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Asien

"Versagen der afghanischen Sicherheitskräfte"

Das Büro des afghanischen Präsidenten Karzai spricht im Zusammenhang mit der spektakulären Massenflucht von Taliban-Häftlingen in Kandahar von einem Desaster: Unterdessen wirft der Vorfall kritische Fragen auf.

Ein afghanischer Soldat vor dem Eingang zum Zentralgefängnis von Kandahar (Foto: AP)

Ein afghanischer Soldat vor dem Eingang zum Zentralgefängnis von Kandahar - von dort gelang die Massenflucht

Es waren hunderte Häftlinge, die innerhalb von ungefähr vier Stunden in der der Nacht auf Montag (25.04.) aus dem Zentralgefängnis in Kandahar fliehen konnten. "Die Taliban haben eine neue Taktik angewandt", erklärt Provinzgouverneur Turjalai Wessa nach der spektakulären Massenflucht. "Sie haben einen Tunnel von einem Wohnhaus bis zum Gefängnis gegraben." Durch diesen Tunnel seien die Häftlinge dann entkommen. Bei den insgesamt 475 Flüchtigen habe es sich fast ausschließlich um politische Gefangene gehandelt, so der Provinzgouverneur weiter. Nur rund 60 der Entflohenen konnten bislang wieder gefasst werden.

Kurz nach dem geglückten Ausbruch meldeten sich auch die Taliban zu Wort. Sprecher Zabiullah Mujahid brüstete sich gegenüber der Presse: Der Tunnel sei insgesamt 360 Meter lang gewesen, und es habe fünf Monate gedauert, ihn fertig zu stellen.

Provinzgouverneur Turjalai Wessa bei der Pressekonferenz (Foto: DW)

Provinzgouverneur Turjalai Wessa bei der Pressekonferenz am Montag - es war bereits der zweite große Ausbruch seit 2008

Zweiter Ausbruch in drei Jahren

Schon einmal - im Jahr 2008 - war den Taliban ein ähnlicher Coup gelungen. Damals konnten sie 400 ihrer Kämpfer sowie 600 weitere Häftlinge befreien - aus dem gleichen Gefängnis. Damals hatten die Aufständischen mehrere Selbstmordattentäter und schwere Waffen eingesetzt, um die Sicherheitsmauer des Gefängnisses zu überwinden. Über 20 Menschen kamen dabei ums Leben, darunter zehn Polizisten. Nach der spektakulären Flucht flossen von Seiten des Auslands mehrere Millionen Euro in einen Ausbau des Gefängnisses in Kandahar, um die Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern und derartige Vorfälle künftig ausschließen zu können.

Es ist bereits das dritte Mal innerhalb von kurzer Zeit, dass Afghanistan von negativen Schlagzeilen erschüttert wird. Erst vor wenigen Tagen verübte ein Selbstmordattentäter einen Anschlag auf das Büro des afghanischen Verteidigungsministers. Und Anfang April wurden bei einem Angriff wütender Demonstranten auf das UN-Hauptquartier im nordafghanischen Masar-i-Sharif mehrere Mitarbeiter der Vereinten Nationen getötet. Mit der Aktion wollten die Demonstranten gegen die Koranverbrennung in einer Kirche im US-Bundesstaat Florida protestieren.

Zweifel an den Sicherheitsorganen

Die Ereignisse der letzten Wochen werfen nun neue Fragen auf. Sind die afghanischen Sicherheitskräfte überhaupt in der Lage, bis 2014 selbst die Verantwortung für die Sicherheit in ihrem Land zu übernehmen? Dr. Abdul Qayum Mohmand, Vorsitzender der Kabuler Denkfabrik "Afghan Research and Development Institute" beantwortet diese Frage mit einem eindeutigem "Nein". Denn bei der Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte gehe es mehr um Quantität als um Qualität. "Es ist eine Armee, die aus Söldnern und nicht aus echten Soldaten besteht. Den meisten Soldaten geht es ums Gehalt und nicht um die Sicherheitslage oder um die Interessen ihres Landes."

Klassenraum mit Polizeianwärtern (Foto: picture alliance / dpa)

Masse statt Klasse? - Polizeiausbildung in Afghanistan

Ähnlich sieht es Turjalai Wessa, der Provinzgouverneur von Kandahar. Für ihn hat die Massenflucht ganz deutlich die Schwächen der afghanischen Sicherheitsorgane offenbart. "Sie haben versagt, daran gibt es keinen Zweifel. Wir geben offen zu, dass die nötige Wachsamkeit bei den Sicherheitskräften nicht vorhanden war." Zustimmung zu dieser Meinung kam auch von der obersten Adresse: aus dem Büro des afghanischen Präsidenten Hamid Karsai: "Ein Desaster, das nie hätte passieren dürfen". So bezeichnete dessen Sprecher, Waheed Omar, den Vorfall - und versprach eine genaue Untersuchung der Massenflucht.

Autor: Ahmad Wali Achakzai
Redaktion: Esther Felden

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