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"VersSchmuggel mit Südasien": Lyrik kann mehr als Kunst

Das Projekt ist einzigartig: Über ein Jahr hinweg arbeiteten südasiatische und deutsche Dichter zusammen. Sie schufen 280 Übersetzungen. Und ein neues Verständnis für die Themen und Traditionen Südasiens.

Poets Translating Poets - VersSchmuggel mit Sharif Jackson und seinem Übersetzer und Hendrik Jackson © gezett

Poets Translating Poets - Sajjad Sharif mit seinem Übersetzer Hendrik Jackson

"Es war eine exzellente Erfahrung", erzählt der indische Dichter Rajendra Bhandari. "So viel geht bei der Übersetzung von Gedichten verloren. Aber diesmal haben wir sehr viel mehr gewonnen: Wir sind durch diesen Prozess, durch den Austausch mit einem Dichter aus einer anderen Sprache, über unsere eigene Sprache hinausgegangen." Der Prozess, von dem Bhandari spricht, ist ein von der Berliner Literaturwerkstatt seit 2002 etabliertes Verfahren: VersSchmuggel, Poets Translating Poets, kurz PTP - unter diesem Titel bringt das Projekt Dichter und Dichterinnen aus einer fremden Region der Welt mit deutschen Poeten zusammen.

Mit Hilfe von sprachkundigen Mittlern übersetzen sie gemeinsam wechselseitig Gedichte in die eigene Sprache: aus dem Deutschen ins Französische, Russische oder Hebräische und umgekehrt. Die Ergebnisse lassen sich in dreizehn Bänden nachlesen, die der Wunderhorn Verlag über die Jahre publiziert hat. Für gewöhnlich geht es dabei um den Transfer zwischen Deutsch und einer anderen Sprache, allein im Falle der Niederlande waren es zwei.

Poets Translating Poets - VersSchmuggel mit Südasien Rajendra Bhandari © gezett

Rajendra Bhandari in der Akademie der Künste Berlin

VersSchmuggel Südasien ist ein bislang beispielloses Übersetzungsprojekt: 51 Lyrikerinnen und Lyriker in zwanzig Sprachen sind daran beteiligt. Siebzehn deutschsprachige Dichter begegneten Kollegen aus Indien, Bangladesch, Pakistan und Sri Lanka, um gemeinsam die altbekannte Frage "Kann man Poesie übersetzen?" positiv zu beantworten. Der Anstoß zu diesem Projekt kam vom Leiter des Goethe-Instituts in Mumbai, Martin Wälde, einem promovierten Philosophen. Zusammen mit der Literaturwerkstatt Berlin und der Unesco hatte er es vor zwei Jahren auf den Weg gebracht.Im Rahmen des Berliner Poesiefestivals wurden die übersetzten Gedichte erstmals präsentiert.

Ja - Poesie lässt sich übersetzen

"Es ist der Wahnsinn, dass das funktionierte, da es kaum Dolmetscher zwischen diesen Sprachen und Deutsch gibt, geschweige denn, literarische Übersetzer", begeistert sich Thomas Wohlfahrt, der Leiter der Berliner Literaturwerkstatt. "Das war eine der großen Hürden, die dieses Projekt nehmen musste, um überhaupt erst einmal zu Interlinear-Übersetzungen zu kommen, die Grundlage für die Arbeit der Autoren." In neun gemeinsamen Workshops und an ganz verschiedenen Orten des indischen Subkontinents trafen sich die Dichter, um ihre Texte in die andere Sprache zu übersetzen. Wie hat die Zusammenarbeit funktioniert? Der Dichter Sajjad Sharif aus Bangladesch traf sich mit seinem Gegenüber Hendrik Jackson in Dhaka. Sie hatten drei Tage Zeit für drei Gedichte in den jeweiligen Sprachen - und die Gedichte waren kurz.

Schwierig war es trotzdem, denn es gebe, wie Sharif erklärt, einen großen Unterschied: "Wir in Bangladesch kennen die deutsche Kultur und ihren Hintergrund sehr viel besser als umgekehrt. Es gibt viele Übersetzungen in Bengali, von Rilke bis Enzensberger. Aber Übersetzungen aus dem Bengali ins Deutsche sind bisher rar." Seine Bestandsaufnahme zeigt, wie groß die Lücke ist, die das Südasien-Lyrik-Projekt jetzt zu schließen beginnt. Immerhin, es hat funktioniert: "Hendrik schlüpfte in meine Sprache und ich in seine. Es war fantastisch."

