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Wagner 200

"Verstummte Stimmen" in Bayreuth

Die Ausstellung "Verstummte Stimmen" in Bayreuth arbeitet ein dunkles Kapitel Geschichte auf. Die Wagner-Festspiele wurden zunehmend als Mittel deutschnational-antisemitischer Propaganda eingesetzt.

Der Putz bröckelt an manchen Teilen des Bayreuther Festspielhauses von der Fassade. Im Park, direkt unterhalb des Gebäudes, das jetzt immer wieder von Neugierigen umlagert wird, befinden sich Rabatten mit bunt leuchtenden Blumen. Geschmackvoll geschnittene Hecken winden sich um den frisch gemähten Rasen. Der Wind bläst immer wieder kräftig durch die Blätter der umstehenden Bäume. Ein paar Besucher schlendern durch die gepflegten Anlagen. Es ist also fast wie immer im Sommer auf dem Grünen Hügel. Und doch ist diesmal etwas anders. Denn in unmittelbarer Nachbarschaft der hohläugigen Bronze-Büste von Richard Wagner, die NS-Vorzeigekünstler Arno Breker im Park auf einen hohen Sockel gestellt hat, stehen seit kurzem rund 40 graue Tafeln.

Porträt Franz Allers.

Franz Allers gehörte zu den ersten Juden, die vom Wuppertaler Theater vertrieben wurden.

Ein wenig erinnern sie aus der Ferne an moderne Grabplatten. Und so ganz falsch ist dieser erste Eindruck nicht. Denn auf ihnen sind Schwarzweißfotos und Texte abgedruckt: Kurzbiografien von Musikern, die längst verstorben sind, einst bei den Bayreuther Festspielen mitwirkten und wegen ihrer jüdischen Herkunft verfemt wurden. Im Dritten Reich fielen dann nicht - wie bisher etwas verniedlichend verbreitet wurde - lediglich zwei Mitglieder des Festspielorchesters dem Nazi-Wahnsinn zum Opfer, sondern - wie neueste Forschungen belegen - tragischerweise sogar 12 Musiker: abtransportiert in Ghettos, umgebracht in Konzentrations- und Vernichtungslagern. Doch schon lange vor Hitlers Machtübernahme, so dokumentiert diese Open-Air-Schau, sind Mitglieder des Wagner-Clans als bekennende Antisemiten unterwegs gewesen und haben dem braunen Spuk gewissermaßen den Boden geebnet, zum Beispiel im Kaiserreich.

Heikles Thema für den Wagner-Clan

"Verstummte Stimmen. Die Bayreuther Festspiele und die 'Juden' 1876 bis 1945" lautet der Titel der Ausstellung, die ungeschminkt über aktuelle Erkenntnisse zu dieser Problematik informiert. Klar, dass die Präsentation mit Blick auf die diesjährigen Wagner-Festspiele eine gewisse Brisanz besitzt. Natürlich auch vor dem Hintergrund des aktuellen Rausschmisses des Sängers Evgeny Nikitin wegen eines verwischten Hakenkreuz-Tattoos auf seiner Brust.

Porträt Herman Horner

Der Bariton Herman Horner. 1928 trat er in Bayreuth als Titurel auf. 1942 wurde er in ein KZ verschleppt und fand dort den Tod.

Noch bis zum 14. Oktober ist die Ausstellung auf dem Grünen Hügel der Wagner-Stadt und - in einem ergänzenden Teil - im Neuen Rathaus zu sehen: mit Zustimmung der beiden Intendantinnen. Die Präsentation widmet sich ausgehend von den Anfängen der Festspiele auch der sogenannten "Säuberung" deutscher Opernhäuser von jüdischen Ensemblemitgliedern während der Nazizeit. Ein besonderer Schwerpunkt liegt aber auf Bayreuth. Für die Historiker, die sich auf Zeitungen und historisches Quellenmaterial stützten (allerdings nicht alle Archive im Rahmen ihrer Tätigkeit sichten konnten), ist das Ganze ein Signal einer vorsichtigen Annäherung an ein besonders für den Wagner-Clan heikles Thema.

"Stichwortgeber" Richard Wagner

"Richard Wagner hat natürlich mit seinem Pamphlet 'Das Judentum in der Musik' und den antisemitischen Schriften vor allem in den letzten Jahren seines Lebens einen festen ideologischen Rahmen für alle seine Nachfolger gesetzt", sagt Hannes Heer, der die Geschichtsschau kuratiert hat. "Er ist wirklich radikal antisemitisch. Sein Konzept war, die Juden auszuweisen aus Deutschland – 1879!“ Der jüdische Dirigent Hermann Levi war bei Wagner geduldet, obwohl der die "jüdische Race" - wie er sagte - "für den geborenen Feind der reinen Menschheit und alles Edlen" hielt. 1882, allerdings auf Drängen von Ludwig II., konnte Levi sogar die Uraufführung des "Parsifal" leiten. "Er hat ihn gequält. Er hat ihn gedemütigt. Dann hat er ihn wieder hergeholt, denn er war natürlich auch fasziniert von seiner Dirigentenkapazität". Immerhin: "Psychoterror" habe der Komponist gegenüber Levi nicht ausgeübt.

Bei Wagners Ehefrau Cosima freilich ist das anders. Sie betreibt gewissermaßen eine "Politik der Apartheid", meint Heer. Als sie nach dem Ableben Wagners auf dem Grünen Hügel das Ruder übernimmt, drangsaliert sie Levi und gerne auch andere Juden auf übelste Weise. Systematisch streicht sie jüdische Musiker von der Besetzungsliste.

Als der Grüne Hügel braun war

Porträt Bella Alten

Die Sopranistin Bella Alten, eine der "verstummten Stimmen".

Im Neuen Bayreuther Rathaus, wo ein zweiter Teil der Präsentation das Schicksal von 44 verfolgten Stars der deutschen Opernszene dokumentiert, sind auch einige der "verstummten Stimmen" wieder zu hören, die der Ausstellung den Titel gegeben haben.. Darunter auch der jüdische Bariton Friedrich Schorr. Cosimas Sohn Siegfried, der ihren antisemitischen Kurs in Bayreuth fortsetzte, hatte Schorr als Wotan allein deshalb besetzt, um wachsender Kritik, Bayreuth sei zu einer deutsch-nationalen Weihestätte mit judenfeindlichem Touch verkommen, den Wind aus den Segeln zu nehmen. Viele renommierte Zeitungen hatten sich nach einer deutschnationalen Feier mit antisemitischen Hetztiraden darüber mokiert, dass Bayreuth für eine Parteiveranstaltung missbraucht worden sei.

Anschaulich dokumentiert die zweiteilige Ausstellung, dass Festspieldirigenten und Mitglieder der Wagner-Familie - wie etwa Wagners Schwiegertochter Winifred, die bis 1944 die Festspiele leitete – schon früh mit nationalsozialistischem Gedankengut sympathisierten: eine beinahe ungebrochene Tradition also, die von den antijüdischen Ressentiments eines Richard Wagner bis zur Judenvernichtung in Hitlers Konzentrationslagern reicht.

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