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Europa

"Versagen der Sicherheitsorgane"

Der fürchterliche Anschlag im Moskauer Flughafen Domodedowo wirft die Frage nach der Funktionsfähigkeit der russischen Sicherheitsorgane auf, meint Ingo Mannteufel.

Themenbild Kommentar

Den Terroranschlag auf dem Moskauer Flughafen Domodedowo hat der deutsche Außenminister Guido Westerwelle als einen barbarischen Akt bezeichnet. Vollkommen zu Recht. Für diese abscheuliche Tat gibt es keine Rechtfertigung. Unser Mitgefühl gehört den Angehörigen der Opfer.

Es ist fürchterlich, dass es immer wieder in Russland zu solchen brutalen Verbrechen kommt. Sicherlich: Es ist schwer, Terroristen frühzeitig aufzuspüren, um ihre meist in sehr kleinen Gruppen geplanten Terrorakte rechtzeitig zu verhindern. Anschläge in London, Madrid und anderswo haben gezeigt, dass es leider heutzutage keine hundertprozentige Sicherheit gibt. Dennoch stellen sich nach einem Terroranschlag zwei berechtige Fragen: Wer hat ihn begangen? Und warum konnte er nicht verhindert werden?

"Nordkaukasische Spur"

Ingo Mannteufel, Leiter der Russischen Redaktion der Deutschen Welle (Foto: DW)

Ingo Mannteufel, Leiter der Russischen Redaktion der Deutschen Welle

Die erste Frage wird in Russland reflexartig mit dem Hinweis auf den Nordkaukasus beantwortet. Auch jetzt werden hinter dem Anschlag im Flughafen Domodedowo Täter aus Tschetschenien oder dem Nordkaukasus vermutet. In dieser instabilen Region im Süden von Russland hat sich seit Jahren ein Pulverfass gebildet: Soziale Probleme, eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, ethnische Spannungen und ein von beiden Seiten brutal geführter Tschetschenien-Krieg haben eine nahezu unregierbare Lage geschaffen. In den russischen Nordkaukasus-Republiken kommt es fast täglich zu Terroranschlägen oder Schusswechseln zwischen Sicherheitskräften und islamistischen Kämpfern.

Das ist mittlerweile trauriger Alltag, den viele Russen in Moskau oder Zentralrussland gar nicht mehr wahrnehmen. Mit ihren fürchterlichen Anschlägen in der russischen Hauptstadt wollen die Terroristen sowohl Angst verbreiten als auch wieder Aufmerksamkeit für sich erzeugen. Vermutlich geht es auch um interne Rangkämpfe innerhalb der islamistischen Gruppen.

Konkrete Forderungen jedenfalls werden nicht gestellt. Daher kann auch nicht über eine politische Lösung gesprochen werden. Es gibt gegenwärtig keine sprechfähige Organisation im Nordkaukasus, mit der die russische Führung Gespräche führen könnte, selbst wenn sie wollte, wobei solche Gespräche schon allein angesichts dieser grauvollen Taten ethnisch-moralisch schwer zu vertreten wären. Abgesehen vom langfristigen und mühevollen Ziel einer Verbesserung der sozialen Situation im Nordkaukasus kann die russische Führung daher nur auf ihre Sicherheitsorgane setzen, um solche Anschläge zu verhindern.

Korruption, Laxheit, Inkompetenz

Doch tragischerweise können sich die Russen auf ihre staatlichen Stellen nicht verlassen. Nach früheren Anschlägen ist oft bekannt geworden, wie die Terroristen durch Ausnutzung korrupter Strukturen ihre Taten vorbereiten konnten. Zudem müssen Inkompetenz und eine fahrlässige Laxheit im Umgang mit den Sicherheitsvorkehrungen unterstellt werden. Es ist ja sehr bedenklich, dass gerade der Flughafen Domodedowo zu einem Anschlagsziel geworden ist. Denn dieser Flughafen ist wahrscheinlich der beste Russlands und er verfügt über äußerst moderne Sicherheitssysteme.

Ebenfalls ominös sind Meldungen darüber, dass der russische Inlandsgeheimdienst FSB über einen bevorstehenden Anschlag informiert gewesen sei, aber nicht in Domodedowo, südöstlich von Moskau, sondern in Selenograd, nordwestlich von Moskau, gesucht habe. Russlands Präsident Medwedew wäre gut beraten, wenn er eine umfangreiche und lückenlose Aufklärung zu den Versäumnissen der Sicherheitsorgane beauftragen würde. Doch will er das? Und hat er dazu überhaupt die politische Macht?

Autor: Ingo Mannteufel
Redaktion: Frank Wörner