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Fokus Südosteuropa

Versöhnung auf dem Balkan

Teilnehmer einer internationalen Konferenz in Dubrovnik haben die früheren Kriegsgegner auf dem Balkan aufgerufen, die Vergangenheit aufzuarbeiten, um in die Zukunft blicken zu können. Politiker sind dabei die Vorreiter.

Händeschütteln (Foto: AP)

Zeit zur Aussöhnung

"Obwohl es ziemlich schwierig und unpopulär für die Politiker ist, für Toleranz und Versöhnung zu werben, sollte das eigentlich ihre Hauptaufgabe sein. Dafür werden aber starke Persönlichkeiten gebraucht!" - sagte der ehemalige polnische Präsident Aleksander Kwasniewski bei der Eröffnung der Konferenz "Versöhnung - Erfahrungen, Techniken und Möglichkeiten für Europa" in Dubrovnik.

Aber es sind nicht nur die starken Politiker, die in diesem Zusammenhang gebraucht werden. Für Versöhnung ist auch die Wahrheit extrem wichtig. Es muss genau geklärt werden, was in den 90-er Jahren passiert ist.

George Vassiliou, der ehemalige Präsident von Zypern, sagte dies können nur jene leisten, die sich der eigenen Geschichte bewusst sind und diese akzeptiert haben. Auch wenn alle immer wieder betonen, dass sie nur in Frieden leben wollen. "Natürlich sind wir auf manche Zeitperioden aus unserer Vergangenheit stolzer als auf andere. Aber, sie sind alle Teil unserer Geschichte. Nur wenn wir unsere eigene Geschichte akzeptieren, so wie sie ist, können wir mit der Versöhnung anfangen." Die Europäische Union sei das beste Beispiel dafür, meint Vassiliou.

Geteiltes Land

Karte von Bosnien und Herzigowina (Quelle: Wikimedia)

Unüberwindbare Barrieren?

Aber wie springt man über den eigenen Schatten auf dem Balkan? Und wie einigt man sich auf eine gemeinsame Geschichte vor dem Hintergrund der jüngsten Kriegsereignisse?

Bislang wird die Geschichte in jedem Land anders interpretiert. Wie lautet aber die Wahrheit nach einem Krieg, der keine Sieger kennt, nach dem aber Verluste auf allen Seiten zu beklagen sind? Ist es überhaupt möglich, die ganze Wahrheit zu erfahren und kann dabei die Erfahrung der Anderen helfen?

Die Geschichte der Balkanländer - sowohl die Kriegsereignisse als auch die bisherigen und jetzigen Beziehungen untereinander, seien ein Sonderfall, so betonen viele Konferenzteilnehmer. Vor allem Bosnien und Herzegowina stehe hervor. Dort gibt es in Wirklichkeit drei Landesteile - einen kroatischen, einen serbischen und einen bosniakischen. Offiziell sollten es nur zwei sein - die Kroatisch-muslimische Föderation und die Serbenrepublik.

Es gibt dort Schulen, wo die Schüler verschiedener Ethnien sogar getrennten Unterricht haben. Das Land ist geteilt. Tabuisierung und Segregation gehen bis in die tiefsten Poren der Gesellschaft. Politiker, die den Dialog propagieren machen sich unbeliebt.

Vergangenheitsbewältigung vorrangig

Montenegros Präsident Filip Vujanovic (mi.) und Bakir Izetbegovic, Mitglied des Staatspräsidiums von Bosnien-Herzegowina auf dem Podium (Foto: Ferdi Limani)

Vujanovic (mi.) und Izetbegovic (re.) plädieren für die Zukunft

Trotz alldem fordert das neue muslimische Präsdentschaftsmitglied Bakir Izetbegovic Dialog und Versöhnung. Er betont zwar immer wieder, dass die Schuld bei den Serben liegt, ist aber bereit zuzugeben, dass auch seine Landsleute im Zuge der Kriegsereignisse Verbrechen begangen haben.

"Natürlich macht es einen Unterschied, ob man nur mit einem Fleck beschmutzt ist oder mit 1000 Flecken. Die legalen bosnischen Streitkräfte haben in vier Jahren weniger Verbrechen begangen als die illegalen serbischen Gruppierungen in einer Stunde", sagt Izetbegovic und fügt hinzu, dass trotz der grausamen Vergangenheit alle Seiten jetzt nach vorne schauen müssten.

Heißt das, dass man, trotz allem was geschehen ist, doch versuchen soll die Vergangenheit zu vergessen? Nein, meint der Präsident von Montenegro Filip Vujanovic. Man soll zukunftsorientiert denken, aber erst nachdem eine Vergangenheitsbewältigung erfolgt ist. In seinem Land war das der Fall, als sich der derzeitige Premierminister Milo Djukanovic damals in seiner Funktion als Präsident von Montenegro vor zehn Jahren in Dubrovnik öffentlich entschuldigt hatte - für alle Verbrechen, die in Namen seines Landes verübt wurden.

Kroatiens Präsident, Ivo Josipovic, teilt diese Meinung. "Es gibt viele traurige Einzelschicksale, aber wir dürfen nicht hassen. Die Versöhnung ist sehr wichtig und diese Meinung teilen auch die übrigen Präsidenten aus der Region, mit denen ich im Kontakt stehe", versichert Josipovic.

Gute Nachrichten erwünscht

Rita Süssmuth, ehemalige Bundestagspräsidentin, auf einer Konferenz in Dubrovnik (Foto: Limani)

Süssmuth: Junge Generation hat Möglichkeiten

Die belastende Geschichte kann auch als Chance gesehen werden, so die ehemalige Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. "Man soll aufhören in die Vergangenheit zurück zu blicken, denn das kann nur dazu führen, weitere nationalistische Tendenzen zu wecken. Die junge Generation soll wissen, welche Möglichkeiten sie in einer modernen Welt hat," sagt sie.

Und diese Möglichkeiten lägen in der EU. Dort könnten alle Beteiligten eine gemeinsame Zukunft finden. Kroatien stehe bereits an der Türschwelle der europäischen Gemeinschaft. Die anderen müssten noch einiges leisten, bis sie für die europäische Familie bereit seien, so Süssmuth.

Leider sei in Zeiten der Wirtschaftskrise kein guter Augenblick dafür. Denn bei allen aktuellen finanziellen Problemen spricht man nicht mehr so gerne über die EU-Erweiterung, gesteht sie ein. Aber der ehemalige polnische Präsident Kwasniewski meint: "Die EU braucht gute Nachrichten vom Balkan. Versöhnung ist sehr wichtig und diese kann die europäische Integration der Westbalkan-Länder bestimmt beschleunigen."

Die gute Nachricht der Konferenz für die Politiker lautet: Sie müssen die Arbeit auch weiterhin nicht ganz alleine leisten. Nicht-Regierungsorganisationen werden ihnen auch zukünftig dabei helfen.

Autorin: Sanja Blagojevic

Redaktion: Fabian Schmidt

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