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Deutschland

Vertrauen statt Feindschaft

Der Bundestag hat am Montag (28.01.) der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 57 Jahren gedacht. Einer der Sprecher war der frühere polnische Außenminister Bronislaw Geremek.

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Gedenkstunde im Bundestag

Es sei für ihn eine Auszeichnung und eine Prüfung zugleich, im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu sprechen, sagte der frühere polnische Außenminister Bronislaw Geremek in seiner Rede im Bundestag. Geremeks Vater, ein Rabbiner, war in Auschwitz ermordet worden - in jenem Konzentrationslager, das am 27. Januar 1945 von sowjetischen Truppen befreit wurde. 1996 hatte der damalige Bundespräsident Roman Herzog den 27. Januar zum Gedenktag für die Opfer des Holocaust erklärt, der Bundestag hielt allerdings erst an diesem Montag (28.1.) seine offizielle Gedenkstunde ab. Zum Auftakt erinnerte Bundestagspräsident Wolfgang Thierse an die Millionen Opfer des Nationalsozialismus:

"Die bittere Erkenntnis, wozu Menschen fähig sind, muss uns bis heute irritieren und beunruhigen. Wie konnte es geschehen, daß jeder Maßstab für Recht und Unrecht verloren ging und die Fundamente eines zivilisierten Kulturstaates untergraben wurden? Warum haben so viele dazu geschwiegen, warum haben nur so wenige gewagt, die Würde des Nächsten und sein Recht auf Leben zu verteidigen?"

Vertrauen statt Feindschaft

Auch Hauptredner Geremek mahnte, die Schrecken jener Zeit nicht zu vergessen. Dazu verpflichte auch das gewachsene Vertrauen zwischen Deutschen und Polen, das die Feindschaft früherer Tage abgelöst habe.

"Das neue Verhältnis wäre jedoch nicht von Dauer, wenn es auf Vergessen, auf einer verordneten kollektiven Ausklammerung des Gedächtnisses beruhte. Voraussetzung für dauerhafte politische Beziehungen ist ja die Wahrheit, und sie verlangt fortwährende Erinnerung, verlangt Gedächtnisarbeit."

In seine Rede vor dem Bundestag ließ Geremek, Jahrgang 1932, seine persönlichen Erinnerungen an den Krieg einfließen: Er erzählte von der Zerstörung seiner Heimatstadt Warschau durch deutsche Truppen, erinnerte an die Vernichtungslager, in denen die Warschauer Juden ermordet wurden.

Bei Unrecht nicht wegsehen

"Ich finde keines der Häuser meiner Kindheit wieder, keinen der Orte, wo ich gewohnt und wo meine Angehörigen gewohnt haben. Diese Orte gibt es nicht, es gibt keine Spur, welche bezeugt, daß diese Menschen existierten - manchmal bleibt uns nur die trockene Zeugenaussage der Statistik."

Die Erinnerung an die Vergangenheit sei aber nicht gleichzusetzen mit einer kollektiven Schuldzuweisung, sagte Geremek, der als Historiker in Polen, Frankreich und den USA gearbeitet hat. Die Lehre aus der Geschichte sei: Die Weltgemeinschaft dürfe nicht wegsehen, wenn Unrecht geschehe. Der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus sei deshalb so wichtig - und diesen Satz sagte Geremek in deutsch und in polnisch - weil Deutschland an diesem Tag bei Europa sei und Europa bei Deutschland.