe ihrer Partei, der CDU, wären da vielleicht noch einige Sprossen auf der Karriereleiter möglich gewesen.

Doch auf Plagiatsvorwürfe zu ihrer Promotionsarbeit folgte die Aberkennung ihres Doktorgrads - und damit ihres Studienabschlusses - durch die Universität Düsseldorf. Danach war an ein Fortkommen in der Politik kaum noch zu denken. Als Option erwies sich der Job der Diplomatin.

Bundeskanzlerin Angela Merkel und Annette Schavan (links) bei deren Rücktrittserklärung am 9. Februar 2013 (Foto: REUTERS/Tobias Schwarz)

Weiterhin den deutschen Farben verpflichtet - Bundeskanzlerin Angela Merkel und Annette Schavan (links) bei deren Rücktrittserklärung am 9. Februar 2013

Ein besonderer Posten

Am 7. Mai dieses Jahres wurde Schavans Entsendung bestätigt. "Botschafterin beim Heiligen Stuhl", so heißt ihr neuer Arbeitsplatz offiziell. Die engagierte Katholikin Annette Schavan wird also keineswegs Vatikanbotschafterin, wie es häufig heißt. Es ist eine Besonderheit, dass es sich nicht um Beziehungen zum Vatikanstaat handelt, die da gepflegt werden, sondern zum Heiligen Stuhl als Oberhaupt der katholischen Weltkirche. Da der Heilige Stuhl die Interessen der gesamten römisch-katholischen Kirche vertritt, ist er eine sogenannte "nichtstaatliche souveräne Macht". Die Verwaltung des Heiligen Stuhls ist die römische Kurie.

Der Posten des deutschen Botschafters dort ist einer der höchstdotierten im diplomatischen Dienst. Von der Praxis, dass in der Regel keine früheren Politiker zu Botschaftern ernannt werden, wird in diesem Fall abgewichen. Pater Eberhard von Gemmingen, von 1982 bis 2009 Leiter der deutschsprachigen Redaktion von Radio Vatikan, begrüßt die Berufung Annette Schavans. "Sie ist sehr qualifiziert dafür. Sie gehört zu jenen, die die Kirche liebt, aber auch die Politik und den Staat." Einerseits dem eigenen Staat und damit dem Volk zu dienen, aber andererseits auch der Kirche und dafür zu sorgen, dass da ein gutes Verhältnis entstehe, sei ideal.

Die Deutsche Botschaft beim Heiligen Stuhl in Rom (Foto: picture-alliance/dpa)

Der künftige Arbeitsplatz in Rom

Eberhard von Gemmingen kennt die künftige Botschafterin schon lange. Als der Deutsche Bundestag Ende der 1990er Jahr die Schwangerschaftskonfliktberatung gesetzlich geregelt habe, sei das beim damaligen Papst Johannes Paul II. und Kardinal Ratzinger, seinerzeit Präfekt der Glaubenskongregation, auf Ablehnung gestoßen. Damals seien Erwin Teufel, Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg und seine Kultusministerin Annette Schavan zu Gesprächen in der Botschaft beim Heiligen Stuhl gewesen. "Beide haben versucht, Kardinal Ratzinger davon zu überzeugen, dass die Beratungslösung gut ist. Das war ein gutes Beispiel für die Zusammenarbeit von Kirche und Staat in einer ethischen Frage, wo man miteinander ringt."

Botschafterin für alle

Annette Schavan legt unterdessen Wert darauf, zu betonen, kirchliche Fragen nicht in den Mittelpunkt ihrer künftigen Arbeit stellen. "Wenn ich das wollte, würde ich mich um die Präsidentschaft beim Zentralkomitee der deutschen Katholiken bewerben", sagte die 59-Jährige einer großen deutschen Wochenzeitung. Sie komme "aus dem Land der Reformation" nach Rom und vertrete die gesamte Nation. Deutschland sei vom Christentum geprägt worden. Mittlerweise aber seien dort auch andere Religionen wie etwa der Islam "zu bedeutenden Kräften" gewachsen.

Pater Eberhard von Gemmingen Radio Vatikan (Foto: Karlheinz Schindler)

Eberhard von Gemmingen

Ihre katholische Expertise wird ihr bei der Diplomaten-Tätigkeit wohl kaum im Wege stehen. Dass die letzten vier deutschen Botschafter beim Heiligen Stuhl allesamt evangelisch waren, spiele keine Rolle, so Pater Eberhard von Gemmingen im DW-Interview. Grundsätzlich sei wichtig, dass sich der Botschafter "reinhänge", dass er wirklich mitmischen und seinen möglichen Einfluss geltend machen will. "Der Regierungschef in Berlin kann seinem Botschafter sagen, bitte, betreiben Sie dieses und jenes. Aber das meiste wird wohl von der Initiative des Botschafters selber abhängen." Man müsse auch deutsche theologische, kirchliche Postionen immer wieder erklären. "Das kann ein Botschafter", so der Vatikan-Kenner. Es sei wichtig, mit möglichst vielen Kardinälen der verschiedenen Räte und Ämter im Gespräch zu bleiben.

Dienstbeginn offen

Wann die Unions-Politikerin Annette Schavan ihren Dienst als Botschafterin beim Heiligen Stuhl antreten wird, ist indes noch offen. Fest steht nur, dass die Amtszeit ihres Vorgängers Reinhard Schweppe am 30. Juni endet. Zuerst muss sie Papst Franziskus ihr Beglaubigungsschreiben überreichen, das dieser wiederum bestätigen muss. An sich nur ein formaler Akt, aber in Rom beginnt mit dem Hochfest Peter und Paul (29.06.) die Sommerpause, die bis in den August reicht. Nicht nur in der Bundespolitik, auch im Vatikan mahlen dann gewisse Mühlen langsamer. Und bis sie wieder mit der gewohnten Umdrehungszahl laufen, bleibt Annette Schavan die designierte Botschafterin am Heiligen Stuhl.