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Kultur

Verriss und Volksmund

100 Millionen Hesse-Fans können nicht irren! So sieht es auch die Forschung im Ausland. Doch Deutschlands "Vordenker" tun sich schwer mit Hermann Hesses Schriften.

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Hermann Hesse, geboren am 2. Juli 1877

Wofür hat der deutschstämmige Schriftsteller Hermann Hesse eigentlich den Literaturnobelpreis erhalten? Zudem noch den des Jahres 1946 – kurz nach Deutschlands "Bedingungsloser Kapitulation!" Glaubt man der Kritik im "Land der Dichter und Denker" heute, so war es eine Laune des Nobelpreiskomitees. "Rosa Kitsch" seien Hesses Narziss und Goldmund und völlig "anachronistisch und weltfremd" das Gesamtwerk im Blick der heutigen Zeit. Das sagen Literaturkritiker Hellmuth Karasek und Marcel Reich-Ranicki über die Bedeutung von Hesses Werken, 125 Jahre nach dessen Geburt.

Weltliteratur und ihre Blumentöpfe

Schon 1962, im Todesjahr des Schriftstellers aus dem Ort Calw im Schwarzwald, behauptete der Ex-Feuilleton-Chef der Zeit, Rudolf Walter Leonhardt: Mit Hesse sei "kein Blumentopf mehr zu gewinnen". 30 bis 50 Tausend Exemplare seiner Bücher liefert der Frankfurter Suhrkamp-Verlag monatlich in Deutschland aus. 100 Millionen Bücher weltweit wurden verkauft. Die Welt hat sich ihren Hesse längst erobert, und – auch der deutsche Volksmund – liest weiter.

Universitäten in Indien haben Hesses Demian, die indische Dichtung Siddartha und die Gesellschaftsutopie Das Glasperlenspiel zur Standardlektüre erkoren, die jeder Germanistikstudent kennen muss. Und in Deutschland? Bei zufälliger Auswahl deutscher Vorlesungsverzeichnisse findet sich im fünften Exemplar ein Eintrag zu Hesse: An der Humboldt-Universität in Berlin wird sein Steppenwolf vorausgesetzt: Zu Beginn einer Vorlesung über Literatur der Weimarer Republik. Besprochen wird das Buch nur beiläufig.

Weltfremd oder weltweit?

"Weltfremd" soll eine Literatur sein, die in 60 Sprachen übersetzt wurde und laut Index translatorum der Unesco das meistgelesene deutschsprachige Werk seit den Gebrüder Grimm ist? Befragt man Hesse-Übersetzer nach dem literarischen Können des Deutschstämmigen, so geben diese zur Antwort: "Ich habe ihn gar nicht als deutsch empfunden." So beschrieb Volker Michels, Herausgeber der Hesse-Gesamtausgabe im Suhrkamp-Verlag, seine Erfahrungen mit der ausländischen Hesse-Rezeption gegenüber DW-World.

Und seine Modernität? Narziss und Goldmund handelte schon bei Veröffentlichung 1930 nicht an "modernen" Plätzen – die Geschichte des jungen Goldmund und seines Lehrgehilfen in der Klosterschule Mariabronn. Auch Hesses Sprache in Siddartha war 1922 nicht zeitgemäß. "Im Ausdruck ist er ein Traditionalist", sagt Volker Michels. Es seien Themen und Blickwinkel Hesses, die zeitlos seien - Figuren am Rand der Gesellschaft mit Blick in deren Mitte. Figuren, die hadern, mit sich und der Welt oder in einer Kultur leben, die der breiten Masse unbekannt ist.

Nach der Jugend ins Regal?

Mit sich und der Welt hadern – das schreibt man gern der Jugend zu. Und tatsächlich ergaben Umfragen des Wiener Verlegers Fritz Panzer, publiziert durch den Stern im Oktober 2001, dass im Alter zwischen 20 und 30 Jahren besonders viel Hesse gelesen wird. Hellmuth Karasek, der Narziss und Goldmund heute als "rosa Kitsch" empfindet, fand die Lektüre damals nach eigenen Angaben ganz gut. Die Jugend entdeckt Hesse für sich "und mit ihm sich selbst und ihre Ideale", so Herausgeber Michels. Danach steht Hesse oft jahrzehntelang im Regal. Mit grauen Haaren, auf der Suche nach der eigenen Jugend und ihren Idealen, greife man wieder ins Hesse-Regal.

Politische Elastizität

Hesse kehrte dem Wilhelminischen Reich früh den Rücken. Er ging 1912 in die Schweiz. In Demian (1919) landete er einen Abgesang auf den Ersten Weltkrieg, den das Deutsche Kaiserreich anzettelte. Mit "Siddartha sah er schon 1922 hinter die Kulissen des Euro-Zentrismus", sagt Herausgeber Michels. Und der Steppenwolf, er blickt dem Rausch der "Goldenen 20er Jahre" schon zwei Jahre vor der Weltwirtschaftskrise ins Gesicht. "Hesses Figuren waren und sind nicht politisch elastisch", so Michels. Ihre "Psychologie" ist von der Forschung nicht multipel deutbar, sie sind klare, kühne Charaktere.

Für "Kühnheit und Tiefe" hat Hesse übrigens seinen Nobelpreis erhalten. Und für das Ideal, nach dem seine jungen Helden bitterlich suchen. Eines, das jenseits aller Gesellschaftsformen allen Religionen zu Grunde liegt: Das "Humanitätsideal". Das mag rosa kitschig sein – vielleicht – aber "weltfremd und anachronistisch?" Auf zum Regal!

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  • Datum 02.07.2002
  • Autorin/Autor Andreas van Hooven
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  • Permalink http://p.dw.com/p/2SIE
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