1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Nahost

Verstaatlichung des Suez-Kanals hat sich für Ägypten gelohnt

Vor 50 Jahren ging der Suez-Kanal, wichtigste Transportachse für Erdöl aus dem Mittleren Osten nach Europa, von einer internationalen AG in den Besitz Ägyptens über. Ein Affront gegenüber den Briten mit Folgen bis heute.

default

UN-Truppen in der Kanalzone nach dem Ende der Suez-Krise im Dezember 1956

Ein leichter Wind geht über den Mohammed-Ali-Platz in Kairo, als Staatspräsident Gamal Abd el Nasser am frühen Abend des 26. Juli 1956 an das Rednerpult tritt. Erst unterhält er die Menge in launigem Tonfall mit Beispielen der ägyptischen Überlegenheit und der Hilflosigkeit anderer Staaten. Dann verkündet er einen radikalen politischen Schritt: "Genau jetzt übernehmen wir die Suezkanal-Gesellschaft, um zu neuer Größe zu gelangen für unsere Ehre und Würde."

Die Verstaatlichung des rund 160 Kilometer langen Kanals zwischen dem Roten Meer und dem Mittelmeer - damit hat niemand gerechnet. Nicht die Ägypter auf dem Platz und nicht die ausländischen Beobachter.

Ab sofort ägyptisches Eigentum

Nassers Ankündigung ist bereits Wirklichkeit geworden. Denn noch während der Rede haben ägyptische Streitkräfte alle Niederlassungen der internationalen Aktiengesellschaft des Suez-Kanals besetzt. Der 1869 eröffnete Kanal und damit auch die großen Einnahmen aus dem Schiffsverkehr gehören jetzt nicht mehr Großbritannien, Frankreich und den anderen, an der Gesellschaft beteiligten Aktionären. Sondern sie sind ab sofort ägyptisches Eigentum.

Schiff auf dem Suez Kanal

Ein Frachter schippert heute friedlich durch den Suez-Kanal

Ein entscheidender Moment, 34 Jahre nachdem das Land offiziell die Unabhängigkeit von Großbritannien erlangt hat, sagt Sonja Hegasy vom "Zentrum Moderner Orient" in Berlin. "Es war sicherlich der letzte Schritt zur endgültigen Entkolonialisierung Ägyptens. Es war zwar schon vorher das Ende der britischen Truppenpräsenz im Suez-Kanal beschlossen und auch vertraglich geregelt worden, aber es gab doch immer noch Möglichkeiten für die Briten zu sagen: 'Wenn es dort zu Unruhen in Ägypten kommt, dann haben wir das Recht, dort einzuschreiten und wieder Truppen dort zu installieren', und im Prinzip, war die Verstaatlichung der letzte Schritt, sich von der Fremdherrschaft zu befreien."

Geschäfte mit den östlichen Gegnern im Kalten Krieg

Nasser will aber nicht nur die politische Unabhängigkeit seines Landes stärken. Er will auch die Versorgung der ständig wachsenden Bevölkerung sichern. Dazu sollte ein Staudamm in der Gegend von Assuan am Nil gebaut werden - ein riesiges Projekt, das zunächst Großbritannien, die Weltbank und die USA finanzieren wollen. Das ändert sich jedoch, als man im Westen erfährt, dass Nasser auch mit den östlichen Gegnern im Kalten Krieg Geschäfte macht. Er hatte sowjetische Waffen von der Tschechoslowakei gekauft.

Von der Verstaatlichung des Suez-Kanals erhofft sich Nasser doppelten Nutzen: mehr Geld und mehr politische Freiheit. Das gefällt der ehemaligen Kolonialmacht Großbritannien nicht. Der britische Außenminister Eden wittert kühne, diktatorische Ambitionen bei Nasser.

Heimlicher militärischer Gegenschlag

Zwei Wochen nach Nassers Rede in Kairo ist die Krise nicht mehr aufzuhalten: Großbritannien plant gemeinsam mit Frankreich und Israel, das angesichts der gespannten Beziehungen zu Ägypten um seinen Zugang zum Kanal bangt, heimlich einen militärischen Gegenschlag. Daran ändert auch Nassers Ankündigung, den an der Suez-Kanal-Gesellschaft beteiligten Aktionären Entschädigungen in Millionenhöhe zu zahlen, nichts mehr.

Am 29. Oktober greift Israel Ägypten an. Großbritannien und Frankreich geben sich als Vermittler aus und stellen ein Ultimatum für israelisch-ägyptische Verhandlungen. Als Nasser das zurückweist, wird Ägypten auch von Engländern und Franzosen aus der Luft angegriffen. Doch der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen greift ein: Am Ende des Jahres kann eine große militärische Eskalation abgewendet werden, vor allem indem UN-Truppen bis zum Frühjahr 1957 als Puffer fungieren - das ist faktisch der erste Blauhelm-Einsatz der Geschichte.

Eine der drei wichtigsten Devisen-Quellen Obwohl Nasser militärisch betrachtet eindeutig unterlegen war, geht er gestärkt aus der Krise hervor. Er hat seinem Land Macht und Selbstvertrauen gegeben. Seine Rechnung sei aufgegangen, meint Hegasy: "Für die Ägypter ist auf jeden Fall aufgegangen: Der Assuan-Staudamm wurde gebaut, die Aktionäre des Suez-Kanals mussten zwar abgefunden werden, aber im Großen und Ganzen ist es ja auch bis heute eine der drei wichtigsten Devisen-Quellen für Ägypten."