Die Lücke schließen: künstlerisch und politisch

Poets Translating Poets - Mamta Sagar © gezett

Mamta Sagar bei ihrer Performance während des Berliner Poesiefestivals

Auch wenn es von den Veranstaltern nicht herausgestellt wird, hat das multilinguale Projekt nicht nur eine bedeutende künstlerische Dimension. Es ist, indem es so viele mündliche und schriftliche Literaturtraditionen feiert und Sprachen berücksichtigt, von denen man in Deutschland oft noch nicht einmal den Namen kennt, auch hochpolitisch. In Indien übt die nationalistische Hindu-Regierung starken Druck auf die Kulturschaffenden aus, berichtet Mamta Sagar. Ziel ist eine Homogenisierung unter Hindu-Vorzeichen. Die Südinderin hat sich deshalb entschlossen, ihre Lyrik nur noch in der eigenen Sprache Kannada zu verfassen. "Man will uns vorgaukeln, dass das ganze Land eine Nation von Hindis ist. Aber unser Land ist eine multinationale, säkulare Nation. Der politische Mainstream versucht das anders darzustellen. In meinen Gedichten geht es auch um Zwischenfälle, um politische Ereignisse."

Die Dozentin und Drehbuchautorin benutzt ihre Sprache als Werkzeug, als Hebel, um gerade auch feministische Themen neu formulieren zu können: "Als Frau habe ich eine bestimmte Position, bin ich reduziert. Also versuche ich, in meinen Gedichten mit der eigentlichen Bedeutung zu experimentieren. Ich bringe Musik hinein, ich performe. Meine Gedichte sollen zeigen: Es gibt einen Raum, in dem ein schönes Leben jenseits von Religion und Kaste möglich ist. Lyrik ist mehr als Kunst." Mamta Sagar arbeitete mit drei verschiedenen deutschen Autoren zusammen, der deutsch-ungarischen Schriftstellerin Orsolya Kalász, Nicolai Kobus und Ulf Stolterfoht, die alle nicht zum ersten Mal Verse "schmuggelten". Ihre neuen Gedichtfassungen, denen es großartig gelingt, Klang und Rhythmus ins Deutsche zu retten, sind der beste Beweis für den Sinn dieser Zusammenarbeit.

"Wir sollten das viel öfter praktizieren"

Poets Translating Poets - die Autorin Daniela Danz © gezett

Daniela Danz trägt die Gedichte der pakistanischen Lyrikerin Amar Sindhu vor

Die Autorin Daniela Danz übersetzte Gedichte der pakistanischen Dichterin Amar Sindhu, die es aufgrund von Problemen mit dem Visum nicht rechtzeitig zum Poesiefestival schaffte. "Ich habe durch meinen Aufenthalt in Karachi eine Kultur und ein Land besser als auf irgendeine andere Art kennengelernt", bilanziert Danz. "Die Dichterinnen sind meistens Feministinnen, sie sind politisch engagiert, und man muss eine Menge historischen Hintergrund haben, um den Kontext der Gedichte zu verstehen." Eine Erfahrung, die sie am liebsten auch andere machen ließe, diesseits der exotischen Ferne: "Wir sollten das viel öfter praktizieren: vor allem in Schulen. Das wäre durchaus möglich. So könnten die Kinder einander viel besser kennenlernen. Sich in ein Gedicht einzufühlen, das wäre gerade für junge Leute sehr gut."

"Poesie beginnt dort, wo jemand ein Wort jenseits der Bedeutung, die im Wörterbuch steht, benutzt", erklärt Sajjad Sharif, der in seinem Arbeitsalltag als Chefredakteur der wichtigsten bengalischen Tageszeitung sehr konkret auf die Bedeutung von Worten achtet. Im poetischen Austausch haben er und fünfzig andere Lyrikerinnen und Lyriker eine neue Sprache, neue Originale geschaffen.

Die Ergebnisse ihres Austauschs präsentieren die Dichter in einer bundesweiten Lesereise noch bis 30. Oktober 2016 in zwölf deutschen Städten. Im November 2016 folgt der Südasien-Part mit einem dreitägigen Festival in Mumbai und weiteren Veranstaltungen in Chennai und Srinagar.

Pünktlich zur Veranstaltung erschienen im Draupadi-Verlag die Bände mit fast allen der insgesamt 187 Gedichte, die die Sprache gewechselt haben, ergänzt durch Essays und Fotos: "Versschmuggel mit Südasien", hg. von Martin Wälde, Band 1: 374 Seiten, Band 2: 252 Seiten

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