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Kultur

„Verstehen wir uns?“

Von Pastorin Claudia Aue, Kiel

Claudia Aue, Radiopastorin Kiel

Claudia Aue, Radiopastorin Kiel

Pfingsten ist nicht vorbei: der Traum bleibt: alle Menschen verstehen sich und handeln in einem Geist. Wenn sie zu zweit oder zu dritt sind – oder, wenn es um ganze Kirchen geht. Vor zwei Wochen haben die evangelischen Kirchen Mecklenburg, Pommern und Nordelbien (aus Hamburg und Schleswig-Holstein) sich zu einer großen evangelischen Kirche im Norden zusammengeschlossen. Sie müssen und wollen sich fortan verstehen, miteinander klar und deutlich reden – auch, wenn die Vergangenheiten unterschiedlicher nicht sein könnten. Und sich mancher Plattdeutsche in Dithmarschen kaum mit dem pommerschen Kollegen verstehen kann, zumindest nicht auf Platt. Auf jeden Fall bleibt in der Unterschiedlichkeit nur eines: klar und ehrlich mit einander zu reden und auf Augenhöhe miteinander zu diskutieren.

Am Pfingstsonntag konnte ich das bei der großen Ratzeburger Mahlzeit erleben. Mecklenburger, Hamburger, Schleswig-Holsteiner und auch ein Pommer saßen an meinem Tisch – an einem der vielen festlich gedeckten Tafeln auf dem Hügel vor dem Ratzeburger Dom. 5000 Menschen hatten an ihnen - ganz zufällig zusammengewürfelt - Platz genommen. Bei uns wurde Angeliter Platt gesprochen und hamburgische Höflichkeit geübt – zwei Landwirte saßen neben einer Staatssekretärin und keiner hielt hinter dem Berg mit seinen Ideen zur Nordkirche. Was vorher noch so abstrakt war, schien plötzlich zum Greifen nahe: neue Glaubensgeschwister, neue Ideen und die gleichen christlichen Wurzeln trotz der unterschiedlichen Vergangenheiten.

Eine ostdeutsche Pastorin erzählte mir mal, dass die ostdeutschen Christen in der Wendezeit die Geschichte der Israeliten auf dem Weg aus Ägypten begleitet hat. Sie schilderte diese Zeit:„Hinter sich Ägypten, das Alte, die Unfreiheit. Sie sind im Niemandsland - im Zwischenraum. Auch wir standen zwischen den Zeiten. So habe ich es damals empfunden. Aber auf diesem Weg ging Gott uns voran. Tag und Nacht – jederzeit. Es gab und gibt keinen gottlosen Zeitpunkt auf diesem Weg, auf den Gott uns gebracht hat.“Als westdeutsche Christin habe ich solche Erfahrungen nicht gemacht und kann nur zuhören: dieser gemeinsamen Geschichte aus unserer Tradition mit ganz neuer Bedeutung. Und erinnert werde ich auch an die ersten Christen.

Sie konnten nur relativ unauffällig in feindlicher Umgebung überleben. In vielen biblischen Schriften, lesen wir davon, dass sie nüchtern und wachsam sein sollen. Schließlich leben diese Gemeinden oft in der Fremde – und es müssen die getröstet werden, die um der Gerechtigkeit willen leiden. Für die ersten Gemeinden hieß dies immer: auch, wenn sie sich unauffällig verhalten mussten, zu ihrem Glauben zu stehen und bereit zu sein, für die eigene Haltung Nachteile in Kauf zu nehmen. Sie versuchen, untereinander und der übrigen Gesellschaft gegenüber nicht mit der Hoffnung hinter dem Berg zu halten, von der sie überzeugt sind.

So haben viele erste Christen sich vielleicht bemüht, unauffällig zu leben, aber nicht mechanisch oder duckmäuserig. Dass das nicht immer leicht ist – Klartext zu reden, auch, wenn es Nachteile bringen kann, kann ich von meinem neuen Landeskirchengeschwistern lernen. Seit zwei Wochen zwar erst gehören wir evangelische Christen aus Mecklenburg, Pommern und Nordelbien zu einer Landeskirche. Und aus den alten Bundesländern kommend, kann ich wohl immer nur erahnen, was es heißt, Christ in der ehemaligen DDR gewesen zu sein.

Eine Kollegin aus Rerik beschreibt es in einer Radioandacht so: In der Zeit der DDR haben sich Worte bei mir eingenistet wie: „Klassenfeind, Zuführung, Kampfgruppen, Schutz gegen konterrevolutionäre Aktionen … Staatssicherheit“. Viele mussten erfahren, was hinter diesen Worten steckt. Ich gehörte als Theologiestudentin zur Evangelischen Studentengemeinde. Mit ihr hatten wir regelmäßig Kontakt mit dem so genannten „Klassenfeind“ aus dem Westen. Wir trafen uns mit Studenten aus Freiburg in Berlin oder Rostock. In unserer gemeinsamen Arbeit mit der Bibel sammelten wir Worte und Geschichten, die uns berührten und erlösten von den Parolen und der Anpassung um jeden Preis. (Karen Siegert, Pastorin in Rerik)

Wenn wir uns jetzt, in der neuen evangelischen Kirche im Norden, verstehen wollen, können wir uns nur das zu Herzen nehmen. Klare Worte miteinander zu sprechen, nicht mit unserer Meinung hinter dem Berg zu halten, nach den Geschichten unserer Tradition zu suchen, die uns gemeinsam berühren und betreffen – und in einem christlichen Geist gemeinsam aufzubrechen.

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